27.02.2024

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Zwischenruf

Die Grünen und der kommende Umsturz

Reinhard Mohr
19.01.2024

Als Olaf Scholz, der unbeliebteste Kanzler der Deutschen seit 1949, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine vor bald zwei Jahren von einer „Zeitenwende“ sprach, ahnte er noch nicht, dass dies nur der Anfang tatsächlich grundlegender Veränderungen sein würde. Inzwischen sind jede Menge „Verkehrs- und Wärmewenden“ angekündigt worden, und überhaupt soll die ganze Gesellschaft „transformiert“ werden, was nicht nur nach einem anonym funktionierenden „Transformator“ klingt, sondern auch nach den berüchtigten „Fünfjahresplänen“ der sozialistischen DDR, die am Ende in deren Untergang führten.

Der brutale Überfall der palästinensischen Hamas-Terroristen auf die israelische Zivilbevölkerung und der darauffolgende Krieg um Gaza bescherte der Welt die nächste Zeitenwende, auf die gerade Deutschland so gar nicht vorbereitet war – nicht nur, was den geradezu explosionsartig vermehrten Antisemitismus betrifft.

Umdeutung von legitimem Protest
Und nun sind auch noch die Bauern mit ihren Traktoren auf den Straßen. Neben ihren konkreten Forderungen – der Rücknahme der Subventionskürzungen – artikulieren sie eine allgemeine, in der Bevölkerung weit verbreitete Ablehnung der Ampel-Politik insgesamt. Der Vertrauensverlust ist riesig und in Wahlumfragen messbar. Mehr noch: Der Respekt vor der Bundesregierung ist in einmaliger Weise geschwunden, vor allem auch, weil sie mehr mit sich selbst ringt als mit den drängenden Problemen, die einer Lösung harren. Die Unzufriedenheit ist so groß geworden, dass ein Hauch von Volksaufstand über dem Land liegt, während die AfD immer neue Umfrage-Rekorde erzielt.

Und so bekommen kleine Szenen des Protests eine ikonographische Bedeutung, die über den Anlass hinausgeht. Die angebliche Blockade der Fähre, mit der Robert Habeck zu Jahresbeginn von der Hallig Hooge aufs Festland zurückkehren wollte, wurde von den Grünen und Teilen der Medien umstandslos als Beginn eines Umsturzversuchs interpretiert.

Was juristisch immerhin als Nötigung zu bewerten wäre und von den Klimaklebern seit fast zwei Jahren tausendfach praktiziert wird, erschien nun als Auftakt eines ungeheuerlichen Versuchs von ein paar hundert ostfriesischen Bauern, die Macht im Staate an sich zu reißen. In den „sozialen“ Medien war gar von „Lynch-mob“ die Rede. Dabei waren keine Fäuste, keine Steine und schon gar kein „Molotowcocktail“ geflogen, die traditionelle Handfeuerwaffe linksradikaler Demonstranten von Leipzig bis Hamburg, die gerne auch zu Silvester zum Einsatz kommen. Es wurden auch keine Baseballschläger und Eisenstangen gesichtet, mit denen linke Antifas vermeintlichen „Nazis“ den Kopf einschlagen. Der NDR veröffentlichte inzwischen sogar einen Bericht, nach dem es entgegen früherer Medienberichte gar keinen Versuch der Bauern und weiterer Personen gegeben habe, die Fähre zu stürmen.

Verdrängte grüne Umsturzträume
Man muss kein Küchenpsychologe sein, um hier einen klaren Fall von retrograder Projektion in Tateinheit mit traumatisch aktualisierten Angstattacken nach Dr. Freud zu wittern. Die gesamte Geschichte und Vorgeschichte der Grünen, die mit der Revolte von 1968 begann, besteht aus revolutionären Umsturzfantasien, radikalen Widerstandsaktionen, Blockaden, Hausbesetzungen und einer schier endlosen Debatte darüber, ob die Anwendung von Gewalt gegen den Staat und seine Repräsentanten gerechtfertigt sei – oder nur jene gegen „Sachen“. Kurz: Man projiziert das, was man einst selbst getan oder zumindest gutgeheißen hat, auf die Demonstranten von heute, in diesem Fall die Bauern.

Ältere Zeitgenossen erinnern sich noch, wie schwer es vielen „Aktivisten“ von damals fiel, sich klar und unmissverständlich vom mörderischen Terror der RAF zu distanzieren. Zu den großen Auseinandersetzungen, die die Gründungsphase und Frühzeit der Grünen prägten, gehörten die militanten Kämpfe gegen die geplanten Atomkraftwerke in Wyhl, Brokdorf und Grohnde, gegen das Atomendlager in Gorleben und die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf.

Erbittert wurde auch gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen gekämpft, nicht zu vergessen die „Friedensbewegung“ Anfang der 80er Jahre. Anlass zu „zivilem Ungehorsam“ mit Blockaden und Besetzungen gab es immer wieder, zuletzt im Hambacher Forst („Hambi“) und in Lützerath („Lützi“), wo es zu Sachbeschädigungen, Brandstiftungen und Dutzenden Verletzten kam.

Gesamtschaden: über 200.000 Euro
Bei all diesen Ereignissen waren Grüne maßgeblich beteiligt oder sympathisierten mit den Demonstranten und Besetzern – zuletzt eher halbherzig, und das aus einem einzigen Grund: Man repräsentiert nun selbst die Staatsgewalt und kommt damit der eigenen Widerstandsgeschichte in die Quere, die stets mit der Losung verbunden war: „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt!“ Und fast überall solidarisierte man sich damals mit der Landbevölkerung, ob mit den südbadischen Winzern oder den niedersächsischen Bauern in Lüchow-Dannenberg.

