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Advent

Die Praline des kleinen Mannes

Süße Sünden zu Weihnachten. Vor 85 Jahren erfand ein Dresdener Chocolatier die essbaren Dominosteine

Andreas Guballa
14.12.2021

Dominosteine gehören genauso zu Weihnachten wie der Dresdner Christstollen. Während letzterer jedoch bereits im Jahr 1474 urkundlich erwähnt wurde und besonders durch den sächsischen Kurfürsten August den Starken im 18. Jahrhundert berühmt wurde, ist die Geschichte der süßen Dominosteine noch nicht ganz so lang. 1936 vom Dresdner Chocolatier Herbert Wendler erfunden, gibt es die Schichtpralinen erst seit 85 Jahren.

Wendler, Hersteller von Luxuspralinen, wollte auch die weniger betuchten Bürger der Stadt mit Leckereien versorgen. Seine Idee war es, eine in Massen industriell fertigbare und damit preiswerte Praline für jedermann zu kreieren. Im Alter von 24 Jahren entwickelte er 1936 nach vielen Versuchen die Dresdner Dominosteine. Sie bestehen aus drei Schichten mit braunem Lebkuchenteig, Kirschsaftgelee und feinstem Marzipan, umhüllt von dunkler Schokolade.

Sie waren schmackhaft, optisch ansprechend und deutlich günstiger als seine übrigen Pralinen. Die Dominosteine wurden rasch in Dresden und darüber hinaus populär und besonders in der Weihnachtszeit verzehrt. In den dann folgenden Mangeljahren schafften sie den Durchbruch in ganz Deutschland.

Besonders in Kriegszeiten waren die essbaren Quader als haltbare und leckere „Notpraline“ begehrt, was den Absatz beflügelte, da sich weite Bevölkerungskreise keine echten Pralinen leisten konnten. Angeblich wurden sie sogar den deutschen Soldaten mit an die Front gegeben. Statt Marzipan kam in Zeiten der Lebensmittelknappheit oft das günstigere Persipan zum Einsatz, das aus Aprikosenkernen gewonnen wird.

Nach Kriegsende baute Wendler 1952 im vormaligen Ballhaus Alberthöhe in Dresden-Klotzsche seine im Krieg zerstörte Schokoladenfabrik wieder auf und produzierte unter der Firmierung „Süßwarenfabrik Herbert Wendler KG“ weiter Dresdner Dominosteine. Zu DDR-Zeiten wurde die leckere Schichtpraline als „Bückware“ unter der Ladentheke gehandelt, avancierte aber auch zum Exportschlager in den Westen. 1972 wurde Wendlers Firma enteignet und dem VEB Elite Dauerbackwaren eingegliedert, die Wendler bis zur friedlichen Revolution von 1989 führte.

Kurz danach startete er im Alter von fast 80 Jahren seinen eigenen Betrieb wieder neu. Der Konkurs war dennoch nicht abzuwenden. 1996 meldete Wendler Insolvenz an. Zwei Jahre später starb er. Doch die Geschichte seiner Dominosteine ist damit nicht vorbei: Parallel zu Wendlers wechselhafter Geschichte entwickelte der Ingenieur Hartmut Quendt eine Maschine, die eine andere Ost-Spezialität, Russisch Brot, in industriellen Stückzahlen fertigen konnte und gründete sein eigenes Unternehmen. Die „Dr. Quendt Backwaren GmbH“ übernahm 1999 die Produktion und stellt bis heute im Dresdner Stadtteil Coschütz „Feinste Dominosteine“ nach Wendlers Originalrezept her.

Im schlichten Fabrikbau lockt heute ein Werksverkauf: Süßes in Knistertüten, reduzierte Ware mit Schönheitsfehlern sowie Neukreationen zum Geschmackstest. Natürlich sind auch „Dresdner feinste Dominosteine“ erhältlich.

Der Name „Feinste Dominosteine“ ist geschützt – so dürfen die süßen Würfel nur heißen, wenn sie mit echtem Marzipan gefüllt sind. Heute sind Dominosteine ein populäres Saisonprodukt, das von Discount-günstig bis zu Konditorei-kalkuliert auf jeden bunten Teller in der Vorweihnachtszeit gehört.

• Dr. Quendt Offenburger Straße 1, Gewerbegebiet Coschütz, 01189 Dresden, Telefon (0351) 436160.
www.dr-quendt.de



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