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Die Kunstfreunde von der Weser

Einer der ältesten deutschen Kunstvereine wird 200 Jahre alt – Bremer Kunsthalle feiert das mit einer Impressionismus-Ausstellung

Veit-Mario Thiede
13.11.2023

Am 14. November 1823 gründete Senator Hieronymus Klugkist mit 33 Honoratioren den Kunstverein in Bremen. Er gehört zu den ältesten in Deutschland und ist mit heute etwa 10.000 Mitgliedern einer der größten. Die Gründungsmitglieder verfolgten das noch heute gültige Ziel, den „Sinn für das Schöne zu verbreiten“.

Zu diesem Zweck wollten sie „Kunstsachen“ sammeln und zugänglich machen. Das ist aufgrund der Stiftungen und Vermächtnisse von Gemälden, Graphiken und Skulpturen sowie Geldzuwendungen zum Erwerb von Kunstwerken bestens gelungen. Die in der 1849 eröffneten und bis 2011 mehrfach erweiterten Kunsthalle Bremen beheimatete Sammlung des Kunstvereins zählt nicht zuletzt wegen des 220.000 Zeichnungen und Druckgraphiken umfassenden Kupferstichkabinetts zu den bedeutendsten in Europa.

Die Kunsthalle ist das erste für eine bürgerliche Sammlung erbaute Haus und befindet sich nach wie vor in der privaten Trägerschaft des Kunstvereins. Der bietet in der Kunsthalle auch Werken aus städtischem Besitz eine Heimat und bekommt dafür von der Freien Hansestadt Bremen finanzielle Zuwendungen. Den ersten wissenschaftlichen Leiter der Kunsthalle engagierte der Kunstverein 1899. Gustav Pauli brachte frischen Wind in die Ankaufspolitik. „Heute gelten seine Erwerbungen als die bedeutendsten Werke der Bremer Sammlungen“, wie Kuratorin Dorothee Hansen berichtet.

„Invasion französischer Kunst“
Paulis Ankäufe moderner französischer Kunst waren in Bremen heiß umstritten. Man warf ihm vor, die Franzosen den deutschen Künstlern vorzuziehen. Und außerdem seien die ausländischen Werke ihren hohen Kaufpreis nicht wert. Als Pauli Ende 1910 für 30.000 Mark Vincent van Goghs Gemälde „Mohnfeld“ (1889) erwarb, war für den Maler Carl Vinnen das Maß voll. Er veröffentlichte in einer Zeitung sein „Mahnwort an den Kunstverein“ und beklagte die „große Invasion der französischen Kunst“ in Deutschland. Das war der Auftakt zum damaligen „Bremer Kunststreit“.

Auch andere deutsche Museumsdirektoren erwarben französische Kunst. Zu Paulis Mitstreitern gehörten Hugo von Tschudi, Direktor der Berliner Nationalgalerie, Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle, Georg Treu in Dresden oder Harry Graf Kessler in Weimar. Zudem erstanden Bremer Kaufleute in Absprache mit Pauli französischen Impressionismus. Davon handelt der Höhepunkt der Ju­biläumsfeierlichkeiten: die Sonderschau „Geburtstagsgäste. Monet bis van Gogh“. Sie umfasst 70 Werke: Leihgaben aus deutschen und internationalen Museen sowie Ankäufe Paulis.

Einen Raum für sich allein haben die Skulpturen Auguste Rodins. Damals unerhört war die lebensgroße Bronze, die Johannes den Täufer (1878/80) nackt und ohne Attribute präsentiert. Zu den Hauptwerken der Kunsthalle gehört das lebensgroße Bildnis, das Claude Monet von seiner Lebensgefährtin „Camille“ malte. Als Pauli das Gemälde 1906 kaufte, war es bereits 40 Jahre alt.

Überhaupt fällt auf, dass die deutschen Museumsleute und Sammler die impressionistischen Gemälde nicht gerade frisch von der Staffelei erwarben, sondern mit jahrzehntelanger Verzögerung. Édouard Manets sich durch „saftigen“ Pinselstrich und fein abgestufte Farben auszeichnendes „Spargelbündel“ war bereits 27 Jahre alt, als es Max Liebermann kaufte. Van Goghs „Mohnfeld“ (1889) erwarb Pauli 21 Jahre nach der Fertigstellung. Zu ihm gesellen sich Meisterwerke von Courbet, Pissarro, Toulouse-Lautrec und Cézanne.

Paulis Museumsarbeit erschöpfte sich jedoch nicht in der Förderung des Neuen, sondern zeichnete sich ebenso durch die Wertschätzung der alten Kunst aus, wie die im ersten Stock ausgebreitete Dauerausstellung zeigt. Im zentralen Saal hängen dicht neben- und übereinander Werke zum Thema „Bremen und die Welt“. Zur Präsentation gehören Portraits von Förderern des Kunstvereins sowie Maurizio Cattelans doppelte Bremer Stadtmusikanten: links stehen sie als Tierpräparate (1995) aufeinander, rechts als Skelette (1997). Um diesen Saal ziehen sich 31 Räume. Die Abfolge der Werke ist nach Ländern und Zeiten geordnet und wird von einigen Themenräumen unterbrochen, die alte und neue Kunst etwa zum Thema „Schlachtfelder“ präsentieren.

Wertschätzung auch der alten Kunst
Vor genau 600 Jahren schuf Masolino da Pinacale das älteste Werk der Sammlung: Die „Madonna mit dem Kind“. Das wertvolle Gemälde stiftete der Maler Johann Bäse 1832 dem Kunstverein. Den von Albrecht Dürer gemalten „Johannes der Täufer“ (um 1505) vermachte Senator Klugkist 1851 dem Kunstverein. Die im Zweiten Weltkrieg ausgelagerte Tafel war lange verschollen, bis sie 2004 aus Reval an die Bremer Kunsthalle zurückgegeben wurde.

Eine erlesene Erwerbung Paulis von 1904 ist die von Lucas Cranach dem Älteren geschaffene „Heilige Dreifaltigkeit“ (1515/18). Der von Jan Lievens gemalte „Apostel Paulus“ (um 1629) gehört der in der Sammlung mit Seestücken, Stillleben und Landschaften reich vertretenen niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts an. Auf sie folgen als Sammlungsschwerpunkt die seit 1895 in der Kunsthalle vertretene Künstlerkolonie Worpswede, die in Worpswede und Paris geschulte Paula Modersohn-Becker und der vom Realismus zum Impressionismus konvertierte Max Liebermann.

James Turrells Lichtinstallation von 2011 schließlich verbindet alle drei Ausstellungsetagen miteinander und erweckt beim Blick nach unten die Illusion, man könne den Sternenhimmel auf der Bremen gegenüberliegenden Seite der Erde sehen.

Geburtstagsgäste. Monet bis van Gogh“ bis 18. Februar, geöffnet täglich außer montags ab 10 Uhr, Eintritt: 15 Euro www.kunsthalle-bremen.de


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