01.10.2022

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Wein aus Thorn

„Echtes Öl, davon einem die Schnauze anklebt“

Der Deutsche Orden brachte die Weinkultur ins Prußenland – Weinanbau spielte im Mittelalter eine bedeutende Rolle

Irmgard Irro
10.05.2022

Des gottesdienstlichen und des eigenen Gebrauchs wegen brachte der Deutsche Orden im 13. Jahrhundert den Weinbau nach Preußen. Die Kultur der Rebe erstreckte sich bis Tilsit. Im Jahr 1379 soll der Orden 608 Tonnen Trauben geerntet haben. Laut Archivdokumenten wuchs die beste Qualität bei Thorn. Als 1363 Herzog Rudolf von Bayern auf der Marienburg bewirtet wurde, trank er aus goldenem Becher Wein aus den Thorner Bergen, den er für „echtes Öl, davon einem die Schnauze anklebt“ erklärte; er trank seinen Becher auf das Andenken Kaiser Ludwigs des Bayern.

Die Ordensritter tranken sehr viel Thorner Wein, weil er besser war als der Wein aus Pommern. Die Hochmeister des Ritterordens verschenkten ihn auch an verschiedene Berühmtheiten. Im Jahr 1374 wurden dem englischen König zwölf Fässer Wein überreicht.

1402 weilte der polnische König Władysław II Jagiełło im Thorner Schloss, um mit den Kreuzrittern zu verhandeln. Beim obligatorischen Empfang reichte Hochmeister Konrad von Jungingen dem König Thorner Wein. Möglicherweise war dieser Wein Jahrgang 1362 oder 1379, welcher lange Zeit als Ausnahmewein galt. Mehrmals wurde Thorner Wein auch an den Fürstenhof nach Litauen geschickt.

Sauer, aber von gutem Geschmack

Die Geschichte spricht über den Thorner Wein nur von seinem Nutzen. Zum diesbezüglichen Zeitpunkt, das heißt im Mittelalter, konnte man sich keine bestimmte Meinung über die Qualität des Thorner Weines bilden. Höchstwahrscheinlich war er sauer, was ganz und gar nicht bedeutet, dass er schlecht war. Quellenangaben über den Geschmack des Weines sind eher schmeichelhaft. Von gutem Geschmack zeugen Fakten, die sagen, dass die Ordensritter den Wein auch neben edlen Weinen aus dem Ausland konsumiert haben. Polnischen Edelleuten königlicher Abstammung wurde beim Empfang Thorner Wein serviert.

Doch unstreitig ist die dynamische Entwicklung des Weinanbaus, welche Mitte des 14. Jahrhunderts stattfand. Die zahlreichen historischen Aufzeichnungen beziehen sich in diesem Zeitraum auf das ganze Gebiet der Ordensritter sowie direkt auf Thorn. Zu den interessantesten gehören die von Vincent von Mainz, Priester und Großmeister Winrich von Kniprode (22. Hochmeister des Deutschen Ordens). Während seiner Aufenthalte in Marienburg in den Jahren 1349 bis 1386 und auf seinen vielen Reisen auf prußischem Gebiet konnte er sich über die Bedingungen zur Kultivierung von Weinstöcken und der Herstellung von Wein genau informieren. Das Ergebnis seiner Berichte über Weingärten war, dass diese damals den Klöstern beziehungsweise dem Orden gehörten und besonderem Schutz unterlagen. Die Hochmeister holten sich Hilfe von ausländischen Weinbergbesitzern. Ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts begann diesbezüglich schon eine große wirtschaftliche Bedeutung.

Wirtschaftliche Bedeutung

Ende des 13. Jahrhunderts umfasste das Gebiet zirka 5530 Hektar. Der als Recht den Thorner Bürgern übertragene Boden war meist wenig fruchtbar, auch größtenteils mit Wald überdeckt. In ihren Anfängen entwickelte sich die Stadt Thorn hauptsächlich durch Haltung und Aufzucht von Ziegen und Schweinen, aber auch von Pferden und Rindern. An den sonnigsten Böschungen am Ufer der Weichsel begann man erfolgreich mit dem Anbau von Weinstöcken. Entlang der Stadtmauer Richtung Westen wechselten sich Gärten und Weingärten ab, welche den „Thorunsker Bürgern“ gehörten.

Die Anfänge des Weinbaus scheinen in das 11. und 12. Jahrhundert zurückzureichen. Dafür, dass Weingärten bereits vor der Ankunft der Ordensritter existierten, spricht die Tatsache, dass der Berg Winnica, auf dem sich die ältesten Thorner Weinberge befanden, früher dem Bischof von Kujawien gehörte. In Kujawien kultivierte man die Weinstöcke schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, dies ist bezeugt in der „Bulle Papst Innocent II. im Jahr 1136“, in der in Bezug auf das Benediktiner-Kloster in Lentschitza ein Austausch der Weingärten in der Umgebung von Breslau stattfand.

