22.01.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Mit dem geschärften Blick eines Wissenschaftlers und der spitzen Zunge eines frontal-humoristischen Kabarettisten begeistert Vince Ebert seit Jahren sein Publikum
Bild: picture alliance/dpa/Christoph SoederMit dem geschärften Blick eines Wissenschaftlers und der spitzen Zunge eines frontal-humoristischen Kabarettisten begeistert Vince Ebert seit Jahren sein Publikum

„Die Leute haben heute Angst vor Kontaktschuld!“

Er ist Autor von gesellschaftskritischen Büchern, die durch ihre Realitätsnähe und eine humorvolle Attitüde allesamt Bestseller wurden. Der Verbalakrobat Vince Ebert schaut als Kabarettist den Menschen aufs Maul und ins Hirn – ehrlich, offen, frontal

Im Gespräch mit Vince Ebert
22.01.2026

Er bietet wohl eine der kuriosesten Mixturen in Sachen Kompetenz, die man sich nur annähernd vorstellen kann: Vince Ebert – Jahrgang 1968 – ist nämlich einerseits Diplom-Physiker und andererseits erfolgreicher Kabarettist. Im Jahr 1998 begann er seine Bühnenkarriere; bekannt wurde er mit überaus niveauvollen Comedy-Programmen, die Naturwissenschaft als Methode des kritischen Denkens in Humor übersetzen – zuletzt zunehmend auch als Kommentar zur gesellschaftlichen Lage. Als Autor landete er mit Titeln wie „Denken Sie selbst!“, „Lichtblick statt Blackout“ und „Unberechenbar“ regelmäßig auf den bekannten Bestsellerlisten. Und auch sein aktuelles Buch „Wot Se Fack, Deutschland?“ stieg umgehend auf Platz Eins in die Spiegel-Bestsellerliste ein.

Im Fernsehen ist Ebert vielen aus der ARD-Reihe „Wissen vor acht“ bekannt, in der er von 2011 bis 2022 regelmäßig physikalische Zusammenhänge erklärte. Anfang Dezember 2025 kündigte Ebert an, sich nach der Tour zum aktuellen Programm „Vince of Change“ Ende 2026 von der Bühne zurückzuziehen – auch, weil er die gesellschaftliche Stimmung als zunehmend bedrückend erlebt und nicht „als zynischer Nörgler“ enden wolle. Im Gespräch mit der PAZ lotet er den Stand der Dinge rund um Begriffe wie Kontaktschuld und Selbstzensur aus, äußert sich kritisch zur deutschen Regel- und Konsenskultur – und fragt, was Menschen und Gesellschaften generell trägt, wenn gemeinsame Fixpunkte zunehmend erodieren.

Wenn Sie die letzten zwei, drei oder fünf Jahre betrachten: Was hat sich im öffentlichen Gesprächsraum am stärksten verschoben? Der Ton? Die Themen? Oder der Wahrheitsbegriff selbst?

Vince Ebert: Selbst vernünftige Leute – vielleicht aus Angst, vielleicht aus Rudeldenken – teilen sich in öffentlichen Diskussionen immer stärker in Gruppen auf. Das liegt nicht primär an ideologischer Verblendung. Was ich erlebe, ist vor allem Angst: Anpassungsdruck, Duckmäusertum. Das tut unserer Gesellschaft insgesamt nicht gut. Im Privaten empfinde ich diese Spaltung weniger. Da gibt es oft einen echten Grundkonsens. Aber in der Öffentlichkeit ist dieser Reflex dann sofort da: gut oder böse, richtige oder falsche Seite.

