13.06.2024

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China

Die Wirtschaft des Reiches der Mitte gerät ins Schlingern

Die Liquidation des kriselnden Konzerns Evergrande zeigt weitreichende Folgen – Der Spagat zwischen Plan- und Marktwirtschaft wird schwerer

Peter Entinger
13.02.2024

Anders als bei den zurückliegenden Immobilienkrisen, die massive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft hatten, hielten sich die Branchenkenner in den vergangenen Tagen mit Katastrophenszenarien zurück. Die dramatisch größer geworden Probleme des chinesischen Immobilienriesen Evergrande seien lange bekannt und besorgniserregend, hieß es zwar unisono, aber die Auswirkungen dürften sich in Grenzen halten.

Eine Richterin in Hongkong verfügte Ende Januar die Liquidation des kriselnden Bauträgers. Einen Vorschlag, die im Verfahren verhandelten Schulden des südchinesischen Konzerns in Höhe von etwa 23 Milliarden US-Dollar umzustrukturieren, lehnten die im Ausland sitzenden Gläubiger ab. Doch noch ist völlig unklar, welche Rechtsfolgen diese Entscheidung einer einzelnen Richterin hat.

Seit 25 Jahren gehört Hongkong zwar offiziell wieder zur Volksrepublik, gilt aber als Sonderverwaltungszone. Das heißt, dass die Entscheidung in der Sieben-Millionen-Einwohner-Metropole erst einmal keine Auswirkungen auf die Verhältnisse in China haben wird. Eine Pflicht, die angeordnete Auflösung auch dort umzusetzen, gibt es nicht. Und selbst wenn es so kommen sollte, wären allenfalls ausländische Investoren und die chinesische Mittelschicht betroffen. Denn die hat eifrig in den zunehmend maroder werdenden Konzern investiert.

„Ein Großteil der Schulden ist sowieso bei inländischen Gläubigern und nicht im Ausland platziert. China ist keine freie Marktwirtschaft, sondern eine staatlich gesteuerte, und Spekulanten sind nicht in der Lage, irgendwie gegen die Regierung zu wetten“, sagte der Professor Markus Taube vom Institut für Ostasienwirtschaft der Universität Duisburg/Essen. Er persönlich sehe „das ganz große Drama“ nicht.

Zurück zur Verstaatlichung?
Doch die wirtschaftliche Lage in China ist und bleibt angespannt. Evergrande sorgt als größter Bauträger international für Schlagzeilen, doch seine Probleme sind nur ein Mosaikstein der großen Krise. An den Börsen im Land geht es seit Monaten abwärts, auch angeordnete Stützungskäufe der chinesischen Regierung ändern daran kaum etwas. Der Spagat zwischen staatlich regulierter Plan- und Markwirtschaft nach westlichem Vorbild scheint zunehmend schwerer zu werden. Dass die große Panik nach der Gerichtsentscheidung ausblieb, dürfte auch damit zusammenhängen, dass Analysten und Anleger mit einem solchen Schritt seit Monaten gerechnet haben. Dass die Evergrande-Auflösung Auswirkungen auf weitere Baukonzerne und die generell angeschlagenen Märkte in China haben wird, ist daher nicht generell ausgeschlossen.

Die Evergrande-Pleite trifft die chinesische Regierung zunächst eher moralisch, denn wirtschaftlich. Der chinesische Immobilienentwickler schickte sich vor Jahren an, im Konzert der ganz Großen mitzuspielen. Doch als Chinas Wirtschaft im Zuge der Corona-Pandemie Mitte 2021 erstmals in die roten Zahlen rutschte, geriert auch der Konzern in Turbulenzen. Die Auslandsschulden in astronomischer Höhe konnten nicht mehr bedient werden.

2020 hatte der Wohnungsbau in China einen Rekordwert erreicht. Zwei Jahre später, als sich das Land immer noch im selbst auferlegten Würgegriff der Corona-Maßnahmen befand, war er bereits um 40 Prozent zurückgegangen. Und seitdem geht es immer weiter bergab. Die chinesische Regierung hatte in den vergangenen Monaten mit Stützkäufen in Höhe von 300 Milliarden Dollar versucht, den Aktienmarkt zu schützen. Asienkenner gehen daher davon aus, dass die Pekinger Antwort auf den Bau-Flop eine Rückkehr zur Verstaatlichung sein werde.

Das Vertrauen schwindet
Die Auswirkungen für die deutschen Firmen sind noch nicht absehbar. Denn trotz der Immobilienkrise muss man berücksichtigen, dass die chinesische Wirtschaft im vergangenen Jahr offiziellen Mitteilungen zufolge um fünf Prozent gewachsen ist. Doch die Immobilienkrise hat die Stimmung im Land verändert. Das asiatische Land könnte jüngsten Berechnungen zufolge noch in diesem Jahr seine Stellung als wichtigster deutscher Handelspartner einbüßen. „Die dominante Stellung Chinas im Außenhandel mit Deutschland bröckelt“, heißt es in einer Studie der bundeseigenen deutschen Außenhandelsgesellschaft Germany Trade and Invest: „Sowohl die Aus- als auch die Einfuhren verzeichneten demnach im vergangenen Jahr ein deutliches Minus.“

Der Internationale Währungsfonds hat zuletzt die Wachstumsprognose für China sowohl für das laufende als auch für das kommende Jahr erneut nach unten korrigiert. Viel wird davon abhängen, ob die staatlichen Stützmaßnahmen Wirkung zeigen und die Verbraucher nach der Evergrande-Katastrophe wieder Vertrauen fassen.


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Kommentare

sitra achra am 15.02.24, 18:55 Uhr

Der Drache ruht nur, er wird sich wieder erholen.

Kersti Wolnow am 13.02.24, 08:03 Uhr

Der Fehler der Chinesen und somit aller Asiaten ist, daß auch sie ihre Kultur aufgegeben haben, was man an der Architektur, der Mode, der Musik und den Eßgewohnheiten sieht. Wenn sich mir in einem Prospekt solche Häuserkulisse auftut, sehe ich keinen Grund, nach Asien zu reisen, das habe ich--->eigentlich überall, nur schön ist das nicht. Kein Wunder, daß die Tourismusbranche eingeht. Der Globalismus=Amerikanismus erwürgt sich selbst

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