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts diente der Weinbau hauptsächlich zur Herstellung von Wein für den religiösen Ritus und weniger zum Konsumieren. Der vom Deutschen Orden hergestellte Wein, der „prächtig und vorzüglich“ war, machte die Stadt Thorn zu einem wichtigen Handelszentrum. Aufgrund dessen steigerte sich die Nachfrage nach liturgischem Wein und belebte die Kontakte mit den umliegenden Klöstern der Ordensritter, was Anbau und Bearbeitung von Weinstöcken betraf, deren Setzlinge sie aus dem Reich (Rheingebiet) und aus Italien bezogen.

Erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts fand eine starke Entwicklung bei der Bearbeitung der Weinstöcke und im Weinhandel statt. Zu dieser Zeit wurden „Thorunsker Bürger“ erstmals in Archiven als Eigentümer und Pächter von Weingärten notiert. Dies sollte auch als Quellennachweis dienen, dass in dieser Zeit für diese Bürger die Weingärtnerei eine der wichtigsten Beschäftigungen war und dadurch schon eine wirtschaftliche Bedeutung gewann.

Frühe Wetteraufzeichnungen

Zahlreiche Aufzeichnungen in Chroniken belegen penibel die Wetterphänomene, welche Einfluss hatten auf den Zustand der angebauten Weinstöcke sowie der Weinqualität. Eine der ersten dieser Aufzeichnungen stammt von 1362, welches ein Jahr des Hungers und der Missernte war. Die nächste Erwähnung findet sich in der Chronik von Jan Lindenblatt, auch bekannt als Janem von der Pusilie. Der Chronist beschreibt einen ausnahmsweise heißen Sommer im Prußenland 1379, der so heiß war, dass die Sauerkirschen vor dem „Zielonymi Świątkami“, dem 15. Mai, reiften und die Weintrauben schon zum Heiligen Jakob, am 25. Juli. Nicht weniger interessante Notizen betrafen auch Wetterlaunen, festgehalten in Schöffenberichten der Stadt Chełmna (Polen), aufbewahrt einst im Königlichen Archiv. Darin ist geschrieben, dass am Heiligen Michael, am 29. September 1390, früh auftretender Frost die Reben und die Weinstöcke vernichtete.

Bürger werden Pächter

Im Thorner Archiv sind in Aufzeichnungen 97 Personen aufgeführt, die der Stadt „Zins“ für Weinberg sowie Vermehrung der Fläche für Anbau zu zahlen hatten; in der Zeit um 1401. Es handelte sich hierbei um weniger als 268 Hektar. Im Jahr 1517 waren es noch 93 Eigentümer, unter anderem Tieleman Hoffe, ab 1416 Besitzer eines Weingartens; Jan von der Mersche, ab 1417 bis 1427. Im Jahr 1437 verpachtete das Benediktiner-Kloster Thorn Boden für Anbau von Weinstöcken an Janowi Alsterowi, Apotheker aus Thorn. Weingartenbesitzer war auch die Thorner Familie Watzenrode, welche mit der Familie Copernicus verwandt war. Im Jahr 1425 verkaufte Albert Watzenrode seinen Weinberg samt Gärtner. Später jedoch wurde die Familie wieder Weinbergbesitzer. Niklas Koppernigk, der Vater des berühmten Mathematikers und Astronomen Nikolaus Copernicus (1473–1543), bekam nach dem Tod seines Schwiegervaters Lukas Watzenrode als Erbschaft den Weinberg.

Weinberg als Erbe

Manch reiche Bürger besaßen mehrere Weingärten. Da das Pflanzen und Bearbeiten der Weinstöcke sowie die Produktion von Wein neben aufwendiger Arbeit auch großes Können voraussetzte, beschäftigten die Weingartenbesitzer eine größere Zahl von qualifizierten Fachkräften. Inmitten dieser Arbeitsgruppen bildeten sich sogenannte Spezialisten im Weinbau heraus. 1394 gab es in Thorn 76 Spezialisten. Für die Pflege der Weinstöcke mussten auch andere Lohnarbeiter beschäftigt werden, welche für verschiedene Hilfsarbeiten eingesetzt wurden. Während der Weinlese stieg die Zahl der Saisonarbeiter an. Man kann davon ausgehen, dass in durchschnittlichen Thorner Weingärten drei bis fünf Leute beschäftigt wurden. Auch taten sich kleine Weingartenbesitzer zusammen. Spezielle Fachgruppen, welche auch eine eigene Weinherstellung hatten, bildeten „Weinmeister“ aus. Zu deren Pflichten gehörte die Leitung der einzelnen Arbeitsschritte sowie verantwortliches Kosten des erzeugten Weines. Man kann vermuten, dass ein „Weinmeister“ von mehreren Weingartenbesitzern bezahlt wurde.

