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Ist immun gegen Nationalismen: Bürgermeister Rafał Gronicz (r.)
Foto: C. W. WagnerIst immun gegen Nationalismen: Bürgermeister Rafał Gronicz (r.)

Östlich von Oder und Neiße

Ein Auto bleibt ein Auto, egal wie man es nennt

Wie die geteilte Stadt Görlitz ihren neuen Zusammenhalt zelebriert

Chris W. Wagner
16.09.2021

Die Idee zum gemeinsamen Feiern der Kulturerbetage hatte Rafał Gronicz, der Bürgermeister des polnischen Teils der Europastadt Görlitz, und er fand dafür Partner westlich der Neiße in der Freien evangelischen Gemeinde zu Görlitz und der Görlitzer Kulturservicegesellschaft – die von der Stadtverwaltung geschaffen wurde. Allerdings machte den Akteuren Corona einen Strich durch die Rechnung. 18 Monate hat es gedauert, bis aus der Idee Realität wurde und am 11. September im frisch renovierten Gebäude der alten Mälzerei die ersten Kulturerbetage an der Neiße eröffnet wurden. Drei Tage lang haben polnische und deutsche Bewohner der Stadt sich in Diskussionsrunden ausgetauscht, im Sonntagsgottesdienst gesungen und gebetet, die Stadthälften mit einer Führung erlaufen und sich der Stadtgeschichte in einer Ausstellung angenähert. Identität entstehe durch Erkundung, doch diese sei schwierig für eine Generation, die ihre Großeltern und Eltern nicht mehr fragen könne, weil sie die Mythen, Legenden und Lieder der Region nicht kennten, sagte Urszula Zubrzycka, Geschichtslehrern in Ost-Görlitz. Die jüngste Generation lerne ihre Regionalgeschichte heute durch die Erzählung und Erinnerungen der deutschen Nachbarn kennen, man müsse dies nur ermöglichen, sagte sie. Vertreter dieser Generation sind Małgorzata Zysnarska und Piotr Arcimowicz vom Lausitzmuseum am Ostufer der Neiße. Für die Kulturerbetage haben sie eine Ausstellung zur Geschichte der Stadt erstellt. „Die fast tausendjährige Geschichte der Stadt auf vier Tafeln zu zeigen war das Schwierigste für uns. Wir präsentieren aus unserer Sicht die Schlüsselmomente, die Görlitz formten“, sagte Museumsleiter Arcimowicz. Ein zentrales Ereignis, das für die Region eine Katastrophe gewesen sei und für eine lange Zukunft Weichen für die Zukunft gestellt habe, sei der Dreißigjährige Krieg gewesen. „Und noch schwerer, als sich für einzelne geschichtsträchtige Ereignisse zu entscheiden, war es, dafür ein einziges Bild zu finden“, gestand sie.

Eine geschichtsträchtige Stadt

Besonderes Interesse weckte der Teil der Ausstellung, der sich mit der neusten Geschichte auseinandersetzt. „Was in Jalta beschlossen wurde, haben die Menschen hier sehr früh erleben müssen, ein Armageddon der Überbevölkerung von 1945, als sich hier 100.000 Flüchtlinge eingefunden hatten“, beschrieb Zubrzycka. Im Anbetracht dessen kam es recht früh zu einer Kooperation zwischen den Verwaltungen, schließlich musste die Versorgung der nun geteilten Stadt neu organisiert werden. In den 70er Jahren fanden viele Polinnen Arbeit in der Textilindustrie. Häufig blieben und gründeten mit Einheimischen polnisch-deutsche Familien. Bürgermeister Gronicz sieht darin einen Grund dafür, dass man an der Neiße eine gewisse Immunität gegen Nationalismen entwickelte.

Gronicz berichtete, wie er in den 70er Jahren als Sechsjähriger mit einem Valuta-Sparbuch in der Hand zum ersten Mal die Oder-Neiße-Linie passierte. Besonders eindrücklich sei ihm der gute Geschmack des DDR-Joghurts gewesen. Als damals Jugendlicher blieb ihm der Besuch Helmut Kohls in Görlitz in Erinnerung. „Wir waren mit der Schule bei diesem Besuch dabei, und ich stand in der ersten Reihe. Ich traute mich nicht, Kohl gegenüber die Hand auszustrecken, was ich bis heute bereue, denn er hätte sie bestimmt ergriffen“, sagte der seit 15 Jahren amtierende Bürgermeister.

Später im Gespräch hielt er ein Bier der Marke Landskron in der Hand, ein Produkt der Biermanufaktur vom bundesdeutschen Westufer. „Landskron ist unser lokales Bier, und es ist schön, etwas Lokales zu haben. Ich habe viele Kollegen und Freunde, die längst außerhalb der Stadt leben, aber immer, wenn sie nach Hause kommen, greifen sie auf das Lokale zurück und nehmen es auch gerne als Mitbringsel nach Breslau, oder wo auch immer sie jetzt leben, mit“, sagte er. Heute sei die Stadt nur noch sprachlich zweigeteilt, so Gronicz. Er sehe keine Notwendigkeit, dass man die Europastadt in der jeweiligen Sprache als polnischen oder deutschen Teil bezeichnet. „Es macht keinen Unterschied, ob ich Personenwagen oder Auto sage, es bedeutet das Gleiche. Es ist auch egal, ob wir Görlitz oder Zgorzelec sagen, denn wir denken dabei an eine Stadt. Früher hat uns die Neiße getrennt, heute verbindet sie uns. Unsere Einwohner machen vieles gemeinsam, es gibt Freundschaften, Eheschließungen, unsere Kinder besuchen deutsche Schulen“, blickt er zufrieden in die Zukunft.



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