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Die Speerwerfer aus der Urzeit

Blick in 300.000 Jahre alte Jagdgründe – Altsteinzeit-Museum in Schöningen präsentiert seit zehn Jahren weltweit älteste Wurfgeräte

Helga Schnehagen
29.02.2024

Was macht man, wenn der Fund eine Weltsensation ist, seine Objekte aber wenig spektakulär sind? Man investiert in ihre Präsentation. In diesem Fall in den Museumsbau und seine Ausstattung. So ist in Schöningen im Kreis Helmstedt mitten auf der grünen Wiese eine avantgardistische Landmarke entstanden, eine geometrische Bauskulptur, die seit 2013 zuerst als Paläon, seit 2019 als Forschungsmuseum des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege die 300.000 Jahre alten Schöninger Speere präsentiert.

Der 15-Millionen-Euro-Bau mit gut 2300 Quadratmetern Nutzfläche des Züricher Architekturbüros Holzer Kobler steht direkt neben der Fundstelle, dem bis 2016 betriebenen Braunkohle-Tagebau Schöningen. Den architektonischen Bezug zu den gegeneinander verschobenen Erdschichten stellen die Schrägen seiner Spiegelfassaden her, die dazu den Himmel und die umgebende Weidelandschaft reflektieren.

Innen wird der Besucher von „archaisch“ unverputzten Betonwänden empfangen, zwischen denen der weiße Ausstellungskörper mit Kabinetten und eingebauten Vitrinen den Bau zum geschützten Gesamtkunstwerk macht. Die Architektur ist nichts komplett Neues. Ihren Vorläufer findet man im ebenfalls von Holzer Kobler entworfenen Besucher­zentrum der Grube Messel in Hessen.

Luftdicht einsedimentierte Waffen
Es sei Fluch und Segen zugleich, so Ausstellungsleiterin Jana Hugler, „denn damit sind Veränderungen bei Neufunden kaum möglich. Der Ausstellungsstand ist von 2011 und in Teilen schon überholt“. So ist auch die Präsentation der Gipsabdrücke der erst 2023 gefundenen ältesten Fußabdrücke Deutschlands ein Problem. Vor rund 300.000 Jahren haben sie Spezies des Homo heidelbergensis in den Boden gesetzt.

Mit den in den 1990er Jahren gefundenen Wurfspeeren und einer Stoßlanze waren die Vorfahren des Neandertalers hier auf die Jagd gegangen. In einem verlandeten See luftdicht einsedimentiert, konnten sie sich als älteste vollständige Holzwaffen der Menschheitsgeschichte inmitten von einer Herde erlegter Pferde, der Art nach bis zu 1,58 Meter große Mosbachpferde, erhalten.

Diese Sensationsfunde beweisen, dass schon die Menschen jener Zeit fähig waren, Jagdwaffen mit höchster Präzision zu fertigen, mit unterschiedlichen Waffenarten – Speer und Lanze – eine Jagdstrategie zu entwickeln und sich gemeinschaftlich zu organisieren. Großwild konnte man nicht alleine niederstrecken.

Ausstellungschefin Hugler erläutert: „Sobald die organischen Funde das Erdreich verlassen, beginnen sie zu verrotten. Deshalb haben wir auch eine Restaurierungswerkstatt im Haus, die auf Holz spezialisiert ist und sich bemüht, das Holz schnell zu konservieren, das heißt es mit Kunststoffen auszuhärten. Nichtsdestotrotz arbeitet das Holz immer weiter. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es daher, diese Holzfunde hier zu erhalten.“

Neben den Holzspeeren – nach Archäologe Utz Böhner bis heute mindestens zehn, von denen sich sechs vollständig erhalten haben – und der Lanze hat man einen sogenannten Bratspieß gefunden, der vorne eindeutig angekohlt ist. Ein anderer Sensationsfund ist das sogenannte Wurfholz. Eine Jagdwaffe, mit der man überhaupt nicht gerechnet hatte, und die sich gut für die Vogeljagd eignet.

Austariert wie Wettkampfspeere
Die bis zu 2,29 Meter langen Speere sind aus ganzen Stämmen geschnitzt. Bis auf einen aus Kiefer sind alle anderen aus Fichte hergestellt. Die Bäume waren 30 bis 40 Jahre alt und hatten trotzdem nur einen Durchmesser von sieben bis acht Zentimetern, da sie auf kargem Boden gestanden hatten. Dementsprechend ist das Holz knüppelhart.

Experimente zeigten, dass die Speere ballistisch exakt austariert sind, also vergleichbar mit heutigen Wettkampfspeeren, und es mit ihnen möglich ist, eine Durchschlagskraft zu erzielen, die ausreicht, um damit größere Tiere zu töten. Die Menschen werden Jäger-Sammler-Gesellschaften gewesen sein, die nicht immer an einem Ort gelebt haben.

Unter den inzwischen rund 12.000 geborgenen Knochen konnten neben einer großen Zahl von Wildpferden auch Auerochsen, Bisons, Wildesel, Rinder, Hirsche, Nashörner, Elefanten und sogar Säbelzahnkatzen identifiziert werden. Von den Jägern selbst fanden sich keine Reste.

Dazu gibt das Bodenarchiv Einblicke in die Klima-Entwicklung, das heißt den natürlichen Wechsel von Kalt- und Warmzeiten. Dabei unterliegen die klimatischen Schwankungen seit etwa 900.000 Jahren einem mehr oder weniger gleichmäßigen Zyklus von etwa 100.000 Jahren, wobei die Warmzeiten deutlich kürzer sind als die Kaltzeiten. „In den Kaltzeiten“, so Böhner zur Eröffnung im Jahr 2013, „lagen die Temperaturen bis zu zehn Grad unter dem heutigen Durchschnitt. Die Warmzeiten entsprachen dagegen ungefähr den heutigen Verhältnissen.“ Die heutige Warmzeit begann nach dem Ende des Pleistozäns vor etwa 11.600 Jahren.

Die Ausgrabungen in Schöningen halten an und die Fachwelt blickt gebannt auf deren Ergebnisse in Erwartung neuer Sensationsfunde. Anfang Dezember 2023 hat die Kulturministerkonferenz beschlossen, die Fundstätte der Schöninger Speere auf die deutsche Anmeldeliste für die UNESCO-Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt zu setzen. Das letzte Verfahren dieser Art hatte vor zehn Jahren in Deutschland stattgefunden.

Forschungsmuseum Schöningen, Paläon 1, 38364 Schöningen, geöffnet täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, Eintritt: 9 Euro, Führungen (ab 30 Euro) empfohlen. Das Museum besitzt ein Café-Restaurant. www.forschungsmuseum-schoeningen.de


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