20.04.2021

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François Mitterrand

Ein Franzose, der Preußen und Deutschland schätzte

Vor 25 Jahren verstarb der langjährige französische Präsident, der seit den Tagen des Zweiten Weltkriegs große Sympathien für das Nachbarland im Osten und dessen Kultur empfand

Eberhard Straub
08.01.2021

Mit Preußen hatte der frühere Staatspräsident François Mitterrand, vor fünfundzwanzig Jahren, am 8. Januar 1996, verstorben, keine Schwierigkeiten. In „De l'Allemagne, de la France" („Über Deutschland, über Frankreich", seiner knappen Geschichte der deutschen Einheit und seiner Rolle dabei, gleich nach seinem Tode erschienen, wehrte er sich vehement gegen die von Briten, Amerikanern und Russen verbreitete „Verfälschung der Wahrheit", dass Preußen „die Wiege des Imperialismus und der Reaktion" gewesen sei. Dieser Fluch dauere an, „so dass nur schwer Glauben findet, wer versichert, dass Berlin zu Zeiten seiner Größe Hauptstadt der Freiheit war".

Kein Gegner der deutschen Einheit

Bei seinem in der Bundesrepublik misstrauisch beobachteten Besuch am 21. Dezember 1989 in Leipzig versicherte er seinen Zuhörern, was im Westen und in Frankreich immer noch nicht verstanden werde, „nämlich, dass Preußen, Herd der Zivilisation und Kultur, nicht zu trennen (ist) von der Zivilisation und Kultur, auf die auch wir Franzosen uns berufen". Auch das sächsische Leipzig würdigte er als eine besonders herausragende deutsche und europäische Kulturstadt. „Heldenstadt" solle sie deshalb genannt werden, als Stadt der Bildung, des Denkens und des Glaubens, als Stadt leidenschaftlichen Begehrens nach Freiheit in der Tradition von Leibniz, Lessing, Goethe, Fichte und Wagner, aber auch in der von Karl Liebknecht und Ernst Bloch.

Die für ihn unvermeidliche Vereinigung versuchte Mitterrand nicht zu verhindern oder zu verzögern, wie ihm oft unterstellt wurde. Vielmehr ging es ihm bei der unübersichtlichen Lage ab dem Sommer 1989 darum, den Prozess der Zusammenführung beider deutscher Teilstaaten ohne Überstürzung umsichtig vorzubereiten und mit einem umfassenden Konzept zu verbinden, um auch die Teilung Europas endlich zu überwinden. Darin stimmte er mit Helmut Kohl überein, der aber in der Frage der deutschen Ostgrenze vorsichtig taktierte, deren endgültige Anerkennung François Mitterrand allerdings als Voraussetzung erachtete für alle weiteren erfolgreichen Verhandlungen.

Der französische Präsident verstand vollkommen, wie schwer es vielen Deutschen fallen musste, sich in den endgültigen Verzicht jener Gebiete zu fügen, die seit 1945 praktisch zu Polen, Russland und Litauen gehörten. Und Mitterrand machte nie einen Hehl daraus, dass er die Beschlüsse von Roosevelt, Churchill und Stalin während der Konferenz von Jalta und deren Konsequenzen – darunter die Vertreibung der Ostdeutschen aus ihrer angestammten Heimat – für verhängnisvoll hielt. Doch war ein selbstständiges Polen, an dessen Grenzen nichts mehr geändert werden konnte, Teil seiner Hoffnungen auf eine Europäische Union souveräner Nationen, die sich selbstbewusst neben den USA und Russland zu behaupten vermochte und zu einer Weltmacht würde, die diesem Namen gerecht werden konnte.

Das Verhältnis zu de Gaulle

Mitterrands Absicht, das Jalta-Europa zu überwinden, stand in der Tradition de Gaulles und dessen Programms eines Europas der Vaterländer von Gibraltar bis zum Ural. Eine klassische europäische Großmacht wie Russland sollte nicht dauernd am politischen Rand des Kontinents bleiben. Die Deutschen konnten seiner Vorstellung nach zum Nutzen Europas wie eh und je dem Osten ihre besondere Aufmerksamkeit schenken, während Frankreich sich im Einverständnis mit Italien und Spanien dem Mittelmeer zuwandte. Auf diese Art erhielt die deutsch-französische Partnerschaft nach seiner und de Gaulles Überzeugung tatsächlich eine gesamteuropäische Aufgabe und durfte sich als alles vereinende und dynamisierende Kraft verstehen.

