27.09.2021

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Politik

Die unsichtbaren Quellen von Empathie und Solidarität

Die Reaktionen auf die Flut an Ahr und Erft zeigen einmal mehr, dass eine Gesellschaft nicht allein auf Rechtsnormen und materielle Güter aufgebaut ist

René Nehring
28.07.2021

Die Hochwasserflut im Westen Deutschlands hat unser Land verändert. Gleich im Anschluss an die Starkregenfälle, in deren Folge Ahr, Erft, Nette und andere Nebenflüsse des Rheins über die Ufer traten und über 180 Menschen allein in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen in den Tod gerissen sowie zahllose Häuser, Straßen und Brücken weggespült wurden, entfaltete sich eine riesige Welle spontaner Hilfsbereitschaft.

Tausende Menschen aus allen Teilen des Landes machten sich seitdem auf den Weg in das Krisengebiet, um dringend benötigte Hilfsgüter abzugeben und vor Ort bei den Aufräumarbeiten anzupacken. Viele opferten ihren Sommerurlaub, um in fremden Häusern Schlamm aus den Kellern zu schaufeln, Schutt von den Straßen zu räumen oder auch nur, um den Betroffenen Trost zu geben. Die Geldspenden an die im „Aktionsbündnis Katastrophenhilfe“ zusammengeschlossenen karitativen Organisationen gehen inzwischen in die hunderte Millionen Euro.

In einer Welt, die im Alltag allzu oft das Gefühl vermittelt, dass nur noch harte materielle Werte zählen, dass jedes menschliche Handeln zur taxierbaren Ware wird und dass für jede Leistung eine Gegenleistung erwartet wird, in einer solchen Welt zeigen die Reaktionen auf die Flut, dass der oft gescholtene Homo sapiens trotz mancher Egoismen letztendlich doch ein Herdenwesen ist – und dass eine Gemeinschaft auf anderen Fundamenten beruht als auf Rechtsnormen und Rechnungsbeträgen. Empathie und Anteilnahme sowie vor allem die Bereitschaft, zuhause alles stehen und liegen zu lassen, um Anderen in deren Not zu helfen, können von keinem Staat verordnet werden.

Wurzeln der Anteilnahme

Allerdings erwachsen Mitgefühl und praktische Solidarität keineswegs aus dem Nichts. Vielmehr sind sie das Ergebnis einer von den Helfenden real empfundenen Verbundenheit mit den Betroffenen – gerade dann, wenn die Not Menschen trifft, die man nicht persönlich kennt und die einem dennoch nicht egal sind.

Die Wurzeln dieser Verbundenheit können durchaus verschieden sein. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurde sie vor allem über den Glauben und das Bewusstsein, Kinder des gleichen Gottes zu sein, gestiftet. Schon die jüdische Thora und das Alte Testament fordern bekanntermaßen: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Jesus von Nazareth erhob dann das Gebot der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit zu einem zentralen Auftrag des Christentums.

Mit dem Beginn des Industriezeitalters und der Herausbildung der modernen Staaten traten dann zunehmend die Nation und/oder die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe an die Stelle der Religionsgemeinschaften. Die Versuche der Sozialisten, die Industriearbeiter in Deutschland, Frankreich, England und andernorts zu einem internationalen „Klassenbewusstsein“ zu erziehen sowie zu einem Gefühl der Verbundenheit mit den Schicksalsgenossen in anderen Ländern, waren keinesfalls erfolglos. Sie waren jedoch bei Weitem nicht so wirkmächtig wie die Zugehörigkeit zur gleichen Kultur- und Sprachgemeinschaft, die im Laufe der Zeiten – zum Beispiel durch die beiden Weltkriege oder auch die gemeinsam erlebten politischen Zusammenbrüche und kollektiven Neuanfänge – zu einer echten Schicksalsgemeinschaft wurde.

Die Geschichte zeigt, dass die Solidarität in der Not umso größer ist, je näher die Beziehungen zwischen den Notleidenden und den Helfenden sind. Insofern werden diejenigen Politiker, Leitartikler und sonstigen Großdenker, für die die postmoderne Gesellschaft lediglich eine Masse von aus ihren Gruppenzwängen befreiten Individuen ist, durch die Reaktionen auf Naturkatastrophen wie diejenige an Ahr, Erft und andernorts eines Besseren belehrt.

Auch die überwiegend materielle Gesellschaft unserer Tage lebt von Voraussetzungen, die sie weder geschaffen hat, noch selbst schaffen kann – ohne die sie jedoch nicht zu bestehen vermag.



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Kommentare

Dr. Dr. Hans-Joachim Kucharski am 06.08.21, 10:44 Uhr

Wegen Ablebens müssen viele Häuser und Wohnungen aufgegeben werden. Darunter sind auch solche, die sehr hochwertiges Mobiliar enthalten (ich kenne mehrere davon). Dieses Mobiliar landete dann, trotz des sehr guten Zustands, auf dem Sperrmüll.
Auch viele Autos werden entweder aus Altergründen oder wegen Neuanschaffung aufgegeben (in unserer Familie stehen vier an). Wegen des sehr raschen Preisverfalls sind sie nominal nichts mehr wert, obwohl sie noch voll funktionsfähig und oftmals in sehr gutem Zustand (Garagenfahrzeuge) sind. Wenn sie nicht in Ausländer, die den ‚Klimaschutz’ nicht so ‚verkniffen’ sehen wie wir, exportiert werden, kommen sie in die Schrottpresse.
Warum bietet man dieses Mobiliar und diese Autos nicht denen an, die nun alles verloren haben? Hier könnte beides noch gute Dienste leisten. Man bräuchte dafür natürlich Aufstellungen für Angebot und Interesse.

sitra achra am 29.07.21, 10:49 Uhr

Unter dem Unaussprechlichen hat sich die Volksgemeinschaft bestens bewährt. Das war ihren Gegnern bis heute wohl ein Dorn im Auge. Aber wie man sieht, sie gibt es in Notfällen immer noch.

Karl Napp am 29.07.21, 08:36 Uhr

Ich seh da nur eins: Der Deutsche macht - wie üblich - den Buckel krumm. Gerne auch für Gottes Lohn. Politiker in Gummistiefeln latschen dauergrinsend in Kameras über die Ersoffenen. Und die perfekt integrierten Ebenbilder Gottes sind als Schrottsammler oder wahlweise als Plünderer unterwegs. Finis Germaniae - wir haben abgeschissen!

Michael Holz am 28.07.21, 17:12 Uhr

Ihr Artikel, lieber Herr Nehring, gibt wieder ein wenig Mut. Ich hatte Deutschland und die Deutschen bereits vor Jahren aufgegeben und ich lebe auch konsequenter Weise im Ausland. Vielleicht ist doch nicht "Hopfen und Malz" verloren, wie es meine Großmutter immer sagte.

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