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Vogelparadies in einer deutschen Großstadt: Eine Kanadagans (mit schwarzem Hals) mischt sich unter eine Gruppe von Graugänsen
Foto: twsVogelparadies in einer deutschen Großstadt: Eine Kanadagans (mit schwarzem Hals) mischt sich unter eine Gruppe von Graugänsen

Vogelwelt

Die Invasion der Schnatterer

Während viele Vogelarten als bedroht gelten, vermehren sich manche Wildgänsearten ohne Ende – Das führt zu Konflikten

Dagmar Jestrzemski
16.05.2023

Die meisten Menschen freuen sich, wenn sie im Herbst und Frühjahr die in gewinkelter Formation fliegenden Gänseschwärme hoch am Himmel sehen und ihre Rufe hören, mit denen sie untereinander Kontakt halten. Man denkt vielleicht an die kleine Gans Martina von Konrad Lorenz, die ihren Namen dem Gänserich Martin verdankte, den Selma Lagerlöf unter der Führung der alten, weisen Graugans Akka von Kebnekaissje mit dem wichtelgroßen Nils Holgersson auf dem Rücken auf Reisen schickte. Doch die Ankunft der Wildgänse in ihren Rast- und Überwinterungsgebieten löst nicht überall Freude aus.

Seit Jahren gibt es vor allem im ländlichen Raum immer größere Probleme durch die starke Vermehrung einiger Arten der Wildgänse. Nonnengänse, wegen ihres schwarz-weißen Kopfes auch Weißwangengänse genannt, haben sich ebenso wie einige andere Arten seit den 50er Jahren kontinuierlich und seit zwei Jahrzehnten exponentiell in vielen Teilen Deutschlands vermehrt, ohne dass dieser Entwicklung im Rahmen der erlaubten Jagdzeit in den Herbst- und Wintermonaten Einhalt geboten werden konnte.

Oft tun sich die geselligen Nonnengänse mit Saatgänsen zusammen, um in riesengroßen Einheiten ihre Überwinterungs- und Fressquartiere zu besetzen. Wie alle Wildgänse halten sie zäh an ihren erprobten Winterherbergen fest.

Ging man in den 70er Jahren noch von einem Bestand in der Barentssee (Nordrussland) von weniger als 50.000 Nonnengänsen aus, so wird deren herbstliche Population auf den Watt- und Wiesenflächen im gesamten Nord-Ostsee-Bereich und entlang der Unterelbe aufgrund von Zählungen jetzt auf 1,3 Millionen Tieren geschätzt. Fast überall kommt es zu Konflikten mit den Landwirten, da die Tiere immense Schäden am Wiesen- und Weideland anrichten. Generell unerwünscht sind die invasiven Arten Nil- und die Kanadagans, die sich in Parks besonders wohl fühlen und als „Problemvögel“ wahrgenommen werden.

Wo seit jeher die gern gesehenen Schwäne und Stockenten beheimatet waren, kämpfen jetzt mancherorts im Frühjahr Nil- und Kanadagänse lautstark um die besten ufernahen Fraß- und Brutplätze an den Seeufern und greifen auch schon mal Jogger an. Die Dänen schießen schon seit Jahren auf jede Nilgans.

Freifahrtschein für Jäger
Hierzulande hat man damit lange gezögert, doch nun wird langsam klar, dass weiche Maßnahmen nicht greifen. In Soest, wo die Nilgänse im städtischen Park täglich die gepflasterten Flächen am Teich verunreinigen, hat man einen Jäger damit beauftragt, die Vögel zu erschießen.

Ausgerechnet in Schweden, dem Heimatland der Lagerlöf, treten Wildgänse monatelang in derart großen Scharen auf, dass Schonen und die Ostseeinseln zu einem Brennpunkt für die Wildgansjagd wurden. Auf ihrem Weg nach Süden in die Winterquartiere passieren fast alle Gänse Südschweden. Ein Teil überwintert in den dünn besiedelten Gebieten mit viel Landwirtschaft. Zahlreiche schwedische Jagdanbieter beherbergen während der Jagdsaison im Winter Jagdtouristen aus ganz Europa. Sie werben mit einem Komfortprogramm und der Verheißung der „weltweit größtmöglichen Strecken“ an erlegten Gänsen. In wenigen Stunden können angeblich 150 bis 300 Gänse erlegt werden. Frühmorgens lauern die Jäger in der Nähe der Schlafgewässer der Tiere mit Lockbildern, um sie beim Auffliegen abzuschießen.

Die schlauen Schnatterer haben jedoch in den vergangenen Jahren dazugelernt und sind noch vorsichtiger geworden. Tarnung sei daher extrem wichtig. Dem Vorwurf, dass es unethisch sei, so viele Gänse auf einmal zu erlegen, begegnen die schwedischen Jäger mit dem Argument, dass sie auf kurze Entfernungen schießen. So würden keine Tiere verletzt zurückbleiben. Auch würden die erlegten Tiere verwertet. Die Schäden durch Wildgänse seien so immens, dass man jede Gelegenheit nutzen müsse, um den Bestand zu regulieren.