Die Weingärten von Thorn lagen an den sonnigen Hängen des rechten Weichselufers. Man bemühte sich, die Pflanzen auf die sonnigsten Plätze zu setzen. Mit Zäunen und Wällen sicherte man die Pflanzen vor Wind und Schädlingen. Falls der Boden, auf dem die Weinstöcke wachsen sollten, unfruchtbar war, düngten sie ihn mit Schlamm von der Straße oder mit Mist von den Tieren. Erst wenn der Boden so präpariert war, setzte man die Setzlinge ein. Die Setzlinge wurden in der Richtung von Osten nach Westen gepflanzt, und mit einem Abstand dazwischen, dass genügend Licht und Wärme für sie garantiert war. Die Triebe des Weinstocks wurden so geführt, dass man sie vorher als kurzen Schnitt an einen Pfahl anband. Wurde ein Weingarten errichtet, verwendete man Setzlinge, die aus dem Ausland importiert wurden.

Weinhandel in Thorn

Zur Wende zum 13. auf das 14. Jahrhundert interessierte sich der Thorner Stadtrat mehr und mehr für den Weinhandel. Erst ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erschien eine unmittelbare Quelle der Information, dass der Thorner Stadtrat als Kontrollorgan über Produktion und Qualität des Weines fungierte als auch die Organisation des Weinhandels betrieb. Aus Sorge um die Weinqualität gab der Stadtrat eine Verordnung heraus mit einer amtliche Festlegung über den Preis des Mostes und des Weines. Erwartete der Stadtrat, einen bedeutenden Ertrag zu erlangen, führte er ein spezielles Amt ein, genannt „Weinamt“ oder „Weinkeller“. Dies ist festgehalten in den Büchern erst ab dem Jahr 1410.

Im Rathaus-Kellergeschoss lagerten Weine in elf Räumen. Die Kellerverwalter waren verpflichtet zu überwachen, ob alle Lieferungen nach Thorn gingen und der örtlich produzierte Wein in den städtischen Weinkellern verblieb. Hier musste er zehn Wochen bleiben, um von Beamten des Weinamtes beurteilt zu werden. Die Eigentümer mussten Miete für die Lagerung bezahlen, wobei die Gebühr von der Weinsorte abhing. Erst nach Beurteilung und Zahlung der Miete durfte der Wein zum Verkauf angeboten werden.

Noch in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts dominierte im städtischen Handel der Landeswein. Aus dem amtlichen Wein-Rechnungsbuch von 1411 geht hervor, dass in den erwähnten Kellern 44 Fässer ausländische Weine und 99 Fässer Landesweine (örtliche) aufbewahrt wurden. Dies zeigt noch einen schwachen Import und lässt darauf schließen, dass Ende des 14. Jahrhunderts und Anfang des 15. Jahrhunderts die Spitzenzeit für die Entwicklung der Thorner Weinberge und der Weinherstellung war.

Ablösung durch Importwein

Ab dem 15. Jahrhundert nahm die Einfuhr ausländischer Weine immer mehr zu. Die Stadt handelte mit verschiedenen Sorten aus ganz Europa. Schon in den 60er Jahren des 14. Jahrhunderts hatte die Einfuhr von spanischem Wein begonnen. Nach Ende dieses Jahrhunderts bezog die Stadt Wein vom Rhein und aus Italien. Ab Anfang des 15. Jahrhunderts bezog Thorn Wein aus Griechenland und aus südosteuropäischen Gegenden, danach aus Portugal, Österreich und Frankreich. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfreute sich ungarischer Wein besonderer Beliebtheit bei den Thorner Bürgern.

In diesem Zeitraum lieferten ebenso die örtlichen Weinbergbesitzer wie auch Thorner Einkäufer, die Kontakt ins Ausland hatten, sowie Vertreter anderer Handelszentren Wein auf den Thorner Marktplatz. Trotz des Monopols des Städtischen Rates war dieser Handel mit Wein sehr vorteilhaft. Sowohl die Arbeit mit den Weinstöcken als auch die Produktion und der Weinhandel spielten eine große Rolle im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Stadt. Die Entwicklung dieses Wirtschaftszweiges vergrößerte das Einkommen der Thorner Bürger. An der Spitze des Thorner Weinamtes verwaltete ein „Weinherr“ die Keller. Ausgewählt wurde er vom Stadtrat, in der Regel aus dessen Kreisen. Ein Kellerverwalter konnte nach einer bestimmten Zeit sogar den Stand eines Bürgermeisters erlangen.

Ende der Weinkultur in Thorn

Thorner Weinberge gab es bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Ursache für den Niedergang waren fortschreitende Schäden bei der Bearbeitung, aber auch zahlreiche Kriege in den Jahren 1410, 1421 und 1455, die sehr zerstörend waren. In diesen Kriegen wurden auch zwecks Selbstverteidigung die Weingärten angezündet. Eine große Rolle spielte zudem, dass „jedes Frühjahr die Uferlandschaften von Eisgang und Überschwemmung“ bedroht waren. Seit dem 14. Jahrhundert hatte es mehr als dreihundert Deichbrüche gegeben.

Großen Einfluss auf die Aufgabe der Bearbeitung der Weinstöcke hatte überdies die bedeutende Steigerung des Weinimportes aus dem Ausland. Schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts etablierte sich immer mehr eine starke Konkurrenz gegenüber der örtlichen Weinherstellung. Das Ende beschleunigte wohl auch die Pest, die um 1657 im Land herrschte.



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