17.01.2026

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Der Wochenrückblick

Die Welt steht Kopf

Wenn der Papst die Freiheit verteidigt, und die „Fortschrittlichen“ sich in ihren Dogmen verschanzen

Hans Heckel
17.01.2026

Dabei hatten wir schon genug Bammel vor der Münchener Sicherheitskonferenz. Zu der will nämlich auch JD Vance wieder aufkreuzen. Der US-Vizepräsident hatte den Europäern vergangenes Jahr die Hammelbeine lang gezogen wegen des schleichenden Dahinschwindens der Meinungsfreiheit in unseren Ländern. Eine Frechheit, die wir ihm am liebsten verboten hätten. Musste aber gar nicht sein, schließlich kommt der ja vom Trump. Da reicht ein Naserümpfen, und keiner denkt mehr darüber nach, was er gesagt hat oder ob das sogar stimmt. Kanzler Merz bürstete die Kritik aus Übersee einfach als „übergriffig“ ab und erklärte damit jedes weitere Wort zur Vance-Rede für überflüssig.

Doch dieses Jahr könnte das alles sehr viel schwieriger werden. Denn bevor Vance überhaupt den Mund aufmachen konnte, hat uns der Papst in Rom dermaßen einen reingewürgt, dass wir immer noch nach Luft ringen. In Europa und den USA habe sich „eine neue Sprache im Stile von Orwell entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist“.

Treffer und versenkt. Derart kurz und schmerzhaft hat bislang keiner das Fiasko von Politischer Korrektheit und der Woke-Ideologie mit ihrer Sprachpolizei, ihren Denkverboten und ihrer Hexenjagd auf Andersdenkende und -redende auf den Punkt gebracht. Und sogleich noch die heuchlerische Fassade mit eingerissen („immer inklusiver“), die dem woken Anschlag auf die Freiheit ein menschfreundliches Gesicht vorschieben soll.

Wenn Vance in München Mitte Februar einfach nur wiederholt, was er schon 2025 dort verlautbart hat, kann er sich diesmal also auf den Heiligen Vater berufen, was der hinterhältige Ami höchst wahrscheinlich auch tun wird. Was die Sache noch schlimmer macht: Papst Leo gilt keineswegs als Trump-Anhänger, ganz im Gegenteil. Aus dem Umfeld des US-Präsidenten wurde Leo XIV. sogar als „Anti-Trump-Papst“ etikettiert. Wer also gedacht hat, er könne Leo als „heimlichen Trump-Bewunderer“ abheften und dessen Aussagen damit als wertlos oder „übergriffig“ verwerfen wie die Kritik von Vance vor einem Jahr, der kann seine Giftampullen gleich wieder einpacken. Auf die Tour wird das diesmal nichts.

Aber auf welche denn sonst? Auf die harte Tour möglicherweise. Daniel Günther hat sie bei „Markus Lanz“ schon mal skizziert: Auf die Frage von Moderator Lanz, ob Medien, die der etablierten Politik allzu sehr an den Karren fahren, reguliert, zensiert oder gar verboten werden müssten, antwortete der CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein mit einem unzweideutigen „Ja“. Nicht ganz klar wurde, ob er das generell meint oder nur im Fall von Konsumenten, die unter 16 Jahre alt sind.

Günther ist übrigens römisch-katholisch, was im Land zwischen den Meeren mancherorts immer noch auffällt. Das könnte für den Blondschopf noch unbequem werden. Falls es ihn nämlich mal nach Rom verschlägt, wird ihm der Chef seiner Kirche gewiss gern erklären, was Meinungsfreiheit bedeutet, und warum er, Günther, dieses hohe Gut nicht im Mindesten verstanden hat.

Verblüffend, wie alles auf dem Kopf steht. Jahrhundertelang sind die Progressiven gegen Sprech- und Denkverbote der Katholische Kirche angerannt. Wir dürften keinen fortschrittlichen Geist unserer Tage treffen, der sich nicht irgendwie für einen Trieb am Stammbaum von Galileo Galilei hält, jenem tapferen Streiter für Wahrheit, Freiheit und Wissenschaft gegen den halsstarrigen Dogmatismus der Kirchenfürsten seiner Zeit.

