05.07.2022

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Zeit seines Lebens fast immer konträr zum Zeitgeist: Klaus Rainer Röhl (1928–2021)
Foto: SZ PhotoZeit seines Lebens fast immer konträr zum Zeitgeist: Klaus Rainer Röhl (1928–2021)

Nachruf

Ein deutsches Leben

Zum Tode von Klaus Rainer Röhl

René Nehring
08.12.2021

Am 30. November 2021 verstarb in Köln der Publizist Klaus Rainer Röhl. Geboren am 1. Dezember 1928 in Trockenhütte/Danzig, wurde sein Lebenslauf zu einem Spiegelbild der vielen deutschen Umbrüche und Verwerfungen des 20. Jahrhunderts – nur dass Röhl zumeist konträr zum Geist der jeweiligen Zeit stand.

Nach der Einberufung zum Reichsarbeitsdienst, der den Schüler als Wachsoldaten im KZ Stutthof einsetzte, sowie nach kurzem Kriegsdienst in Dänemark und anschließender Kriegsgefangenschaft konnte Röhl 1948 in Stade sein Abitur ablegen. Dort lernte er auch den Schriftsteller Peter Rühmkorf kennen.

Ein Jahr später begann Röhl, in Hamburg zu studieren und betrieb mit Rühmkorf das politische Kabarett „Die Pestbeule“. Inmitten der konservativen Ära Adenauer gründete er 1955 die linke Zeitschrift „Studentenkurier“, die 1957 in „konkret“ umbenannt und schnell zum Sprachrohr der Anti-Atomkraft-Bewegung wurde. Maßgeblich finanziert wurde die Zeitschrift bis 1964 von der DDR. Als 1956 die KPD in der Bundesrepublik verboten wurde, trat der „konkret“-Herausgeber ihr aus Protest bei.

1961 heiratete Röhl die Journalistin Ulrike Meinhof und bildete mit ihr eines der prominentesten Paare der linken Außerparlamentarischen Opposition. Doch während sich Meinhof immer stärker radikalisierte und zur Mitbegründerin der Rote Armee Fraktion wurde, wendete sich Röhl vom Linksextremismus ab und bekämpfte die RAF von Beginn an mit publizistischen Mitteln.

Nach der Trennung von „konkret“ 1973 vollzog Röhl eine allmähliche innere Wende. Anfang der 1990er Jahre promovierte er bei Ernst Nolte und rechnete in seinem Buch „Linke Lebenslügen“ mit dem „langen Marsch durch die Illusionen“ ab. Er engagierte sich im nationalliberalen Flügel der FDP und initiierte den „Appell 8. Mai 1945 – gegen das Vergessen“, um ein Zeichen gegen die zunehmend einseitige Deutung dieses Datums als „Tag der Befreiung“ zu setzen.

Auf seine alten Tage dann wurde Röhl Kolumnist dieser Zeitung. Politisch und publizistisch war dies weit von seinen Anfängen entfernt. Und doch hatte es nicht nur geographisch Sinn, dass der gebürtige Danziger am Ende seiner langen Reise durch die deutschen Zeitläufte für Das Ostpreußenblatt und später die PAZ schrieb. So steht Röhl mit den Irrungen und Wirrungen seines Lebenslaufs stellvertretend für das Schicksal einer Generation, die zeitlebens an und mit ihrem Vaterland litt, die sich an ihm abarbeitete – und ihm doch nie entkommen konnte.

Nicht zuletzt steht Röhls Biographie dafür, dass es keine letzten Gewissheiten gibt – weder in der Politik noch im persönlichen Leben.



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Kommentare

Gerald Franz am 09.12.21, 10:30 Uhr

Man hatte den Schüler Klaus Rainer Röhl als Wachsoldaten im KZ Stutthof einsetzte! Dann blieb ihm durch seinen gnädigen Tod der Versuch einer Ehrabschneidung durch Juden erspart.

Jan Kerzel am 08.12.21, 21:12 Uhr

Wann irrt man? Wann ist man verwirrt? Wann ist man sich seiner Sache sicher? Ein offenes System kommt permanent zu neuen Erkenntnissen, abstrahiert und arbeitet auf einer höheren Ebene weiter. Nur starre Systeme rasten ein und vermeiden weiterhin neue Einsichten, um einer Verunsicherung vorzubeugen. Wie viele andere auch, ging Röhl den Weg von quasi links nach rechts, weil sich die Umstände und die Einsichten geändert haben. Die restaurative Ordnung der BRD hatte sich behauptet, da sie der großen Mehrheit Aufstieg und Wohlstand versprach und dieses Versprechen auch hielt. Der Klassenstandpunkt war obsolet geworden und fand keinen Widerhall. Die Rückkehr zu einem gemäßigten Patriotismus versprach durchaus Einheit und Veränderung. Die ordnenden und führenden Kräfte wollten und wollen aber weder eine Veränderung über das Klassenbewusstsein der Bevölkerung noch über eine patriotische Verwurzelung derselben. Von daher kommt der Widerstand aus der immergleichen Festung. Röhl war lebenslang im Widerstand gegen die obwaltenden Verhältnisse. Was tun? Auch die Verbindung beider Ideenwelten, die sich durchaus berühren, erscheint mir nicht erfolgversprechend. Die Gefahr wird sofort erkannt und medial exekutiert. Das trübe Bildungssystem sorgt dafür, dass die Bevölkerung, außer infantilen Moralismen, keine Denkstrukturen und Anknüpfungspunkte für projektive übergeordnete Konzepte hat, oft nicht einmal ihre eigenen Interessen definieren kann. Abgearbeitet am Vaterland! Wenn das so war, dann war es ein Basisfehler. Einen Wagenheber sollte man nicht auf Sand setzen. Jede fixe Idee und Projektion muss in der Realität scheitern. Augstein schrieb einmal, wir haben den Vorteil, dass wir uns für kein Land erschießen lassen müssen. Nutzen wir doch diesen Vorteil, durch Loslassen und Auflösen! Das würde erheblich zur Paralyse der Herrschaft führen und Freiheit generieren. Einfaches Beispiel: Wenn in einem Chor von 100 Sängern, 70 keinen Bock mehr haben, dann ist die Veranstaltung zu Ende!

Andreas Nickmann am 08.12.21, 19:32 Uhr

Es war ein Schock, als ich davon erfuhr. Röhls Werke wie "mein langer Marsch durch die Illusionen" haben mich auf meinem kurzen Marsch durch die Illusionen begleitet.
RIP

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