22.10.2021

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Entspannung pur

Die Oder linksherum

Zwischen Vor- und Hinterpommern auf dem deutschen Schicksalsstrom unterwegs

Peer Schmidt-Walther
19.04.2021

In Berlin-Spandau startet die „MS Liberté“. Weiter geht es auf einem geschichtsträchtigen Kurs: über die Havelseen-Kette, den Oder-Havel-Kanal, Eberswalde und das berühmte Schiffshebewerk Niederfinow mit weitem Blick über das Odertal hinab zur Schleuse Hohensaaten. „So eine Oder-Fahrt hat ihre speziellen Reize“, weiß Kapitän Johann Magner aus langjähriger Schiffer-Erfahrung auf dem deutsch-polnischen Strom, „aber beschert uns leider auch reichlich Probleme. Im Frühjahr ist es das Hoch-, im Sommer das Niedrigwasser“. Dieses Mal geht es linksherum, also nach Norden, weil die Oder im Süden zu wenig Wasser führt.

Naturbelassenes Bauernweib

Mit dreifacher Schrittgeschwindigkeit gleitet das kleine Flusskreuzfahrtschiff zu Tal, wie die Flussabwärts-Richtung in der Fachsprache heißt. Kilometer um Kilometer schlängelt sich die „Liberté“ auf dem Fluss mit seinen oft schilfgesäumten Ufern voran. Er hat für Auge und Kamera nur stille Sensationen zu bieten: Landschaft satt, dazu seltene Vögel wie Seeadler und Kraniche - Hauptunterhaltung für die zwölf Passagiere. Hin und wieder äsen Rehe auf den Wiesen. Ortschaften werden selten passiert, so dass die Reiseleiterin wenig ansagen muss.

„Unter den deutschen Flüssen ist die Oder wie ein Bauernweib unter Großen und Edlen“, schrieb einst ein Dichter. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich an den weitgehend naturbelassenen Ufern nicht viel getan. Buhnen – sie sollen die Strömung regulieren und das Fahrwasser ausreichend tief halten – sind auf polnischer Seite, wo alte Landkarten die Provinz Hinterpommern verzeichnen, unter- und überspült. „Das ist nicht ganz ungefährlich“, kritisiert der Kapitän diesen Zustand. Normalerweise ist der Wasserstand im Frühjahr hoch genug für eine relativ unproblematische Schifffahrt.

„Im Hochsommer“, so der Kapitän, „sinkt er allerdings auf Werte ab, bei denen selbst wir mit 1,30 Meter Tiefgang nicht mehr fahren können“, erklärt er seinen Gästen. Daher beschränke sich die 500 Kilometer-Oderfahrt bis Oberschlesien oder Stettin-Swinemünde maximal auf drei Reisen. „Eine Flussregulierung wäre für die Schifffahrt schon sinnvoll“, spricht er auf das bei deutschen Umweltaktivisten umstrittene polnische Projekt an. Angedacht ist sogar schon lange eine Verbindung bis zur Donau und damit ein umweltfreundlicher Transport zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer.

Beifall auf offener Szene

Die Gäste sind beeindruckt von der Fahrt. Sie verläuft auf der Ostoder parallel zur Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße durch den Nationalpark Unteres Odertal, einem von zwölf in Deutschland. Er ist Teil eines deutsch-polnischen Naturschutzprojektes, das ein Gebiet von 106 Quadratkilometern umfasst und sich von der Schleuse Hohensaaten über eine Länge von 60 Kilometern bis vor die Tore Stettins erstreckt.

Die Flussaue ist von vielen Altarmen durchzogen. Während bei anderen deutschen Flüssen Hochwasser schnell zur Gefahr werden kann, ist es an der unteren Oder alljährliche Normalität, dass Tausende Hektar Wiesen und Weiden, Auwälder und Moore meterhoch überflutet werden. Nirgendwo sonst in Europa sind derart große natürliche Überflutungsräume erhalten geblieben. Zusammen bilden diese Flächen ein riesiges Rückhaltebecken, in dem sich das Hochwasser verlaufen kann, ohne flussabwärts Schaden anzurichten. Gleichzeitig wirkt die überschwemmte Aue wie eine überdimensionale biologische Kläranlage mit Gratis-Säuberung des belasteten Flusswassers.

Die vom Menschen unbeeinflusste Renaturierung hat Erstaunliches bewirkt: einen der artenreichsten Lebensräume Deutschlands. Dazu zählen Auwälder, naturnahe Laubmischwälder oder das nordwestlichste Verbreitungsgebiet der Steppenzone mit blaublühendem Kreuzenzian, silbrigem Federgras oder gelbem Adonisröschen. Die außerordentlich reiche Wasservogelwelt ist unter internationalen Schutz gestellt worden.

Mehr als 120 Vogelarten brüten im Nationalpark, darunter See-, Fisch- und Schreiadler, viele Weißstörche, der seltene Schwarzstorch sowie die weltweit vom Aussterben bedrohten Seggenrohrsänger und Wachtelkönige.

Auf der Oder nach Norden

Gleich den Tausenden von Gänsen und Kranichen zählen auch wir scheinbar zu den Zugvögeln – nur in umgekehrter Richtung gen Norden.

Der Oderstrom treibt uns Stettin, der alten Hanse- und früheren Hauptstadt Pommerns, entgegen. Mit Kraftwerksschloten, Kränen, Werkshallen, Werften und Plattenbauten kündigt sich die Halbmillionen-Metropole an. Unbeeindruckt davon ziehen Seeadler über uns ihre Kreise und führen den „Liberté“-Fahrern vor, wie man im Flug Fische fängt. „Das sind schon alte Bekannte“, meint Kapitän Thomas Magner, der gemeinsam mit seinem Vater Johann Schiff und Unternehmen führt.
Neben den hoch aufragenden Überseefrachtern im Stettiner Hafen schrumpft unser Flusskreuzer auf Spielzeuggröße zusammen. Der Hafenkapitän weist uns den attraktivsten Liegeplatz zu: direkt vor der berühmten Haken-Terrasse, wo auch große Kreuzfahrtschiffe anlegen. Für individuelle Landgänger hat Johann Magner immer auch ein paar gute Tipps parat.
Am nächsten Tag locken die ansehnlich restaurierte mittelalterliche Altstadt, das Schloss der Pommernherzöge, der rostrote Backsteinbau des Altstädter Rathauses, die gotische Jakobi-Kathedrale und last but not least das Seefahrtsmuseum – alle unwiderstehlich für ein paar Schau-Stunden an Land.

• Infos „MS Liberté“: Baujahr 1935 als Binnenfrachter; Bauwerft: Th. Kempers & Zoon, Alphen, Niederlande; Länge:
37,66 Meter, Breite: 5,05 Meter, Tiefgang: 1,22 Meter; Verdrängung: 151 Tonnen; Antriebsleistung: 256 kW/333 PS; Rufzeichen: DC 3660; Schiffsnummer: 4305260;
Heimathafen: Neckargemünd; Flagge: deutsch. Bis 1975 als Frachtschiff im Einsatz, 1975 Umbau zum Passagierschiff, 1985 und 1998 komplett überholt (2004: Verlängerung um vier Meter). Informationen und Buchungen: „Liberté“-Reisen, Johann und Thomas Magner GbR, Telefon: (0172) 8722796, (0172) 3940324,
E-Mail: t.magner@gmx.de,
Internet:
www.liberte-reisen.de



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Kommentare

sitra achra am 19.04.21, 11:33 Uhr

Hoffentlich bleibt uns dieses Juwel erhalten.

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