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Ostpreußische Museumsstücke

Drama in Ostpreußen

Das Treffen der Königin Luise mit dem Kaiser der Franzosen wurde in der Kunst ganz verschieden rezipiert

Joachim Mähnert
12.06.2021

Jeder, der sich mit der Geschichte Ostpreußens beschäftigt, stößt bald auf die Begegnung der preußischen Königin Luise mit Napoleon Bonaparte in Tilsit im Jahr 1807. Was den Briten ihre Lady Di ist, war den Deutschen einst ihre Königin Luise: verehrt, von Legenden umrankt, jung verstorben. Sie starb 1810 im Alter von nur 34 Jahren. Das „edelste, vollendetste menschliche Wesen, was vielleicht je die Erde trug. Die vollkommensten Weiber jedes Zeitalters hätten ihr weichen müssen!“ schrieb damals einer, der es wissen sollte, ihr Bruder Georg.

Die junge Luise, „Junker Husch“, hatte als Kronprinzessin rasch den Berliner Hof verzaubert. Schön, anmutig, modisch stilbildend, glücklich verheiratet, bürgernah, galt sie als mildtätig und gute Mutter ihrer zehn Kinder, kurz, als Herrscherideal, als das Vorbild jeder Frau in Preußen. Nach ihrem Tod wurde sie verklärt zu einer Märtyrerin, die sich für Volk und Vaterland gegen Napoleon geopfert hatte.

Denn Luise galt als Kriegstreiberin im aufziehenden Konflikt gegen Frankreich. Nach der katastrophalen Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806 floh sie mit ihren Kindern unter dramatischen Umständen bei unwirtlichem Winterwetter erst nach Königsberg, dann schwer erkrankt – vermutlich Typhus – weiter über die kaum passierbare Nehrung nach Memel.

Im Juni 1807 blieb Napoleon mit der Schlacht bei Friedland endgültig siegreich. Die anschließenden Verhandlungen über die Zukunft Europas führte der Kaiser der Franzosen mit dem russischen Zaren; der preußische König Friedrich-Wilhelm III., Luises Gemahl, blieb mehr oder weniger nur Zuschauer. In dieser Not sollte die Königin selbst Napoleon zu milden Friedensbedingungen überreden. Für Luise war es ein Opfergang: „Und dann die Aussicht, das Ungeheuer zu sehen, nein, das ist zuviel. Ihn zu sehen, den Quell des Bösen! die Geißel der Erde! alles Gemeine und Niederträchtige in einer Person vereinigt, und sich vor ihr noch verstellen und heiter und liebenswürdig erscheinen zu müssen!!! Wird der Himmel denn nie aufhören, uns zu strafen?“ notierte sie vor dieser Begegnung. „Sire, ich habe sie gesehen, seien Sie auf Ihrer Hut – ich glaube nicht, dass auf der Erde ein schöneres Weib existiert“, soll wiederum der französische Diplomat Talleyrand seinen Kaiser gewarnt haben.

Das Treffen verlief ergebnislos. Preußen verlor fast die Hälfte seiner Besitzungen und musste hohe Kontributionen leisten. Luise hatte das Klima Ostpreußens noch zwei weitere Jahre bis zu ihrer Rückkehr nach Berlin zu erdulden; wenige Monate später starb sie. Die 1813 von Ostpreußen ausgehendenden „Befreiungskriege“ wurden bereits in ihrem Namen geführt. „Jetzt ist Luise gerächt“, soll Generalfeldmarschall Blücher beim Einzug in Paris verlautet haben. Als 1870 der preußische König Wilhelm die Kriegserklärung aus Paris exakt am 60. Todestag seiner Mutter erhielt, wurde auch der zur Reichsgründung führende Deutsch-Französische Krieg 1870/71 im Namen Luisens geführt und der ihr gewidmete Orden, das Eiserne Kreuz, neu aufgelegt.

Interessant ist, wie diese Begegnung künstlerisch verarbeitet wurde. Im Gemälde von Rudolf Eichstaedt von 1895 sehen wir eine in unschuldiges Weiß gekleidete Luise, durchaus ihre weiblichen Reize einsetzend, einem dominanten Napoleon mit Reitgerte gegenüberstehend; durch das Fenster erkennen wir Truppen - Preußen ist ein besetztes Land. Die Machtverhältnisse sind klar: Luise fleht um einen milden Frieden.

Dem besonders von Kaiser Wilhelm II. geschätzten Bildhauer Gustav Eberlein – er hatte auch das Tilsiter Luisen-Denkmal geschaffen – verdanken wir einen lebensgroßen Denkmalentwurf aus dem Jahr 1901, der dieselbe Szene wiedergeben will. Hier aber überragt Luise Napoleon körperlich und moralisch, sie zeigt dem Kaiser die kalte Schulter und lässt ihn, zur Germania überhöht, einfach abblitzen. Die Siege von Waterloo 1815 und Sedan 1870 hatten das damalige Machtverhältnis in den Köpfen dieser Zeit offenbar verschoben. Diese scheinbare Überlegenheit Preußens über seinen „Erzfeind“ Frankreich traf damals einen Nerv im nationalen Empfinden Deutschlands. 13 Jahre später zogen Millionen junger Deutscher mit Siegesgewissheit in den Ersten Weltkrieg.

Denkmäler werden seit einiger Zeit kritisch hinterfragt und zuweilen gestürzt. Besser scheint die historische Kontextualisierung. Sie vermag einen nicht selten irreführenden Zeitgeist zu offenbaren. Um das durchaus mögliche Gift solcher Bildsprache zu entschärfen, hilft sicher nichts besser als solide historische Kenntnis – etwa durch einen Museumsbesuch.

• Dr. Joachim Mähnert ist Historiker und Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums.
Internet: www.ol-lg.de



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Kommentare

Chris Benthe am 12.06.21, 14:55 Uhr

Wunderbarer Artikel, danke. Trägt zur deutschen Identitätsstiftung bei, sofern man noch gewillt ist, über den Tellerand des Zeit(un)geistes hinwegzusehen.
Ich stimme als Dresdner zu: Museumskultur hilft !

Siegfried Hermann am 12.06.21, 07:49 Uhr

Tut mir leid. Dem kann ich mich absolut nicht anschließen.
Die Frau ist und bleibt ein Mysterium!
Da gibts nix dran zu relativieren.

Allein, dass sie, als Königsgemahlin den Mut aufgebracht hat auf Augenhöhe (!) den damals mächtigsten Kaiser die Stirn zu bieten muss schon Respekt entgegen gebracht werden und war damals ein Affront gegen die Nomenklatura. Napoleon, tief beeindruckt, aber mit der Vernunft eines Generals hätte sie auch in Festungshaft nehmen können, gelle!? Das war früher auch so üblich.
Das sie bei diesen geschichts-trächtigen Treffen leer ausgegangen ist stimmt sooo auch nicht. Sie hat Preußen die notwendige Luft verschafft, damit Blücher und nicht Wellington Napoleon schließlich den Rest zu geben und schließlich weitreichende Reformen in Preußen eingeführt und durchgesetzt worden sind und Preußen zu europäischen Großmacht aufgestiegen ist.
Jetzt kann man trefflich streiten welchen Anteil Luise daran hatte.
Ich würd mal behaupten. Ihr Mann war zwar nominal der König. Die Politik wurde aber im Bett gemacht.
Was wiederum, selbst heute noch gängige Praxis ist. Link. Loki. Beste Kanzlerin die wir jemals hatten.

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