24.01.2026

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Von Hoffmann eigenhändig illustriert: Umschlag seines „Murr“-Buchs
Bild: WikimediaVon Hoffmann eigenhändig illustriert: Umschlag seines „Murr“-Buchs

Kultur

Die Katze ist auch nur ein Mensch

Der erste „Catfluencer“ war ein Romantiker – Vor 250 Jahren kam in Königsberg der „Murr“-Erzähler E.T.A. Hoffmann zur Welt

Hermann Müller
24.01.2026

Ob „Grumpy Cat“ – bürgerlich: Tardar Sauce –, jene Katze, die mit missmutigem Blick zu Lebzeiten auf Facebook über acht Millionen Freunde um sich scharte, oder „Nala Cat“ als klassische Aufsteigergeschichte vom Tierheim zur Weltmarke – Katzen haben sich zu Superstars des Internets entwickelt. Mit Reichweiten im Millionenbereich verfügen diese felligen Selbstdarsteller über eine mediale Präsenz, die für das Gros der zweibeinigen Konkurrenz unerreichbar bleibt.

Die aus einem Tierasyl in Kalifornien adoptierte Nala gilt mit einem geschätzten Vermögen von 100 Millionen US-Dollar aktuell als die erfolgreichste Influencer-Katze: Eigene Marken für Premium-Katzenfutter, Werbeverträge und Filmrollen haben den amerikanischen Traum vom Tierheimkätzchen zur Millionärin Wirklichkeit werden lassen.

Der Urahn dieser „Catfluencer“ erblickte vor etwas über 200 Jahren in der Berliner Schreibstube von E.T.A. Hoffmann das Licht der Welt. Mit seinem Roman „Lebensansichten des Kater Murr“ (1819/21) schuf Hoffmann ein Werk, das die heutige Obsession mit dem „Cat-Content“ vorwegnahm, lange bevor das erste Byte durch ein Glasfaserkabel jagte.

Wenn wir heute durch soziale Netzwerke scrollen, begegnen uns Katzen, die vermeintlich Klavier spielen, philosophisch in die Ferne blicken oder ihre Besitzer mit arroganter Ignoranz strafen. Die sogenannte Künstliche Intelligenz hat die Möglichkeiten dieser Katzen-Inszenierungen noch einmal ins Phantastische gesteigert. Mithilfe lernfähiger Computerprogramme entstehen heute täuschend echte Videos, in denen Kater als gelehrte Professoren in historischen Bibliotheken thronen oder als stressgeplagte Katzenmütter den Haushalt schmeißen.

Hoffmann erkannte bereits in der Romantik das komische Potenzial solcher Projektionen. Hoffmanns Murr ist kein gewöhnliches Haustier. Er ist ein Gelehrter, ein eitler Philister, ein Autodidakt, der seine Lebensweisheiten auf die Rückseite der Manuskriptblätter des Kapellmeisters Johannes Kreisler kratzt. Genau wie die digital inszenierten Catfluencer der Gegenwart hielt sich das Fabelwesen Murr für das Maß aller Dinge.

Der Geburtsort Hoffmanns, das ostpreußische Königsberg, war eine Stadt der nüchternen Vernunft, geprägt vom Geist Kants. Womöglich ist es kein Zufall, dass der am 24. Januar 1776 geborene Schriftsteller, Komponist und Jurist während seiner Studienzeit an der Albertina laut historischer Überlieferung nie eine Vorlesung Kants besucht hat. Schon früh suchte Hoffmann, der wegen seiner Bewunderung für Mozart seinen Wilhelm im Vornamen durch Amadeus ersetzte und aus Ernst Theodor Amadeus das Autorenkürzel E.T.A. ersann, als Dichter das Phantastische, das Abgründige und das Groteske hinter der Fassade der wohlgeordneten Verhältnisse.

Traueranzeige für den Kater
Hoffmanns Beziehung zu seinem realen Kater Murr – denn es gab dieses Tier wirklich in seinem Haushalt – war von einer mystischen Innigkeit geprägt, die über die normale Zuneigung zu einem Haustier hinausging. In seinen Briefen und Tagebüchern taucht der Kater immer wieder als ein fast menschlicher Gefährte auf. „Mein Kater Murr hat mir heute Nacht das Leben gerettet, indem er mich durch sein Schnurren aus den Klauen der Melancholie riss“, notierte er einst – eine Stimmung, die man in Hoffmanns Berliner Jahren zwischen Arbeit am Kammergericht und nächtlichen Weinstubenbesuchen oft liest.

In der Abgeschiedenheit seines Arbeitszimmers wurde das Tier zum einzigen Vertrauten des Schriftstellers. Als Murr in der Nacht vom 29. zum 30. November 1821 starb, traf dies Hoffmann tiefer als der Verrat mancher menschlicher Weggefährten. Die Trauer war so groß, dass er förmliche Traueranzeigen drucken ließ und an seine Freunde verschickte. Diese Geste galt den Zeitgenossen als bizarr und exzentrisch, leuchtet heute aber jedem Tierbesitzer unmittelbar ein, der seinem verstorbenen Liebling ein digitales Denkmal im Netz setzt.

Literarisch griff Hoffmann dabei auf eine reiche Ahnenreihe zurück. Er verfeinerte das Erbe von Charles Perraults „Gestiefeltem Kater“ und Ludwig Tiecks gleichnamiger dramatischer Satire. Diese Traditionslinie setzte sich weit über Hoffmanns eigenen Tod hinaus fort – er selbst überlebte seinen Kater um nicht einmal sieben Monate und verstarb im Juni 1822. Das Erbe des literarischen „Kater Murr“ reicht von Gottfried Kellers überlebensklugem „Spiegel, das Kätzchen“ bis hin zu Michail Bulgakows diabolischem, Wodka trinkendem Kater Behemoth in „Der Meister und Margarita“.

Hundefreund Th. Mann liebte Murr
Der Erfolg der Murr-Fabel ließ hierzulande jedoch lange auf sich warten. Goethe fremdelte ohnehin mit Hoffmanns düsteren Auswüchsen der Romantik. Über seinen Kater nahm Hoffmann obendrein auch noch recht offensichtlich „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ aufs Korn. Kapitelüberschriften wie „Lehrmonate“ oder „Auch ich war in Arkadien“ sind direkte Anspielungen auf das klassische Ideal der Persönlichkeitsentwicklung des Weimarer Dichterfürsten. Die Ironie liegt darin, dass Hoffmann das erhabene Bildungsstreben des Bildungsbürgertums auf ein Tier überträgt. Am Ende interessiert sich Kater Murr dann allerdings doch nur für einen guten Braten und ein warmes Plätzchen am Ofen.

Spätere Generationen erkannten die Genialität dieser Konstruktion. Dostojewski fand in der Zerrissenheit zwischen dem banalen Kater und seinem tragischen Gegenpart Kreisler jene psychologische Tiefe, die seine eigenen großen Romane prägte. Thomas Mann, obgleich Hundefreund, sah im „Kater Murr“ eines der größten Meisterwerke der deutschen Literatur. Der „Murr“ blieb für den deutschen Literaturnobelpreisträger zeitlebens eine Inspirationsquelle, quasi ein Referenzwerk. Hoffmanns Spiel mit der Doppelgängerei und der Parodie des Bildungsromans entsprachen ganz Manns eigenem ironischen Stil, man denke nur an den „Felix Krull“.


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