14.08.2022

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Kultur

Ein besorgter Blick auf die „Zukunft Polens“

Die Kunsthalle München präsentiert mit „Stille Rebellen“ Werke des polnischen Symbolismus. Das Thema Krieg ist dabei allgegenwärtig

Norbert Matern
07.07.2022

Jahrelang hatte man in der Münchener Kunsthalle auf die Ausstellung „Stille Rebellen“ hingearbeitet. Besuche haben die Ausstellungsmacher in den Osten geführt, seine Kultur zu erforschen, um wieder einen bedeutenden Teil davon in Deutschland bekannt zu machen. Denn kein deutsches Museum besitzt auch nur ein einziges Bild des polnischen Symbolismus um 1900.

„Als ich vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal Polen besuchte, war ich überwältigt von der einzigartigen Qualität der Werke von Künstlerinnen und Künstlern des Jungen Polen“, sagt Roger Diederen, Direktor der Münchner Kunsthalle. Jetzt hat man für „Stille Rebellen“ noch bis zum 7. August insgesamt 130 Gemälde von 30 Künstlern aus den Nationalmuseen Posen, Krakau und Warschau sowie aus Breslau, Stettin, Thorn und Wilna an die Isar geholt. „Und plötzlich haben wir, während wir auf die Kunst schauen, einen Krieg mitten in Europa, müssen uns Sorgen um die Erhaltung der Kunstschätze in der Ukraine machen und erleben, wie Polen vor bisher ungeahnten Herausforderungen steht“, sorgt sich Diederen.

Die Kirche, der Adel und die Kunst waren es vor allem, durch welche die polnische Identität, das Gefühl zu einem gemeinsamen Volk und Staat zu gehören, während der drei politischen Teilungen zwischen 1772 und 1918 aufrechterhalten wurde. In einer Nation ohne Staat stifteten junge Künstler mit ihren Gemälden, was Polen politisch fehlte. Polen war von der europäischen Landkarte verschwunden, nachdem Preußen, Russland und das Habsburgerreich das Land unter sich aufgeteilt hatten.

Von der Hochblüte polnischer Kultur sieht der Besucher der in Zusammenarbeit mit dem Adam-Mieckiewicz-Institut entwickelten Ausstellung mit zehn Kapiteln zuerst historische Gemälde der renommiertesten Dozenten in Warschau und Krakau wie Jan Matejko (1838–1893), dem nationalistischen Krakauer Malerfürsten, nach dem die dortige Akademie benannt ist, Wojciech Gerson (1831–1901) und Leon Wyczolkowski (1852–1936). Er und Matejko stellen einen München-Bezug her, denn sie studierten je zwei Jahre an der Königlichen Kunstakademie an der Isar.

Die „Preußische Huldigung“

Wer nun Matejkos bekannteste Werke, die „Schlacht bei Grunwald“ (Tannenberg), also den polnischen Sieg über den Deutschen Ritterorden 1410, oder die „Preußische Huldigung“ von Hochmeister Albrecht von Brandenburg, den Lehnseid 1525 vor seinem Onkel König Sigismund, erwartet hat, wird enttäuscht.

Stattdessen gibt es zum Ausstellungsauftakt gleich zweimal Polens Symbolfigur, den rotgewandeten, historisch verbürgten Hofnarren Stańczyk (zirka 1480 bis zirka 1560) als ernsten, niedergeschlagenen Kasper. Matejko zeigt ihn während eines Balls der Königin Bona, als er die Nachricht vom polnischen Verlust von Smolensk an das russische Großfürstentum Moskau 1514 erhalten hat.

Stańczyk sorge sich, heißt es, um die „Zukunft Polens“. Dass Matejko dem Narren Stańczyk seine eigenen Gesichtszüge verlieh, prägte hier das prototypische Bild vom polnischen Künstler als tragischer Denker und strenger Richter über die Geschichtsläufe. Der besorgte Blick wird noch deutlicher im zweiten Bild des Narren von Leon Wyczolkowski: Stańczyk verbirgt erschüttert sein Gesicht mit der linken Hand.