Diese Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum erzwingt jedoch selbst im Privaten teilweise große Sensibilität.
Ich bin in den letzten Jahren immer mehr zu einer gesellschaftspolitischen Figur geworden. Im engen Freundeskreis ist das egal. Aber im weiteren Bekanntenkreis oder auf Partys passiert oft zweierlei: Entweder die Leute finden gut, was ich sage – oder sie distanzieren sich. Nicht, weil ich radikal wäre. In meinen Programmen und Podcasts ist kein einziger radikaler Satz. Im Gegenteil. Ich vertrete urliberale Gedanken. Dennoch haben die Leute Angst vor Kontaktschuld. Selbst Menschen, die mich lange kennen, reagieren so, als wäre es ihnen auf einmal unangenehm, mit mir in Verbindung gebracht zu werden. Ich habe sogar einen alten Freund, der mir inhaltlich in vielem recht gibt. Aber er lebt in einer sehr links-grünen Blase. Er lässt mich lieber ,über die Klinge springen', als sich im eigenen Umfeld Fragen einzuhandeln: ,Du kennst doch den Vince Ebert – was ist denn mit dir los?'

Das ist doch echt verrückt.

Ja. Und natürlich schmerzt das. Andererseits: Ich beschäftige mich seit Jahren mit Verhaltenspsychologie und -ökonomie. Wenn sie befürchten, Probleme zu bekommen, passen sie sich an, um den Schmerz zu minimieren. Menschen sind zum großen Teil Opportunisten!

Welche Form von Missverständnissen trifft Sie am meisten? Wenn man Ihnen Intentionen unterstellt – „der sagt das ja nur, weil ...“ – oder wenn man Ihre Prämissen gar nicht versteht oder teilt?

Vieles hat mit Angst vor sozialer Sanktion zu tun. Aber kaum jemand sagt offen: ,Ich distanziere mich, weil ich sonst Probleme bekomme.' Das wäre ja ein Eingeständnis von Schwäche. Stattdessen redet man sich ein: ,Ich distanziere mich, weil Vince Ebert falsch abgebogen ist.' Das findet derzeit in unserer Gesellschaft vielfach statt: Man dämonisiert den anderen, um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, dass man aus Feigheit handelt. Dann heißt es: Früher war er cool, jetzt ist er dubios.

Irgendwie doch eine überaus schräge Einstellung und Verhaltensweise, oder?

So sind Menschen eben. Und besonders wir Deutschen sind mentalitätsmäßig sehr kollektivistisch. In den USA ist das historisch anders – mit anderen Problemen, aber stärkerem Freiheitsinstinkt. Viele Deutsche, die lange im Ausland waren, sehen: Gesellschaft lässt sich auch anders organisieren. Schaut euch die Schweiz an. Wir haben in Deutschland eine Staatsquote um die 50 Prozent, in der Schweiz liegt sie bei etwa 30 Prozent. Aber läuft es dort schlechter? Funktioniert dort die Demokratie schlechter? Die Staatsgläubigkeit in Deutschland ist enorm.

Warum kippt das bei uns so schnell in Regel- und Konsenszwang – und warum ist Korrektur so schwer?

Ich halte viele Vorträge vor Unternehmen und Verbänden – dort herrscht eine Konsenskultur ohne Ende. Kaum einer lehnt sich mit seiner Meinung aus dem Fenster. Dazu kommt, dass uns die Verhältnismäßigkeit fehlt: Wir konstruieren eine Duscharmatur mit derselben Akribie, mit der wir den weltanschaulichen Umbau der Gesellschaft betreiben. Perfektionismus ist bei einem Dieselmotor oder bei einem Fallschirm sinnvoll – der muss funktionieren. Aber wir übertragen dieses Denken auf komplexe Systeme, die man nicht am Reißbrett steuern kann. Dann verrennen wir uns und können schlecht korrigieren. Wir fragen zu selten: Ist diese Regel wirklich wichtig – oder ist sie unsinnig? Man muss unterscheiden: Ein Flugzeug ist kompliziert, aber präzise steuerbar. Eine Volkswirtschaft, ein Unternehmen oder das Leben sind komplex. Da braucht es Regeln – aber man muss sie kreativ anwenden und anpassen. Genau daran scheitern nämlich Planwirtschaften: Sie behandeln Komplexität wie Kompliziertheit. Das führt unweigerlich zu Problemen.

Ihr gefasster Entschluss, sich von der Bühne zurückzuziehen, womit hat der zu tun? Kam der plötzlich oder eher schleichend?