Außerdem erwartete Mitterrand, dass ein vereinigtes Deutschland die Franzosen keinesfalls mutlos machen werde, sondern vielmehr den Ehrgeiz wecke, wie einst auch unter de Gaulle, die deutsche Konkurrenz als Herausforderung zu manchen Reformen aufzufassen und französische Interessen als europäische zu verfolgen.

Dabei war Mitterrand einst der hartnäckigste Gegner de Gaulles gewesen. Was sie trennte, war der Gegensatz des Emigranten zu denen, die im besiegten und besetzten Lande geblieben waren und sich dort darum bemüht hatten, unter schwierigen Bedingungen als Patrioten zu wirken. Wer Einfluss haben und etwas ändern wollte, musste sich auf die Regierung Marschall Philippe Pétains in Vichy und auf gewisse Beziehungen zu den Behörden der Besatzungsmacht einlassen. Nur wer zum System dazugehörte, konnte lavieren und intrigieren. Ohne Macht lässt sich nichts machen, und das erfordert, Zugang zum Machthaber zu erlangen. Der Emigrant de Gaulle hingegen, erst in London und dann in Algier, der sich als Repräsentant des kämpfenden Frankreichs begriff, misstraute denen, die in ihrem Land geblieben waren, um dort das Beste zu erreichen.

Prägung durch den Krieg

François Mitterrand war im kurzen Krieg 1940 verwundet worden und in Kriegsgefangenschaft geraten. Das Lagerleben als Solidargemeinschaft oder Volksgemeinschaft löste ihn aus der Welt seiner bürgerlichen Herkunft. Wie die meisten Kameraden fühlte auch er sich von einem korrupten Parteiensystem verraten sowie von Offizieren, die vollständig versagt hatten. Als Katholik vertraut mit der Soziallehre der Kirche, misstraute er allen Kräften, die ihren Platz im unsühnbaren Reich des Geldes suchten. Als literarisch und historisch gebildeter Jurist kannte er die vielen, unterschiedlichen kritischen Analysen der Industriegesellschaft, der Massendemokratie und der Moderne als Ideologie. Er blieb skeptisch gegenüber sämtlichen politischen Heilsversprechen.

Als klassischer Geist in der Tradition französischer Weltklugheit und illusionsloser Humanität hielt sich Mitterrand zudem nicht an Programme und Abstraktionen, sondern an konkrete Menschen in konkreten Situationen. Er unterschied Freund und Feind, ohne deswegen den Feind unbesonnen herauszufordern oder den Freunden leichtsinnig zu vertrauen. Dieses Verhalten, klug und wendig zu sein wie die Schlangen, ermöglichte ihm eine ungemeine Offenheit gegenüber sämtlichen Positionen zwischen ganz rechts und ganz links.

Die politische Polarisierung hatte schon vor dem Krieg ihre Anziehungskraft für die aufgeregten Franzosen eingebüßt. Während der deutschen Besatzung gab es die überraschendsten Vermischungen. Denn eines verband die beunruhigten jungen Leute jener Zeit: der Überdruss an den Politikern, die ununterbrochen von Sicherheit sprachen, Sicherheiten für jedes Risiko in Aussicht stellten und doch – immer auf ihren Vorteil bedacht – nur dafür sorgten, in Krisen ungeschoren davon zu kommen. Die Kriegsgefangenen und François Mitterrand stimmten darin überein, dass ein neues Frankreich ein ganz anderes Frankreich werden müsse. Sie alle hofften auf den überparteilichen Vater des Vaterlandes Philippe Pétain. Er war die einzige unumstrittene Autorität.

Charles de Gaulle hingegen war weit weg. Er konnte vielleicht irgendwann nützlich sein, vorerst galt jedoch der nüchterne Rat, die Lage so wie sie war, anzuerkennen und die Möglichkeiten zu ergreifen, die sich in ihr ergeben könnten. In deutscher Kriegsgefangenschaft in Hessen und Thüringen wurden Mitterrand und mit ihm viele andere französische Soldaten zu Europäern, die in den Deutschen, mit denen sie es zu tun bekamen, Verwandte erkannten, die ihrerseits nach Verständigung strebten, nach deutsch-französischer Einigkeit.

Ein abenteuerliches Herz

Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch die Verehrung François Mitterrands für Ernst Jünger. Der Schriftsteller, im Kriege Besatzungssoldat in Frankreich, wurde für ihn zum Inbegriff für das Streben, lateinische Ordnung und unkontrolliertes deutsches Ausschweifen in Räume und Zeiten miteinander zu versöhnen. Später, als Präsident der Franzosen, besuchte Mitterrand Jünger wiederholt in dessen Wilflinger Domizil und empfing ihn im Elysée-Palast. In Erinnerung geblieben ist auch der gemeinsame Besuch mit Kanzler Helmut Kohl anlässlich des 100. Geburtstages des Dichters im März 1995. So ist es auch sein Verdienst, dass sich zumindest ein Teil des deutschen Kulturbürgertums mit dem lange verpönten Jünger versöhnte.