Einst Häretiker, jetzt Populisten
Der ehrliche Blick in den Spiegel müsste viele dieser eingebildeten Galilei-Erben in tiefe Scham stürzen. Heute sind sie es, die unsere Welt in ihre Dogmen schnüren und jeden Abweichler voller Eifer zur Strecke bringen wollen. Wie schon vor Jahrhunderten geht es den Eiferern dabei nicht um Wahrheit, sondern um Macht: Ihr Lieblingsvorwurf lautet daher nicht, dass jene, die Widerworte wagen, falsch liegen.

Nein, sie werfen ihnen vor allem vor, dass sie mit dem Aussprechen der Wahrheit nur „Wasser auf die Mühlen“ der Bösen leiten wollen. Wenn sie beispielsweise Zahlen über Ausländerkriminalität nennen oder offen aussprechen, was „Antifa“ heute wirklich bedeutet, wollten sie damit nur „den Rechten“ nützen, womit man gar nicht mehr darüber reden müsse, ob richtig ist, was sie sagen.

Vor 400 Jahren beschimpfte man die finsteren Gestalten, die sich den Dogmen widersetzten, als Häretiker oder gar als Gotteslästerer. Heute erklärt man sie zu Populisten, wenn nicht gleich zu „Feinden der Demokratie“, wie es Daniel Günther bei Lanz getan hat. Und nun ist es ausgerechnet das Oberhaupt der Katholischen Kirche, das den geistig betonierten Dogmatikern unserer Epoche, welche sich für die Spitze des Fortschritts halten, die Leviten lesen und die Freiheit des Wortes erklären muss.

Was für ein wirrer Schlamassel! Wie kommen wir da bloß wieder heraus? In der Tradition der Aufklärung müssten die Mächtigen die Worte des Papstes als Weckruf empfangen und sich aus ihren Dogmen befreien, um das offene Wort zu suchen. Aber aus dem Holz sind die nicht.

Ergo marschieren sie in die exakt entgegengesetzte Richtung: Mehr Propaganda, und wenn es nach Günther geht, auch Zensur und Verbote. Was Propaganda angeht, will die Führung der Europäischen Union richtig in die Vollen gehen. Bereits von 2021 bis 2027 gibt Brüssel satte anderthalb Milliarden Euro für „zivilgesellschaftliche Organisationen“ aus, welche die politische Botschaft der EU unter die Völker bringen sollen. Offiziell nennt man das bei der EU Kampf gegen „Desinformation“.

Im Zeitraum von 2028 bis 2034 soll dieses Budget sogar auf 8,5 Milliarden emporschnellen, fast das Sechsfache also, wenn es nach dem Willen von Ursula von der Leyens EU-Kommission geht. Ganz im Sinne von Daniel Günther sollen mit dem Geld nicht nur willfährige NGOs, sondern auch folgsame Medien finanziell unterstützt werden. Der Ministerpräsident sprach bei Lanz davon, nicht nur lästige Medien zu schurigeln, sondern die netten zu fördern.

Führt das Programm zum gewünschten Erfolg, müsste man keine Angst mehr haben vor Vance-Reden oder Neujahrsansprachen eines unkontrollierbaren Papstes. Warum? Weil ja keiner mehr davon erführe. Und wenn doch, dann so gründlich gefiltert, dass nur noch die von den politisch Mächtigen gewünschte Botschaft von ihnen ausginge.

Bliebe noch das Internet als Loch im Schutzwall gegen „Desinformation“. Nun, da kann Nordkorea wertvolle Tipps liefern, wie man ein abgeschottetes, porentief reines Netz schafft. Oder man blockiert es einfach, wie es die Mullahs gerade ausprobieren. Wie dem auch sei: Wenn alle an einem Strang ziehen, hat Galilei keine Chance!


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