Die schwedische Regierung plant, demnächst Wildgansfleisch in einigen Schulkantinen anzubieten. Erfahrene Köche sollen das Fleisch so zubereiten, dass es den Kindern schmeckt, denn Wildgansfleisch ist zäh. Nach inoffiziellen Berichten ist im ländlichen Schweden ganzjährig das Knallen von Schüssen zu hören. Wie es heißt, helfen sich die Bauern selbst.

NABU bremst ab
Auf den Watt- und Wiesenflächen an der Nordsee und entlang der Unterelbe fallen im Frühjahr und im Herbst bis zu 200.000 Nonnengänse und Saatgänse ein. Sie rasten dort von März bis Mai und im Oktober und November. Wenn es kälter wird, ziehen fast alle Vögel weiter in die Niederlande, die das Hauptüberwinterungsgebiet für den Großteil der Population ist.

Immer mehr Tiere bleiben aber länger als früher im Wattenmeerbereich, um Fettdepots anzulegen, die ihnen den Non-stop-Flug in die Arktis ermöglichen. Ihre Brutplätze liegen in Grönland, Spitzbergen, an der russischen Eismeerküste, seit einigen Jahrzehnten auch auf Gotland und anderen Ostseeinseln, entlang an der Wattenmeerküste und im niederländischen Rheindelta. Das führt zu Konflikten mit den Landwirten, die enorme wirtschaftliche Schäden durch Nonnengänse und andere Gänsearten auf Grün- und Ackerland hinnehmen müssen.

Bislang verhindert vor allem der NABU mit angeblich wissenschaftlicher Begründung die Forderung der Jagd- und Landwirtschaftsseite nach einer drastischen Reduzierung der Bestände. So spitzen sich die Konflikte zwischen „Naturschutz“ und Landwirtschaft zu.

Ein Ärgernis für die Landwirte ist auch die Bewertung der Bestandssituation der Nonnengans durch die EU-Kommission. Für die Art ist ein Referenzwert von 380.000 Tieren festgelegt, der für neun Staaten gilt, die den Flugweg der deutsch-russischen und der niederländischen Population bilden. Ziel sei es nicht, die Nonnenganspopulation auf einem bestimmten Niveau zu halten, sondern zu verhindern, dass die Bestände unter diesen Wert fallen, wie es heißt.

Bisher waren Schäden durch Wildgänse nicht ersatzpflichtig. Gegen die Forderungen nach Ausgleichszahlungen für die Landwirte, die oft Totalverluste auf Wiesen und Feldern hinnehmen müssen, sperren sich nach wie vor Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Ein Richterspruch vom Dezember des vergangenen Jahres könnte das jetzt ändern. Ein Weideviehhalter aus Weener in Ostfriesland verklagte das Land Niedersachsen erfolgreich und erhält nun 75.000 Euro Schadenersatz.

Zuletzt sei daran aber erinnert, dass wir uns die Freude am Naturschauspiel der fliegenden Wildgänse durch diese unerfreuliche Entwicklung nicht verderben lassen sollten.


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Kommentare

Heribert Schlickebiehl-Bickeböller am 18.05.23, 20:04 Uhr

Ein wunderbarer Artikel. Wildgänse sind natürlich Teil der Natur, da hat der NABU schon recht. Wo er nicht recht hat, ist die verallgemeinerte Darstellung, alle Wildgänsearten wären hier in Europa gleichermaßen schützenswert. Das sind sie nicht. Wir haben hier seit Jahrhunderten ein paar heimische Arten, die es zu schützen gilt, damit unser heimisches Biotop so erhalten bleibt, wie wir es kennen und lieben. Man muss deshalb aufpassen, dass unsere hier üblich vorherrschenden Arten von Wildgänse nicht von anderen Arten von Wildgänsen verdrängt werden, die unserem Biotop langfristig schaden, und hier auch noch zu einer drangvollen Enge führen, die in unserem hiesigen Biotop zum Raubbau an der Natur und den vorhandenen Ressourcen führt. Und deshalb gilt es, diese fremden Wildgänse zu schießen. Und zwar so schnell und umfangreich wie möglich. Und wenn der NABU sich hier weiter querstellt, dann braucht es eine etwas deutlichere Kommunikation. Manchmal ist die Verwendung von harschen Worten zwingend nötig, um problematische Widerstände zu brechen. Einsicht erfolgt leider nicht selten erst dann, wenn der Ernst der Lage wirklich begriffen wird. Da taugt eine offene und direkte Kommunikation zum wachrütteln eher, als der übliche diplomatische Ton.

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