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Stadthalle Königsberg

Die Musen-Masken sind zurückgekehrt

Die Skulpturen waren seit der Zerstörung Königsbergs verschollen – Kopien wurden an der Fassade des Gebietsmuseums angebracht

Bodo Bost
08.12.2023

Die Königsberger Stadthalle beherbergte einst die größten Veranstaltungssäle der Stadt. 1911 war das Gebäude nach Entwürfen des Berliner Architekten Richard Seel errichtet und 1912 eingeweiht worden. Das Gebäude hatte 1600 Sitzplätze, es diente für Konzerte und Veranstaltungen aller Art. In der Stadthalle gab es auch ein Restaurant und im Garten vor dem Schlossteich ein Café. Hauptsponsor des Gebäudes war der jüdische Unternehmer Felix Japha, der auch das Neue Schauspielhaus gesponsert hatte, als dessen Aufsichtsrat er bis 1933 fungierte. Er nahm sich 1942 mit seiner Frau in seiner Villa in Amalienau das Leben.

Bei den Luftangriffen auf Königsberg am 26. August 1944 wurde auch die Stadthalle schwer beschädigt und war lange Zeit baufällig. Sie stand kurz vor dem Abriss. Doch der Vorsitzende des Stadtexekutivkomitees Viktor Denisow wandte in den 1970er Jahren alle möglichen Tricks an, um aus Moskau Mittel für die Restaurierung des Gebäudes zu erhalten. Das war, nachdem das Königsberger Bürgerkomitee zu dem Schluss kam, dass das Gebäude in einem schlechten Zustand war, nicht einfach. Doch Denisow verheimlichte dies vor den Moskauer Behörden und schaffte es, die Genehmigung zur originalgetreuen Restaurierung der Stadthalle zu erhalten.

Stadthalle wurde schwer beschädigt
Die Arbeiten wurden von 1981 bis 1986 durchgeführt. Nur die vier Musen-Masken neben den drei Türen zum Balkon über dem Haupteingang fehlten. Initiator des Projekts war der Königsberger Architekt Wadim Jeremejew. Seit 1991 ist hier das regionale Geschichts- und Kunstmuseum untergebracht. Das Gebäude ist als Objekt des Kulturerbes von regionaler Bedeutung anerkannt.

Die Originale der vier Musen-Masken, welche die Komödie, die Tragödie, die Poesie und die Musik symbolisieren, waren 1912 vom Bildhauer Lothar Sauer geschaffen worden. Die vier Masken verschwanden am Ende des Krieges. Anfang Oktober wurden Kopien dieser Werke an der renovierten Fassade der ehemaligen Stadthalle angebracht.

Das Königsberger Unternehmen „Wostotschno-Prusskij Landschaft“ („Ostpreußische Landschaft“) rekonstruierte sie anhand von historischen Fotos, der Restaurator Andrej Kunats stellte sie in Zusammenarbeit mit der Werkstatt „Architekturformen“ her. Jede Maske wiegt knapp 200 Kilogramm, ihre Größe beträgt etwa 1,5 Meter. Um die Skulpturen an der Fassade zu installieren, bedurfte es großer Vorsicht des Baukranführers. Im Inneren des Hochreliefs wurde, wie bei historischen Gebäuden üblich, feierlich eine Zeitkapsel niedergelegt, in der alle am Bau beteiligten Mitarbeiter vermerkt wurden. Auch eine in Versform gehaltene Botschaft an nachkommende Generationen wurde eingelegt, sie beginnt mit den Worten „Im Namen des Friedens und der Erbauung richten wir unsere Botschaft an Euch ...“ – vielleicht eine versteckte Anspielung auf den derzeitigen Krieg in der Ukraine.

Eine Zeitkapsel wurde in das Innere der Skulpturen eingelegt
Die offizielle Präsentation der Renovierung fand am 17. Oktober statt. Seit Dezember 2013 war das Museum wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Das Erdgeschoss wurde im September 2014 für Besucher wieder geöffnet. Nach und nach wurden auch die Säle im zweiten und dritten Stock für sie zugänglich.

Leider gibt es nur wenige Informationen über den Bildhauer der Masken, Lothar Sauer (1877–1920). In dem grundlegenden Werk von Herbert Meinhard Mühlpfordt „Die Königsberger Bildhauerei und ihre Meister, 1255–1945“ werden mehrere seiner Werke erwähnt, darunter die Masken an der Stadthalle.

Sauer war ein Schüler des berühmten Friedrich Reusch – dem Schöpfer der Bronzedenkmäler für Herzog Albrecht (1891) und Kaiser Wilhelm I. (1894), die auf den gegenüberliegenden Seiten des Schlosses standen, sowie für Reichskanzler Otto von Bismarck (1901) und der Skulptur „Deutscher Michel“, einer allegorischen Darstellung des Deutschen an sich, die 1924 am Wrangel-Turm aufgestellt worden war. Wie Mühlpfordt schreibt, verfiel Sauer dem Alkohol und arbeitete am Ende seines Lebens als Maurer.


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