„Es entbehrt nicht der geschichtlichen Ironie, dass die Partei, die anfangs die Bauern als Sinnbild des Widerstands gegen die industrielle Moderne romantisierte, nun selbst zur Zielscheibe von Traktorenblockaden und dergleichen wird, weil sie einige Privilegien für die Bauern abbauen will“, schreibt die „Welt“. Ob es hier wirklich um Privilegien geht, steht auf einem anderen Blatt.

Erinnerungen an SED-Argumente
Die neue grüne Staatsräson, fest im Bunde mit dem großen Ziel der klimapolitischen Weltrettung, sieht sich nun mit einer überall aufkeimenden Rebellion konfrontiert, die sie nur als missliebige Störung des einzig richtigen Kurses empfinden kann. Von Ferne erinnert das an eine Schrift der SED, mit der im Jahr 1957 begründet wurde, warum es in der DDR keine Opposition geben könne: Im sozialistischen Paradies müsste sie sich ja „gegen die Einheit der Arbeiterklasse, gegen unseren Arbeiter- und Bauernstaat richten. Sie müsste für den NATO-Kriegspakt und für die Vorbereitung eines Atomkriegs sein. Solch eine Opposition zu dulden wäre verbrecherisch.“ Eben.

Nein, wir wollen keine falschen historischen Parallelen ziehen, aber die panikartige „Flucht“ von Robert Habeck vor angeblich gewalttätigen Bauersleuten zeigt die tiefsitzenden, verdrängten Ängste der rotgrünen politischen Klasse, die nun gerade wieder virulent werden, weil man in jungen Jahren selbst jede Menge „feuchte Träume vom Umstürzen“ (Cem Özdemir) hegte.

Mit einer Psychotherapie wird es jetzt allerdings nicht getan sein.

Reinhard Mohr ist freier Autor und schreibt u.a. für „Die Welt“ und die „Neue Zürcher Zeitung“. 2023 erschien sein
mit Henryk M. Broder verfasstes Buch „Durchs irre Germanistan. Notizen aus der Ampel-Republik“ (EuropaVerlag).
www.europa-verlag.com


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Kommentare

Gregor Scharf am 20.01.24, 09:14 Uhr

Die geradezu hysterischen und emotional aufgeputschten Reaktionen verdeutlichen die Schwäche der Regierenden. Heute sind es noch Beschimpfungen ohne Argumente. Morgen werden es wegen fehlender Argumente schlagende Argumente gegen die murrende Bevölkerung sein.
In der DDR standen sich Demonstranten und die Angehörigen der Sicherheitsorgane gegenüber. Sie waren nicht selten verwandt oder verschwägert. Keiner wollte den anderen ausbeuten oder ihn niederknüppeln und seine Gesundheit gefährden, als der Niedergang unübersehbar wurde. An dem Punkt unterscheiden sich die Situationen. Hier gibt es zu viele Nutznießer, die alles daran setzen, dieses System am Leben zu halten, zu viele Interessengruppen, die man gegeneinander aufhetzen kann. Ihr Ziel ist die kollektive Ausbeutung der Menschen, die keine Lobby haben und nicht die nötigen Mittel, um sich rechtlich dagegen zur Wehr zu setzen. Der Repressionsapparat erlässt neue, angepasste Gesetze im Sekundentakt, um immer neue Hürden aufzurichten zur Absicherung der Demokratie. Allein das gibt zu denken, denn eine Demokratie muss man nicht absichern, wird sie doch vom Volk getragen. Die Totengräber der Demokratie sitzen auf demokratisch gewählten Posten und bemerken ihr Fehlverhalten nicht, weil es antrainiert ist, und weil sie in ihrem Leben mehrheitlich noch nie richtig arbeiten mussten für ihren Lebensunterhalt.

Kersti Wolnow am 19.01.24, 10:34 Uhr

Es ist schon seltsam, wie sich gerade die Grünen ins Gegenteil ihrer ursprünglichen Ziele transformierten (oder transformiert wurden?)
Dasselbe trifft auf die Bolschewisten aller Farben zu, die sich mit dem Globalkapital zusammenschlossen und mit der Migration den Globalismus befeuern. Dafür ließ ihnen das Kapital paar spinnerte Ideologien, wie den Sexismus/die Unmoral in jeder Form und ihre Klimareligion. Die Genossen merken ihre Schizophrenie nicht mehr, indem sie die langen Transportwege der ausgelagerten Industrie tolerieren und trotzdem über Klimaveränderungen klagen. Ich unterstütze die Bauernproteste deshalb, weil mir regionale Lebensmittel lieber sind als das anonyme industrielle und künstliche Zeugs von weither.
Die Genossen zu verstehen, bemühe ich mich genausowenig wie 1989, damals hatten wir die Koffer gepackt. Heute hat die Geldelite die ganze Welt vereinheitlicht. Daher müssen wir alle als Graswurzel vor Ort verändern, viele Nadelstiche können sie nicht korrumpieren. Der Riese muß ins Wanken kommen. Leider haben sie sich auch die Medien gekrallt, daher können sie die Mittelschicht verunglimpfen. Die muß aber erhalten werden, sonst haben wir als Kunden keine Auswahl im Preis und in dwen Inhaltsstoffen, von der Form ganz abgesehen, bei Möbeln und anderen Dingen fehlt der gute Geschmack völlig.

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