05.10.2022

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Jugendstil

Ein Bremer, der das Leben inszenierte

Vor 80 Jahren verhungerte Heinrich Vogeler in der Sowjetunion – Zuvor stand er im Mittelpunkt der Künstlerkolonie Worpswede

Helga Schnehagen
14.06.2022

Der 150. Geburts- und 80. Todestag – Worpswede bei Bremen hat dieses Jahr doppelten Anlass, dem Maler, Graphiker und Designer Heinrich Vogeler zu gedenken. Das Leben und facettenreiche Schaffen des Ausnahmekünstlers zwischen Jugendstil und sozialistischer Propagandamalerei, Krieg und Frieden, Deutschland und Russland ist bis zum 6. November Thema der großen Gemeinschaftsausstellung „Heinrich Vogeler. Der neue Mensch“. Die Schau in den Worpsweder Museen Barkenhoff, Große Kunstschau, Haus im Schluh und Worpsweder Kunsthalle wird von den Bremer Kooperationspartnern Focke-Museum, Kunsthalle Bremen und Museen Böttcherstraße ergänzt.

Am 12. Dezember 1872 kam Vogeler als Sohn einer wohlhabenden Bremer Kaufmannsfamilie auf die Welt, um später den Traum vom Kommunismus zu träumen. Sein Werdegang ließ das nicht vermuten, denn seine künstlerische Laufbahn begann bürgerlich im Rahmen der Worpsweder Künstlergruppe, wenn auch mit Sonderstellung. Vogeler interessierte nicht – wie die Kollegen – die Natur in ihrer Natürlichkeit und das einfache Leben, sondern die Gestaltung. Als Lyriker und Ästhet veredelte er nicht nur Haus, Garten und Interieur. Er inszenierte das Leben selbst. Feinkultivierte Lebensführung und stilvolle Geselligkeit sollten das Leben zum Kunstwerk machen.

Von Verschönerungswelle erfasst

In ganz Europa herrschte um 1900 der Drang, dem Leben eine neue Form aufzuprägen. Anstöße waren besonders aus England gekommen, dem künstlerisch-ideologischen Nährboden des Jugendstils. Es war der Versuch, im Schatten des heraufkommenden Industriezeitalters dem Leben noch einmal ein menschenwürdiges Gesicht zu geben. Besonders ausgeprägt war der Wunsch, Gegenstände des täglichen Gebrauchs zu verschönern.

Vogeler wurde zu einer Ikone der Bewegung. Er traf den Geschmack des Bürgertums, setzte Maßstäbe und war als begabtes Multitalent weit über Bremen und Worpswede hinaus gefragt. Er illustrierte Bücher und Zeitschriften, entwarf Möbel, Gebrauchsgegenstände, Schmuckstücke, Kleidung und Webereien, die Ausstattung von Privatvillen, Kaffeehäusern und Restaurants und arbeitete als Architekt.

Weltruhm, so könnte man sagen, verschaffte ihm seine Mitarbeit 1899/1900 bei der Literatur- und Kunstzeitschrift „Die Insel“. Für die Bremer Firma M.H. Wilkens & Söhne entwarf er ab 1900 erfolgreich Silberbestecke. Das Herbstzeitlosen-, Tulpen- und Margeritenbesteck sind heute im Focke-Museum ausgestellt.

Die Verschönerungswelle um 1900 hatte auch den öffentlichen Bereich erfasst. Vogeler erhielt nicht nur Entwurfsaufträge für das Bremer Ratssilber, sondern auch für das des Lübecker Rats. Für beide Aufträge hatte er sich durch die 1905 vollendete Güldenkammer des Bremer Rathauses ausgezeichnet. Ein Höhepunkt im Schaffen des zu jener Zeit 33-jährigen Künstlers und eines der wenigen Raumkunstwerke des Jugendstils, das unzerstört geblieben ist.

Ein Stuhl der Güldenkammer steht in der Halle im Erdgeschoss des zum Focke-Museum gehörigen Haus Riensberg. Im Obergeschoss ist neben anderen Objekten ein weiteres Ensemble zu bewundern: das Zimmer einer jungen Frau, das Vogeler 1906 auf der Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung in Dresden präsentierte.

Protestbrief an den Kaiser

Zentrale Werke beherbergt auch die Kunsthalle Bremen: neun Gemälde und über 300 Arbeiten auf Papier, vom märchenhaft-romantischen Gemälde des Liebespaars über Darstellungen des Gesamtkunstwerks Barkenhoff aus den frühen 1900er Jahren bis hin zum Bild des Hamburger Werftarbeiters, das Vogeler Ende der 1920er Jahre malte. Die Museen Böttcherstraße erinnern an Vogelers Unterstützung für die Malerkollegin Paula Modersohn-Becker.

Mit derselben Intensität, mit der Vogeler sein Leben träumerisch der Realität entrückt hatte, machte der Erste Weltkrieg ihn zum engagierten Kämpfer gegen ihre Schattenseiten. Letzten Anstoß gaben die Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk 1917/18. Für Vogeler ein imperialistischer Gewaltfrieden. Zutiefst betroffen, verfasste er „Das Märchen vom lieben Gott“, einen Protestbrief in Form einer Dichtung an Kaiser Wilhelm II., den er am 20. Januar 1918 abschickte.

In jüngerer Zeit ist ein zweiter Brief des damaligen Unteroffiziers an die Oberste Heeresleitung bekannt geworden, der direkt ausspricht und weiter ausführt, was der Kaiserbrief in Literatur gekleidet hat. Vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Kriegsgeschehens sind es Friedensappelle von erschreckender Aktualität. Die Aktion hatte glücklicherweise nur Vogelers Einweisung in eine Irrenanstalt zur Folge und nicht die sofortige Erschießung als Landesverräter, wie sie Ludendorff forderte.

Die radikale Wandlung vom Biedermeier zum Sozialisten machte die Worpsweder Künstleridylle Barkenhoff zur Kommune und später zum Kinderheim der „Roten Hilfe“. Vogeler selber wandte sich in die Sowjetunion, die seine neue künstlerische und persönliche Heimat wurde. 1932 übersiedelte er endgültig nach Moskau.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 22. Juni 1941 wurde er Mitarbeiter beim Moskauer Rundfunk und verurteilte mit Appellen in deutscher Sprache das NS-Regime. Schon seit 1940 stand er auf der Fahndungsliste der SS. Im September 1941 wurde er von den Sowjets auf eine Kolchose bei Karaganda zwangsevakuiert, um an einer Baustelle für einen Staudamm zu arbeiten. Wenige Monate später starb er am 14. Juni 1942 im Alter von 70 Jahren völlig entkräftet und bettelarm im nahen Krankenhaus von Kornejewka. Sein Grab in der kasachischen Steppe wurde nie gefunden.

In einer Mischung aus Spielfilm und Dokumentation hat Marie Noëlle in dem parallel zur Ausstellung entstandenen Film „Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“ das Leben des Künstlers auch ins Kino gebracht. Florian Lukas spielt darin Heinrich Vogeler und Anna Maria Mühe dessen Frau Martha. Neben direkten Nachfahren kommen darin auch Kunst- und Kulturschaffende der internationalen Kunstszene zu Wort.

• Infos zum Jubiläum: www.vogeler22.de



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