Neben Landschafts- und volkstümlichen Gemälden, die von europäischem Einfluss zeugen, sind Gemälde mit christlichen Motiven zu sehen. Vlastimil Hofman (1881–1970) bildete mit „Die Beichte“, in der Christus selbst einem ärmlich gekleideten Mann seine Sünden vergibt, „Madonna mit Star“ und mehreren Madonnen im Mutter-Kind-Schema volkstümliche Anschauung. Leon Wyczol­kowski malte „Christus am Ölberg“, Jacek Malczewski das Triptychon „Christus in Emmaus“. Für eine Reihe von Mitgliedern des „Jungen Polen“ war die Volksreligiösität ein Beispiel für die lebendige Kraft der Tradition.

Nach Porträts und Künstlerselbstbildnissen beeindruckt Stanislaw Przy­byszewski Gemälde „Nackte Seele“: Kunst sollte das Leben der Seele in all ihren Äußerungen nachbilden, unabhängig davon, ob sie gut oder böse, hässlich oder schön sind. Abschließend folgen Märchenfiguren wie die der Polonia.

Freier Sessel für den Botschafter

Personifikationen der polnischen Nationalität sind dargestellt mit dem „Schwankenden, aber nicht sinkenden Schiff“ von Ferdynand Ruszczyc (1870–1936) und mit Wyczolkowskis „Ritter inmitten von Blumen“, der zum Befreiungskampf aufruft. Fast in die Gegenwart zurück führen zum Schluss Jacek Malczewski mit dem Triptychon „Sklaverei-Krieg-Freiheit“ und Edward Okun mit „Wir und der Krieg“.

Zu Beginn der Ausstellung gibt es eine große Karte, auf der gut verständlich die Teilungsgebiete zu sehen sind. Polen als Nationalstaat ist nicht eingezeichnet. Man hätte darauf hinweisen können, dass es eine große Macht gab, welche die Auflösung Polens bis 1918 nicht anerkannte: das Osmanische Reich. Bei offiziellen Ereignissen in Istanbul blieb ein Sessel frei. Bei der Begrüßung der Staatsgäste rief der Protokollchef: „Seine Exzellenz, der polnische Botschafter ist noch unterwegs.“ Was die Ausstellung angeht, ist anzumerken, dass alle Städtenamen der Leihgeber auf Deutsch gehalten sind.

Im Umfeld der Ausstellung gibt es zahlreiche Vorträge, sogar einen für Familien mit Babys, Kinder- und Jugendprogramme sowie „Kulinarik trifft Kunst“. Die Münchner Philharmoniker geben ein Konzert mit Werken polnischer Komponisten, und vor dem Generalkonsulat der Republik Polen ist eine Fotoausstellung des Komponisten und Bergsteigers Mie­czyslaw Karlowicz zu sehen. In den Ferien gibt es außerdem ein Kinder-Begleitheft und Kinderführungen.

„Stille Rebellen“ läuft bis 7. August in der Kunsthalle München, Theatinerstraße 8, geöffnet täglich 10 bis 20 Uhr. Der Katalog vom Hirmer-Verlag mit 299 Seiten kostet 35 Euro.
www.kunsthalle-muc.de



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Kommentare

Ralf Pöhling am 10.07.22, 12:59 Uhr

Jedes eigenständige Volk mit eigener Kultur auf diesem Planeten braucht seinen eigenen Schutzraum, seine eigenen Nation, in der es nach eigenem Gusto frei schalten und walten kann.
Dies gilt natürlich auf für Polen. Was strittige Gebietsansprüche betrifft, so ist dies zumindest für den EU Raum keine Frage mehr. Wir haben innerhalb der EU volle Niederlassungs- und Berufsfreiheit. In alle Richtungen. Was nichts daran ändert, dass die Polen, genau wie jedes andere Land in der EU, die Grundregeln im eigenen Land selbst bestimmen können sollte.
Das geht. So weit sind die Europäer gar nicht auseinander, als das sie sich wegen so etwas gegenseitig die Schädel einschlagen müssten. Die Zeiten sind vorbei.
Wir müssen dafür nur endlich vom Geld weg.
Ziel muss es sein, dass jedes EU Land für jedes andere EU Land einsteht und sich alle gemeinsam gegen äußere Feinde verteidigen lernen.

sitra achra am 07.07.22, 10:30 Uhr

Bei der unvermeidlichen Dekolonisierung Russlands muss auf Polens Anspruch auf Smolensk und Umgebung geachtet werden. Viva Polonia!

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