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Rächte sich für die Vernachlässigung ihres Mannes August von Schoenebeck mit zahlreichen Affären: Antonie von Schoenebeck
Foto: UllsteinRächte sich für die Vernachlässigung ihres Mannes August von Schoenebeck mit zahlreichen Affären: Antonie von Schoenebeck

Allensteiner Offizierstragödie

Ein aufsehenerregender Kriminalfall in Allenstein

Antonie von Schoenbeck soll 1907 den jungen Hauptmann Hugo von Groeben zum Mord an ihrem Gatten angestiftet haben

Wolfgang Kaufmann
10.02.2024

Im Dezember 1906 wurde der 37-jährige Hauptmann Hugo von Goeben in die ostpreußische Garnisonsstadt Allenstein versetzt, wo er nachfolgend als Chef der 3. Batterie des Masurischen Feldartillerie-Regiments Nr. 37 fungierte. Zuvor hatte der Sohn eines Gutsbesitzers militärische Erfahrungen in Südafrika und auf dem Balkan gesammelt: Erst im Freikorps Deutsches Kommando Johannesburg auf der Seite der Buren, die gegen die Briten kämpften, und dann als Berater der Osmanen bei der Niederschlagung eines Aufstandes in Thrakien und Makedonien. Gleichzeitig war von Goeben in Belangen, die nicht das Kriegshandwerk betrafen, immer noch ausgesprochen naiv.

Das zeigte sich, als er 1907 auf einem Kostümball die attraktive Frau des Majors August von Schoenebeck kennenlernte. Der Stabsoffizier beim Ostpreußischen Dragoner-Regiment Nr. 10 in Allenstein und passionierte Jäger vernachlässigte seine Gattin Antonie, die sich dafür mit zahllosen Affären revanchierte – darunter auch mit von Goeben. Diesem log die 31-Jährige vor, ihr Mann behandele sie roh und unehrenhaft.

Kopfschuss aus einer Duellpistole
Der leichtgläubige Artilleriehauptmann fasste daraufhin den Entschluss, seine Geliebte aus ihrer angeblich so unerträglichen Lage zu befreien. Zu diesem Zweck drang er am späten Abend des 26. Dezember 1907 in das Quartier von Schoenebecks im Allensteiner Offizierscasino ein und tötete den Major mit einem Kopfschuss aus einer Duellpistole.

Zunächst wurde angenommen, von Schoenebeck habe Suizid begangen, weil man seine Dienstwaffe neben ihm fand. Dann jedoch stellte sich heraus, dass hier ein Mordfall vorlag, woraufhin der Verdacht sofort auf von Goeben fiel. Der gab die Tat auch am 31. Dezember zu, nachdem die Ermittler in seiner Wohnung die Duellpistole und etliche belastende Briefe von Antonie von Schoenebeck gefunden hatten.

Da der Hauptmann einen mental hochlabilen Eindruck machte, wurde er in zwei medizinischen Einrichtungen psychiatrisch untersucht, darunter auch von dem Pionier der Psychotherapie und Sexualmedizin Albert Freiherr von Schrenck-Notzing. Denn ganz offensichtlich stand von Goeben im Bann seiner manipulativen Geliebten. Daraus resultierte die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit des Offiziers – zumal er bald nach dem Geständnis versuchte, sich das Leben zu nehmen. Verbissen bestritt von Goeben jegliche Anstiftung oder Mitwisserschaft seitens der Frau seines Opfers, die aber ebenfalls verhaftet wurde.

Neuverheiratung noch während des Prozesses
Schließlich sollte Mitte März 1908 der Prozess gegen den Mordschützen vor einem Militärgericht in Allenstein beginnen. Doch zwei Wochen zuvor schnitt sich von Goeben mit dem vermeintlich stumpfen Messer, das er beim Abendessen erhalten hatte, die Kehle durch. Danach stand nur noch Antonie von Schoenebeck im Fokus der preußischen Justiz. Auch sie wurde wie ihr Liebhaber zunächst mehrere Wochen lang in der Provinzial-Heil- und Pflege-Anstalt Kortau, einer psychiatrischen Einrichtung unweit von Allenstein, untergebracht und beobachtet, bevor sie gegen Kaution freikam. Diese betrug 50.000 Mark – nach heutigen Geldwert immerhin rund 340.000 Euro. Wer die Summe hinterlegte, ist unklar.

Am Ende musste sich Antonie von Schoenebeck aber ab dem 6. Juni 1910 wegen Beihilfe und Anstiftung zum Mord vor Gericht verantworten, wo sie unter anderem von den beiden Berliner Strafverteidigern Erich Sello und Walter Behn vertreten wurde. Noch während ihres Prozesses ehelichte die Majorswitwe den Schriftsteller Alexander Otto Weber. Dem folgte am 22. Verhandlungstag die Einstellung des Verfahrens wegen Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten, wobei fraglich ist, ob diese echt war oder nur vorgetäuscht wurde. Jedenfalls unterblieb die für später geplante Wiederaufnahme des Prozesses, weil die Verdächtige unter die Vormundschaft eines ihrer Rechtsanwälte kam, was jede weitere Strafverfolgung ausschloss.

Die Ehe zwischen von Schoenebeck und Weber hielt nicht allzulange, woraufhin sich die Entmündigte in die Arme von Webers Bruder flüchtete, der sie schließlich ebenfalls heiratete. Der wohlhabende Bankier Fritz Weber konnte seiner Frau ein luxuriöses Leben bieten, das bis 1931 währte. Dann starb die treibende Kraft hinter von Goebens Tat im mondänen Riviera-Badeort Rapallo.

Zu diesem Zeitpunkt war die „Allensteiner Offizierstragödie“, wie der Mordfall aus dem Jahre 1907 meist genannt wurde, weitgehend vergessen, obwohl sie früher viel Staub aufgewirbelt hatte. Letzteres lag vor allem daran, dass der umstrittene Journalist Maximilian Harden im Sommer 1910 drei Artikel über Hugo von Goeben veröffentlichte, die seine Tat aus sexualpathologischer Sicht zu erklären versuchten, was als „unzüchtig“ galt. Darüber hinaus berichtete auch die Presse in den USA und Frankreich über den Mord und den Prozess. Dieser geriet zeitweise sogar zum Thema im Preußischen Abgeordnetenhaus, wo man über die Notwendigkeit von neuen gesetzlichen Regelungen für eine Strafminderung bei Unzurechnungsfähigkeit diskutierte.


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