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Das Haus in Judtschen, in dem Kant gewohnt hat: Blick in die ständige Ausstellung
Fotos: Screenshot Kafedralnyj SoborDas Haus in Judtschen, in dem Kant gewohnt hat: Blick in die ständige Ausstellung

Judtschen

Ein Ausflug zum Pastorenhaus

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 300. Geburtstag Kants besuchte eine Gruppe aus der Bundesrepublik das Museum

Andrej Portnjagin
28.05.2024

Am 21. April fuhr unsere Reisegruppe von Kant-Verehrern nach Judtschen [Wesjolowka]. Hier hat Immanuel Kant mehrere Jahre Mitte des 18. Jahrhunderts als Lehrer für die Kinder des Pastors Daniel Ernst Andersch (1701–1771) gearbeitet.

Vor einigen Jahren war das Haus unbewohnt und schon länger dem Verfall preisgegeben. Da das Kant-Jahr näherrückte und der 300. Geburtstag gebührend in Ostpreußen gefeiert werden sollte, gab der russische Präsident Geld für die Instandsetzung des Hauses, in dem Kant so lange gelebt hatte. Vor acht Jahren wurde dem Pfarrhaus der Status eines Baudenkmals verliehen. Es wurde auch beschlossen, ein Museum zu schaffen, das dem großen Philosophen gewidmet ist. Am Vorabend des 300. Geburtstags von Immanuel Kant eröffnete das Museum eine neue Dauerausstellung.

Die Ausstellung führte uns in das Zeitalter der Aufklärung und das Bildungssystem des 18. Jahrhunderts ein, gab einen Einblick in die Hauptwerke Kants und präsentierte das Leben und die Geschichte des Dorfes Judtschen. Das Museum zeichnet sich durch moderne Multimedia-Darstellungsmittel aus. In jedem der acht Säle koexistieren traditionelle Museumsausstellungen, sei es altes Geschirr, Uhren, Bücher oder Karten, mit moderner Technologie.

Neue Dauerausstellung
Als wir unsere Begehung im ersten Raum mit dem Titel „Das Zeitalter der Aufklärung“ begannen, konnten wir etwas über die Denker erfahren, die im 18. Jahrhundert in Frankreich, England, Russland und Deutschland die Ideen der bürgerlichen Freiheiten entwickelten. Ihre Porträts schmücken die Wände des Saals, und ein Multimedia-Bildschirm half uns, jedes einzelne Porträt näher kennenzulernen.

Im nächsten Saal der Weltgeschichte wird der Besucher aufgefordert, einzelne Jahre aus Kants Leben mit den damaligen Ereignissen in der Welt zu vergleichen. Hier erinnert man an die Entdeckungen von Wissenschaftlern des 18. Jahrhunderts, an das Erdbeben von Lissabon und vieles andere mehr.

„Das Zimmer des Pfarrers“ ist einer der stimmungsvollsten Säle des Museums. Hier erklingt Bachs Orgelmusik, und an die Wände werden Fresken projiziert, die zu verschiedenen Zeiten die Kirchen und Kathedralen Ostpreußens schmückten.

In der „Lernstube“ – so heißt der nächste Saal des Museums – kann man sich leicht ein Bild von den Wissenschaften machen, die Kant den Söhnen von Pastor Andersch beigebracht hat. Hier sahen wir Weltkarten des 18. Jahrhunderts, ein Herbarium und eine Sammlung lokaler Mineralien, die er zusammengetragen hat.

Die nächsten beiden Säle – „Küche der Philosophie“ und „Wohnzimmer des Pfarrers“ – zeigten uns das Alltagsleben im 18. Jahrhundert. Neben den kulinarischen Rezepten Ostpreußens wird vorgeschlagen, die „Rezepte der Weltanschauung“ zu verstehen: wie und wodurch ein bestimmtes Weltbild entsteht.

Der museale Teil der Ausstellung umfasst einen Schrank aus dem 18. Jahrhundert, Zinn- und Porzellangeschirr sowie Geräte aus dieser Zeit. Hier auf den Bildschirmen sind alte Kupferstiche zu sehen, die das alltägliche Leben von damals veranschaulichen. Eine liebevoll-ironische Darstellung des Philosophen, von Friedrich Hagemann gezeichnet – „Kant rührt Senf an“ –, ist in Form einer animierten Projektion an der Wand zu sehen.

In dem Saal „Geschichte der Philosophie“ ist der Besucher zu einem Ausflug in die Geschichte der Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart eingeladen. Das Museum stellt dem Gast im wahrsten Sinne des Wortes die Hauptfragen von Kants Werken: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und natürlich: „Was ist der Mensch?“

Ein Neubau für Stipendiaten
Links neben dem Kant-Haus erhob sich ein weiterer Neubau mit Remise, einem Brunnen in der Mitte des Hofes, der gerade gepflastert wurde. Das ist eine neue Begegnungsstätte für junge Künstler, Philosophen und Musiker. Wir wurden auch in das schöne Gebäude eingeladen. Die Empfangshalle ist gediegen mit großen Sofas vor einem offenen Kamin ausgestattet. In der Begegnungsstätte gibt es wunderbare Gästezimmer mit Bad, Künstlerateliers und eine gut ausgestattete Küche.

Das Haus gehört einer Kulturstiftung, gegründet vom Dom zu Königsberg. Nutzen dürfen diese Zimmer begabte Studenten der Kunst, Philosophie und Musik. Sie bekommen ein Stipendium und dürfen dort mehrere Wochen kostenfrei verbringen. Die Angestellten des Hauses kommen alle aus dem Dorf und wurden extra ausgebildet. Wir erfuhren, dass die Begegnungsstätte im Mai eröffnet werden soll. Wir waren eine der ersten Gästegruppe des Hauses.

Die Siedlungshäuser, die vor einigen Jahren noch sehr renovierungsbedürftig waren, sind heute alle repariert und sehen schön aus. Ein mit Platten ausgelegter Weg führt direkt zur Angerapp, wo noch eine Anlegestelle für Boote geschaffen wird. Hier wird dann auch das Boot von Dierk Loyal, der ein Flachboot, wie es seine Vorfahren für das Übersetzen über die Angerapp benutzen, dorthin gebracht hat, eingesetzt werden. Zurzeit liegt es gesichert auf zwei Böcken am Kant-Museum.

Es war eine schöne und sehr lehrreiche Fahrt am Vortag des 300. Geburtstages des großen Denkers.


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