Es war ein längerer Prozess. Ich wollte immer mit Würde abtreten. Dass in den letzten Jahren Frust über gesellschaftliche Entwicklungen dazugekommen ist, spielt mit hinein, aber es ist nicht der Hauptpunkt. Ich merke eher: Ich habe zu diesen Dingen so viel gesagt und geschrieben. Ich will nicht die nächsten Jahre als zynischer Nörgler auf der Bühne stehen. Ich sehe mich ja immer noch als Unterhaltungskünstler: Ich will den Leuten einen guten Abend bieten. Gleichzeitig fühlt es sich falsch an, wieder zum lustigen Physikerklärer zurückzugehen. Das hatte seine Zeit. Wenn mir irgendwann mal wieder etwas wirklich Neues einfällt, schließe ich nicht aus, etwas zu machen. Aber ich will nicht die nächsten Jahre den Abstieg Deutschlands kabarettistisch begleiten.

Sie erfüllen für viele Zuschauer eine wichtige Funktion: Denn Sie sagen, was andere sich nicht zu sagen trauen. Sind Sie enttäuscht, dass die Mehrheit den Mund hält? Ist das auch Enttäuschung über die Öffentlichkeit?

Mir war immer wichtig, Menschen zum eigenen Denken zu animieren. Nicht, dass sie mir unkritisch an den Lippen hängen, sondern dass sie rausgehen und sich den eigenen Kopf machen. Ich wollte nie Everybody's Darling sein. Es hat mir immer Spaß gemacht, bei den Zuschauern ein lieb gewonnenes Weltbild zu erschüttern, über das sie dann neu nachdenken müssen. Genau das sehe ich als Aufgabe von Kunst. Zu Irritieren. In den letzten Jahren habe ich zunehmend erlebt, dass Leute nach der Vorstellung sagen: ,Das, was Sie sagen, finde ich wichtig und richtig – aber in meiner Position kann ich das nicht vertreten.' Das beginnt beim Elternabend und reicht bis in Führungsebenen. Das ist enttäuschend. Nicht, weil jeder Held sein muss – aber weil Eigenverantwortung im Kleinen wie im Großen möglich wäre. Andererseits will ich auch nicht an den Punkt kommen, an dem ich dem Publikum von der Bühne aus Vorwürfe mache oder sie gar beschimpfe. Ich kann und will die Leute nicht missionieren.

Wenn Öffentlichkeit so funktioniert, hängt viel an der Frage, woran wir uns binden: Wahrheit, Vernunft, Maßstäbe. Was macht Wahrheit für Sie verpflichtend – auch wenn es Nachteile bringt?

Es gibt diesen Satz: Man kann die Wahrheit ignorieren, aber nicht die Konsequenzen der ignorierten Wahrheit. Irgendwann fliegt einem alles wirklich um die Ohren.

Ein Problem der letzten Jahrzehnte ist, dass viele Menschen die Konsequenzen ihres Handelns kaum noch spüren – weil Entscheidungen immer abstrakter werden. In Verwaltungen, in großen Organisationen, in der Politik.

In der Kommunalpolitik funktioniert es oft noch, weil es direktes Feedback gibt. Auch ein Installateur hat Feedback: Aus der Armatur muss warmes Wasser kommen. Wenn nicht, dann haben alle ein Problem.

Doch je höher man kommt, desto abstrakter werden Entscheidungen. Extrem ist es beispielsweise auf EU-Ebene: Man beschließt Regeln, ohne zu merken, was sie anrichten. Feedback kommt – wenn überhaupt – Jahre später. Diese Entkopplung begünstigt die Selbstgewissheit und dysfunktionale Entscheidungen.

Ein überaus interessanter Gedanke, denn man könnte vermuten, dass Hochkulturen scheitern, wenn sie ihren inneren Kern verlieren – ihren geistigen Fixpunkt. Dann hat man kein gemeinsames Bezugssystem mehr. Sie sehen die „Aufklärung“ als einen solchen Fixpunkt. Gibt es darüber hinaus für Sie etwas Unverhandelbares?

