25.11.2020

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Bekannteste Kultur-„Sehenswürdigkeit“ von Chemnitz: Der 40 Tonnen schwere Karl-Marx-Klotz im Stadtzentrum
Foto: CWE Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und EntwicklungsgesellschaftBekannteste Kultur-„Sehenswürdigkeit“ von Chemnitz: Der 40 Tonnen schwere Karl-Marx-Klotz im Stadtzentrum

Ein deutsches Aushängeschild

Die Wahl zum schönsten „hässlichen Entlein“ Europas – Chemnitz wird Kulturhauptstadt 2025

Andreas Guballa
04.11.2020

Berlin war es 1988, Weimar 1999 und Essen mit dem Ruhrgebiet im Jahr 2010. Im Jahr 2025 darf Deutschland – neben Slowenien – wieder eine Kulturhauptstadt für Europa stellen. Im Rennen um den prestigeträchtigen Titel hat sich nun Chemnitz nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren gegen die Mitbewerber Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg durchgesetzt. Dabei gilt Sachsens drittgrößte Stadt, die zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt hieß, mit ihren vielen tristen Plattenbauten nicht unbedingt als Perle.

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig erklärte nach der Entscheidung: „Dieser Titel ist für Chemnitz die große Chance, viel zu geben und viel zu bekommen." Die SPD-Politikerin erinnerte in diesem Zusammenhang an die tagelangen Demonstrationen mit zum Teil gewalttätigen Ausschreitungen, welche die Stadt im August 2018 nach dem Messermord eines Deutschen durch einen Asylsucher international negative Schlagzeilen gebracht hatten. Chemnitz könne durch den Titel zeigen, dass es nicht nur für, wie es Ludwig ausdrückt, „Bilder von Nazi-Aufmärschen" stehe, sondern „eine aktive, vielfältige Stadtgesellschaft im internationalen Austausch" sei. Der Titel soll nun der gebeutelten Stadt einen Schub geben.

Die Kulturhauptstadt-Jury forderte Chemnitz und auch die unterlegenen Bewerber auf, Kunst und Kultur in den Mittelpunkt zu stellen und als Teil der Lösung der aktuellen Probleme zu verstehen. Europa, so heißt es, brauche jetzt mehr denn je ein Klima der Offenheit und der Solidarität. Kunst, Kultur und das Engagement auf städtischer Ebene könnten dies leisten.

Chemnitz hatte die Widersprüche seiner Geschichte in den Mittelpunkt seiner Bewerbung gestellt: Umbrüche, Identitätssuche, den Wandel zur Stadt der Industriekultur. Gepunktet habe die Bewerbung vor allem mit ihrer großen Bürgerbeteiligung, ist Kulturbotschafterin Nicole Oeser überzeugt. Sie hatte mit neun anderen die Abschlusspräsentation vor der zehnköpfigen Jury gehalten. „Wenn man denkt, dass man den großen Teil der Arbeit geschafft hat, indem man den Titel gewonnen hat, ist man auf dem Holzweg", sagt Oeser. Jetzt beginne die richtige Arbeit. In einem ersten Schritt will Chemnitz neue Strukturen schaffen.

Viele Projekte würden schon vor dem Jahr 2025 beginnen. So soll zum Beispiel die alte Hartmann-Fabrik saniert und zum Ausgangspunkt für die Akademie der Autodidakten und zum wissenschaftlichen Zentrum im Bereich Rechtsextremismus werden. 3000 Garagen sollen zu „Werkstätten der Interaktion" werden, das Figurentheater Chemnitz will aus persönlichen Fundsachen und Geschichten kleine Stücke entwickeln, die dann auf der Bühne einer mobilen Garage aufgeführt werden.

Friedensfahrt wird wiederbelebt

Globales Denken und lokales Handeln möchte man auch beim Projekt der 4000 Apfelbäume verbinden, die überall in der Stadt gepflanzt und dann von Paten gepflegt werden. Künstler aus verschiedenen Ländern werden parallel einen Kunstparcours entstehen lassen. Außerdem fügt eine interaktive, nach dem Pokemon-Prinzip funktionierende Gaming-App „Go Apple go" Bildungsaspekte hinzu mit den heutzutage politisch unausweichlichen Themen wie Nachhaltigkeit über Ressourcen bis zu Immigration.

Und schließlich will Chemnitz 2025 auch die „Europäische Friedensfahrt" wieder aufleben lassen, das berühmteste Amateur-Radrennen des Ostens. 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges soll es in Pilsen starten, den Korridor passieren, in dem 1945 die US-amerikanischen auf die sowjetischen Truppen trafen und nach 170 Kilometern in der Kulturhauptstadt enden.
Der Titel Kulturhauptstadt ist zugleich ein großes Konjunkturprogramm für Stadt und Region. Der Freistaat Sachsen wird der Stadt Chemnitz bis 2025 insgesamt 20 Millionen Euro zur Verfügung stellen.

Slowenien stellt zweite Stadt

Die Auszeichnung als „Kulturhauptstadt Europas" wird seit 1985 jeweils für ein Jahr von der Europäischen Union mit dem Ziel verliehen, Europas Vielfalt und Zusammengehörigkeit erlebbar zu machen. Anfangs waren es nur Metropolen wie Paris oder Berlin. Dann änderte sich das Konzept. Vor allem kleinere Städte aus der zweiten Reihe sind jetzt gefragt.

Oft sind es ehemalige Industriestandorte, die versuchen, mit Kultur und Tourismus ein neues Image aufzubauen. 2010 waren es Essen und das Ruhrgebiet, 2004 die ehemalige Textilstadt Lille in Nordfrankreich und 2008 die norwegische Ölstadt Stavanger zusammen mit Liverpool.

Gerade die ehemalige nordenglische Industriemetropole hat sich seit dem Kulturhauptstadtjahr so grundlegend verändert wie kaum eine andere Stadt in Europa. Aus dem Armenhaus Englands ist ein angesagtes Ziel für Städtereisen geworden. Auch für Essen und das Ruhrgebiet war das Kulturhauptstadtjahr vor 20 Jahren ein nachhaltiger Impulsgeber.

Die zweite Europäische Kulturhauptstadt 2025 stellt Slowenien. Die Entscheidung darüber, welche Stadt es sein soll, wird im Dezember verkündet. Da es dort keine großen Industriestädte gibt, wird es sich wohl nicht um solch ein „hässliches Entlein" wie Chemnitz handeln, das sich nun aber als Kulturhauptstadt Europas wie im Märchen vorkommen muss und die große Chance hat, sein ramponiertes Image kräftig aufzupolieren.



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Kommentare

Chris Benthe am 10.11.20, 10:51 Uhr

„Bilder von Nazi-Aufmärschen" - daran erkennt man, worum es den Machern rund um diesen fragwürdigen Kulturrummel tatsächlich geht. Nicht der barbarische Mord an einem Einheimischen ist Gegenstand der Sorge, sondern imaginäre "Naziaufmärsche". Solche Eliten-Spektakel sind des Menschen Feind, der noch gesunden Menschenverstand besitzt. Also, wo nur heiße Luft produziert wird zur Erbauung geistiger Hohlkörper, darf der Stolz auf so ein Ereignis gerne fehlen. Chemnitz hat nichts davon. Z. B. nicht einen Arbeitslosen weniger. Nicht ein Mordopfer weniger. Nicht ein Drogenopfer weniger. Nein, wo ich nicht ich selbst sein darf, ist auch nicht meine Kultur. Und die der EU schon gar nicht, die mit dem guten alten Europa nichts gemein hat.

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