03.08.2021

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Warnt vor einer Institutionalisierung des Gedenkens: Leszek Jodlński
Foto: C.W.W.Warnt vor einer Institutionalisierung des Gedenkens: Leszek Jodlński

Östlich von Oder und Neiße

Eigene Emotionen statt staatlicher Narrative

Bis heute ist die Erinnerung an das Nachkriegslager Zgoda politisch vermint

Chris W. Wagner
10.07.2021

Nur noch ein Eingangstor erinnert an das 1943 im Ortsteil Eintrachthütte der oberschlesischen Stadt Schwientochlowitz [Świętochłowice] eingerichtete Konzen­trationslager (KZ) Eintrachthütte. Diese Außenstelle des KZ Auschwitz wurde 1945 in das polnische Lager für deutsche Zivilisten und antikommunistische Polen „Zgoda“ umfunktioniert. Seit Jahrzehnten bemühen sich ehemalige Insassen, ihre Angehörigen und betroffene Oberschlesier an diesem Eingangstor, das 2015 etwa 20 Meter Richtung Straße versetzt wurde, eine würdige Gedenkstätte einzurichten. Der Gleiwitzer [Gliwice] Politologe, Kunsthistoriker und Museologe Leszek Jodliński sieht eine gewisse Gefahr für die Institutionalisierung der Erinnerung. „Das Eingangstor ist das einzige Relikt, das quasi organisch, historisch mit der Erinnerung verbundenen ist. Wenn dieses institutionalisiert wird, besteht die Gefahr einer Vereinnahmung seiner Geschichte“. Jodliński weiß aus eigener Erfahrung als geschasster Leiter des Schlesischen Museums zu Kattowitz, dass der, der zahlt auch das Sagen hat: „Man muss sich immer die Frage stellen, ob Museen und andere Erinnerungszentren die Geschichte rekonstruieren oder diese kreieren?“, sagte er während einer Diskussion zum Thema „Zgoda – wie gedenken?“ am 18. Juni im Kulturhaus Ruda [Ruda Śląska]. Eingeladen hatte dazu die Bürgerinitiative zur Errichtung einer Gedenkstätte für Zgoda-Opfer. Diese Bürgerinitiative, die sich vergangenes Jahr gründete, versammelt Vertreter der Deutschen Minderheit, der Bewegung für die Autonomie Schlesiens und deren „Regionale Partei“ (Partia Regionalna), Autoren oder Wissenschaftler.

Doch die Idee, eine Gedenkstätte am Lagertor zu errichten, reicht bis in die 1990er Jahre zurück. Es begann mit einer Nacht- und Nebelaktion, einer Handvoll mutiger Männer, die 1994 am sieben Kilometer von Schwientochlowitz entfernten Massengrab auf dem Friedhof in Ruda ein Holzkreuz aufstellten. Weil dieses trotz mangelnder Genehmigungen stehen blieb, schöpften die Betroffenen Mut. Am Sitz der „Deutschen Gemeinschaft Versöhnung und Zukunft“ in Kattowitz hatte sich ein Komitee für das Opfergedenken gegründet. Der Chef der Gemeinschaft, Dietmar Brehmer, Herausgeber der Zeitung „Hoffnung“ und der Radiosendung „Versöhnung und Zukunft“ im „Radio Kattowitz“, startete eine Sammelaktion. Für das gespendete Geld wurden zwei Parzellen neben dem Holzkreuz am Rudaer Friedhof erworben und eine schlichte Gedenkstätte für Zgoda-Opfer eingerichtet. Ihre Einweihung fand am 17. Juni 1995 statt, und seit diesem Zeitpunkt findet jährlich am 17. Juni ein Gedenkmarsch zum Schwientochlowitzer Lagertor statt.

Der Kreis der Befürworter einer würdigen Gedenkstätte direkt am Lagertor wurde immer größer. Die ehemaligen Zgoda-Insassen bekamen eine Stimme. Diese verlieh ihnen Gerhard Gruschka (91), der als 14-jähriger in das Lager kam. In seinem Buch „Zgoda. Ein Ort des Schreckens“ erzählt er vom Schicksal der Lagerinsassen. Er war und ist treibende Kraft der Initiative. Dem damaligen Komitee fürs Opfergedenken haben sich Vertreter der Bewegung für die Autonomie Schlesiens, der Oberschlesischen Vereinigung (Związek Górnośląski), Politiker, Senatoren und Abgeordnete angeschlossen. Erreicht haben sie, dass 2009 am Eingangstor Informationstafeln in polnischer Sprache angebracht wurden. Doch diese stießen auf Widerstand. Eugen Nagel von der Deutschen Minderheit im Bezirk Ratibor [Racibórz] schreibt in der „Oberschlesischen Stimme“, der Zweiwochenbeilage des „Wochenblatt.pl“: „Die Insassen des Lagers wurden als Kollaborateure des Naziregimes dargestellt“. Die umstrittenen Tafel wurde durch eine neue ersetzt, und die Stadt Schwientochlowitz sah sich damit aus der Sache des Opfergedenkens fein raus. Nicht aber die Bevölkerung. Immer wieder gab es Initiativen zum Zgoda-Gedenken. 2018 hatte Izabella Kühnel vom Oberschlesischen Museum Beuthen [Bytom] eine Ausstellung konzipiert, zu der es letztendlich nicht kam.

Aber sie lernte dabei Gruschka kennen und ließ sich dazu inspirieren, sich in der Anfang 2020 gerichtlich registrierten „Bürgerinitiative zur Gründung einer Gedenkstätte für Zgoda-Opfer“ zu engagieren. Ein Projekt für eine Gedenkstätte aus der Feder des Kattowitzer Architekten Andrzej Grzybowski gibt es seit 2004. Doch die Stadt Schwientochlowitz könne die Kosten in Höhe von umgerechnet 66.000 Euro nicht tragen, heißt es aus dem Rathaus. Obwohl Gruschka einen Teil dieser Kosten übernehmen will, die benachbarte Gemeinde Radzionkau [Radzionków] Hilfe angeboten hat und eine Spendenaktion läuft, gibt es seitens der Stadt – ihr gehört das Grundstück um das Lagertor – kein grünes Licht. Dafür preschte die Stadt Schwientochlowitz mit der Idee, am Lagertor ein Museum beider totalitären Regime einzurichten, vor. Was genau darin gezeigt werden soll, darüber schweigt sich die Stadt aus. Leszek Jodlński ist skeptisch: „Die Erinnerung, die in den Herzen und den Familien gepflegt wird, haben das Recht auf einen eigenen Ausdruck und Emotionalität. Sie unterliegen keinem universellen Narrativ, mit dem wir in Oberschlesien seit Jahrzehnten genährt werden“, sagt er.



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Kommentare

sitra achra am 13.07.21, 11:08 Uhr

Zgoda und Lamsdorf sowie unzählige weitere unbekannte oder verschwiegene Stätten von Massakern an vornehmlich deutschen Frauen, Kindern und alten Menschen, die dem polnischen Nachkriegsrassismus zum Opfer gefallen sind, wahrlich eine unendliche Geschichte.

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