Ich bin zwar nicht gläubig, dennoch finde ich, dass das christliche Modell – Nächstenliebe, die Ethik des Neuen Testaments – eine große Nähe zu Menschenrechten und zu einem guten Miteinander hat. Und ich glaube, der Mensch braucht Sinn, Gemeinschaft, Trost. Religiosität ist nicht nur Jenseitsglaube, sondern auch Sinnstiftung. Wenn Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts – sie suchen sich Ersatzreligionen. Beispielsweise den Glauben, das Klima zu retten. Das war im Kommunismus auch schon so: Gott wurde verdrängt, dafür wurde der Staat vergöttlicht. Eine Welt ohne Spiritualität ist schwer vorstellbar. Wir wissen, dass wir sterblich sind – dieses Dilemma verlangt nach Deutung. Und auch historisch sind religiöse Prägungen unterschiedlich. Christlich geprägte Kulturen haben sich anders entwickelt als beispielsweise islamistisch geprägte – das kann man ganz nüchtern feststellen.

Das ist eine Wahrheit, die heute schwer auszuhalten ist – aber es bleibt ein kultureller, geschichtlicher Fakt.

Im Westen sehe ich zudem eine gefährliche Seite der Selbstkritik: Wenn nicht mehr differenziert wird, sondern alles dekonstruiert wird, wird aus Korrektur schnell Selbstzerstörung. In Teilen der Wokeness- und Postmoderne wird gar nicht mehr gefragt: Was war gut, was war falsch an unserer Geschichte? Sondern: Alles, was der Westen hervorgebracht hat, ist per se schlecht. Und dieses Denken ist nicht nur falsch, es ist sogar gefährlich.

Ich habe neulich das berühmte Foto des Solvay-Kongresses von 1927 gepostet: einer internationale Wissenschaftlerkonferenz, auf der 28 der größten Wissenschaftler der Weltgeschichte abgebildet sind. Diese Menschen haben unsere
moderne Welt geprägt. Technologisch, wirtschaftlich, medizinisch. In heutiger Lesart sind das „alte weiße Männer“ – plus eine alte weiße Frau (Marie Curie). Ohne die Erkenntnisse dieser Forscher würden wir heute noch per Brieftauben kommunizieren oder an einem vereiternden Zahn sterben.

Und trotzdem wird dieses Erbe heutzutage von allen Seiten vereinnahmt und ganz bewusst umgedeutet. Sie fehlen dann als diejenige Stimme, die deutlich auf diese Diskrepanz aufmerksam macht und auch mal eine andere Sicht hochhält.
Ich bin ja nicht der Einzige, und ich bin auch nicht so wichtig. Ich gebe eher den Staffelstab weiter. Vielleicht ist es sogar gut, wenn Leute sich nicht mehr hinter ein paar prominenten Stimmen verstecken können. Wenn die nämlich weg sind, muss man vielleicht selbst den Mund aufmachen.

Was aber macht das mit Ihnen persönlich? Versprechen Sie sich mehr persönliche Freiheit?

Ich weiß nicht, wie das letzte Drittel meines Lebens aussehen soll. Aber ich habe immer gesagt: Ich kann ohne Bühne, ohne Applaus leben. Das will ich herausfinden. Ich habe mir solche Herausforderungen schon früher gesetzt – mit Auftritten außerhalb der Komfortzone, bis hin zu New York. Und so sehe ich auch diesen Ausstieg: Wenn die Öffentlichkeit weg ist, soll etwas Neues entstehen, das ohne diesen Schritt vielleicht nicht entstanden wäre.

Das Interview führte PAZ-Autor Christian Rudnitzki live via Video-Call

Vince Ebert ist Diplom-Physiker und Kabarettist. Seit über 25 Jahren begeistert er mit seinen Bühnenshows tausende Zuschauer, in der ARD moderierte er jahrelang die Sendung „Wissen vor Acht“. Seine Bücher verkauften sich über eine Million Mal, er ist einer der gefragtesten Vortragsredner des Landes.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS