11.08.2020

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Lügenbaron

Ein dickes Bärenfell übergezogen

Die Weserstadt Bodenwerder wollte den 300. Geburtstag von Münchhausen groß feiern – jetzt hat man die Seuche am Hals

Veit-Mario Thiede
11.05.2020

Am 11. Mai 1720 kam in Bodenwerder bei Hameln ein gewisser Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen zur Welt. An den würde sich heute niemand mehr erinnern, wenn er nicht einen literarischen Doppelgänger hätte. Der genießt als Ich-Erzähler unglaublicher Erlebnisse Weltruhm. Aber was wissen wir eigentlich über den historischen Freiherrn? Und in welchem Verhältnis steht er zum literarischen Lügenbaron?

Tina Breckwoldt stellt in ihrem neuen Buch „Die Wahrheit über Münchhausen & Co." fest: Über die historische Person „weiß man nicht eben viel". Als Page des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel begab sich der 18 Jahre alte Münchhausen nach Russland. Zarin Anna Iwanowna verheiratete seinen Dienstherrn mit der designierten Thronfolgerin Anna Leopoldowna. Doch dann löste Anna Iwanownas Tod große Nachfolgekonflikte aus. Die entschied Elisabeth, Tochter Peters des Großen, für sich.

Die neue Zarin schickte Anna Leopoldowna und Anton Ulrich in die Verbannung. Münchhausen aber blieb ungeschoren und brachte es unter Zarin Elisabeth in der russischen Armee bis zum Rittmeister. 1744 heiratete er Jacobine von Dunten. Die Ehe blieb kinderlos. Spätestens ab 1753 leitete er das Familiengut in Bodenwerder. Er war ein leidenschaftlicher Jäger und geschätzter Geschichtenerzähler, wie Albrecht Friedrich von Münchhausen in seiner 1872 veröffentlichten „Geschlechts-Historie des Hauses derer von Münchhausen" darlegt. Nach Jacobines Tod 1790 heiratete der alte Freiherr 1794 die junge Bernhardine von Brunn. Sie entpuppte sich als verschwenderisch und untreu. Der Scheidungsprozess lief noch, als Münchhausen am 22. Februar 1797 verstarb. Er ruht in der Klosterkirche Bodenwerder-Kemnade.

Aber was hat der echte Hieronymus mit den Erzählungen des „Lügenbarons" zu tun? Deren Veröffentlichungsgeschichte schildert uns Breckwoldt. In den 1781 und 1783 veröffentlichten Ausgaben des „Vade Mecum für lustige Leute" stehen insgesamt 18 unglaubliche Geschichten, in die der anonyme Autor so einführt: „Es lebt ein sehr witziger Kopf, Herr von M-h-s-n ..., der eine eigne Art sinnreicher Geschichten aufgebracht hat, die nach seinem Namen benannt sind, obgleich nicht alle einzelne Geschichten von ihm seyn mögen." Die wohl berühmteste der Vade-Mecum-Erzählungen ist die vom zweigeteilten und wieder zusammengefügten Pferd.

Ohne die schriftstellerischen Leistungen zweier verkrachter Genies, die notorisch in Geldnöten steckten, hätte der Lügenbaron wohl keine Weltkarriere gemacht. Die Rede ist von dem in England lebenden Bibliothekar und Universalgelehrten Rudolf Erich Raspe (1736–1794) und dem Sturm-und-Drang-Autor Gottfried August Bürger (1747–1794), der sich selbst als „Lieblingsdichter der Deutschen" bezeichnete. Im Vorwort seiner 1785 anonym in London veröffentlichten Münchhausen-Abenteuer stellt Raspe Hieronymus als Urheber der Geschichten hin und macht ihm ein Kompliment: „Baron von Munchausen aus Bodenwerder ... ist ein Mann von großem und originellem Humor."

Die Geburtstagsfeier fällt diesmal aus

Raspes Münchhausen präsentiert 17 Episoden aus dem „Vade Mecum". Die bereichert er in der Erstausgabe und den folgenden Auflagen um zahlreiche neue Abenteuer: Jagdgeschichten, Erlebnisse in Russland, der Türkei und auf See. Nicht wenige haben Vorbilder, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen.

Unter dem Titel „Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen" lieferte der Göttinger Honorarprofessor Bürger 1786 eine freie Übersetzung von Raspes englischem Text und dichtete in dieser und der 1788 folgenden zweiten Auflage insgesamt 14 Episoden hinzu. Zwei davon kennt wohl jeder: Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel und wie er sich selbst mitsamt Pferd an seinem Haarzopf aus dem Sumpf zieht.

Bürger veröffentlichte seinen Münchhausen anonym. Erst 1798 kam heraus, dass er von ihm stammt. Daher kann eigentlich nicht sein, was man in jeder Lebensbeschreibung über den 1797 gestorbenen Hieronymus von Münchhausen liest: Er soll gewusst haben, dass die „Wunderbaren Reisen" Bürger geschrieben hat. Angeblich missfiel ihm das. „Den tiefen Verdruss darüber hat er nie verwunden", wie es in der „Geschlechts-Historie" heißt.

Vom historischen Münchhausen ist bekannt, dass er packend erzählen konnte. Aber von keiner der Geschichten, die man bei Bürger und seinen Vorgängern liest, ist sicher, dass sie der vor 300 Jahren geborene Freiherr erfand oder jemals vorgetragen hat. Vom literarischen Helden ist jedoch gewiss, dass er es zum Sympathieträger und zur Identifikationsfigur gebracht hat, weil er sich nie unterkriegen lässt und selbst in aussichtslosester Lage eine Lösung weiß. Sein Lebensgrundsatz lautet nämlich: „Man muss sich nur in der Welt zu helfen wissen."

Unter dem der Geschichte vom tollwütigen Überrock entlehnten Motto „Tapferkeit und Gegenwart des Geistes" wollte Bodenwerder den Freiherrn feiern. Doch wegen der Corona-Pandemie ruht das Festprogramm und ist das Münchhausen-Museum geschlossen. Geplant waren ein Festakt in der Klosterkirche Kemnade St. Marien, ein Freilichtkonzert, der Verkauf einer Sonderbriefmarke und die Eröffnung einer Sonderausstellung. Sicher aber lassen sie sich in Bodenwerder zu Ehren Münchhausens noch etwas einfallen. Den Ansporn dazu liefert das Eisbären-Abenteuer: „Ich aber war verloren, oder ein schneller Einfall musste mich retten. – Er kam." Er stach dem Tier in die Tatzen und hat sich dann ein dickes Bärenfell über die Ohren gezogen.

www.muenchhausenland.de

Lesetipp: Tina Breckwoldt, „Die ganze Wahrheit über Münchhausen & Co. Über 300 Jahre Lügengeschichten" erscheint am 20. Mai bei Benevento Publishing, 288 Seiten, 24 Euro.



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