Wie Jünger bewahrte sich auch Mitterrand zeitlebens ein abenteuerliches Herz. Als Politiker war er allemal für Überraschungen gut. Große Ideen erlaubten ihm die verschiedensten Experimente, mit denen er viele Mitstreiter verwirrte, obgleich er sich und seinen Zielen immer treu blieb. Wie Gott wollte er auch auf krummen Linien gerade-aufrecht schreiben. Treue, diese seltene Tugend, ist zweifellos eine Eigenschaft, die ihn auszeichnete. Auch Freunde, die nicht in der Lage waren, sein Kurvenschlagen nachzuvollziehen und zu Gegnern wurden, anerkannten, dass er sie weiter achtete. Zur Treue gehörte für ihn auch, den einstigen Gefährten aus Vichy während der Säuberungen nach 1944 zur Seite zu stehen und ihnen dabei zu helfen, trotz Verdächtigungen oder Diffamierungen nicht zu verzagen. Vielen rettete er die Ehre und stellte ihr öffentliches Ansehen wieder her.

Das wurde ihm von seinen Feinden vorgeworfen, die sich unablässig bemühten, diesen vermeintlichen Möchtegern-Sozialisten als Faschisten oder Reaktionär zu entlarven. François Mitterrand reagierte auf solche Anschuldigungen unwirsch, weil keiner, der damals nicht in Frankreich gelebt hatte, in der Lage sei, sich ein richtiges Urteil zu bilden. Als nüchterner Pragmatiker hielt er sich an die praktische Weisheit, dass jede Zeit nur begrenzte Möglichkeiten für den bereit hält, der unter ihren Gegebenheiten handeln möchte. Der Mensch ist nun einmal ein vielfach beschränktes Wesen. Das lehrte seine Kirche, der er stets treu blieb. Auch als Sozialist glaubte er an die Gemeinschaft der Heiligen, wie der Erzbischof von Paris bei seinem feierlichen Requiem versicherte. In der beständigen Liebe zu seinen Freunden nahm er sie schon zu Lebzeiten vorweg.



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Kommentare

Hein ten Hof am 16.01.21, 18:47 Uhr

Ein sehr interessantes Thema.
Unsere Erbfreunde waren nicht besonders begeistert.

Die Zeitung "Le Monde" titelte sinnngemäss balkendick zum Maastricht Abkommen: Das ist Versailles ohne Krieg, die Deutschen werden bezahlen.

Nachfolgendes aus: Helmut Kohl und die Währungsunion von Wilfried Loch
Mit "der President" ist Mitterand gemeint.

Zitat Anfang

auf der bevorstehenden Straßburger Ratstagung zu bewegen. Eine Verständigung über Verhandlungen zur Politischen Union, so willkommen sie im Prinzip war, sollte auf später verschoben werden, um den Durchbruch in der Währungsfrage nicht zu gefährden. Noch am Nachmittag des 28. November griff er zum Telefon, um Kohl zu drohen, dass Frankreich seinem Wiedervereinigungsplan
nur zustimmen würde, wenn die Bundesregierung zuvor dreierlei Verpflichtungen eingegangen wäre: Start der Verhandlungen über die Währungsunion, definitive Anerkennung der Grenze zu Polen, Bekräftigung des Atomwaffenverzichts der Bundesrepublik. Noch düsterer äußerte er sich gegenüber Genscher, der ihn am 30. November aufsuchte, um die Wogen zu glätten, die Kohls einsame Initiative hervorgerufen hatte: „Wenn die deutsche Einheit vor der europäischen Einheit verwirklicht wird, werden Sie die Tripel-Allianz (Frankreich, Großbritannien,
UdSSR) gegen sich haben, genau wie 1913 und 1939. […] Sie werden eingekreist sein, und das wird in einem Krieg enden, in dem sich erneut alle Europäer gegen die Deutschen verbünden. Ist es das, was Sie wollen? Wenn die deutsche
Einheit dagegen geschaffen wird, nachdem die Einheit Europas Fortschritte gemacht hat, dann werden wir Ihnen helfen.“

Siegfried Hermann am 08.01.21, 19:04 Uhr

Herr Straub,
nicht ein wenig zuviel Heldenverehrung!?
Kommunisten, egal welchen Colours, ob light rot, braunrot, oder bunt-grün, kann man NICHT vertrauen!
Gut. Mitterand war nicht so oberlehrerhaft und störrisch wie Mäggie, aber hat er nicht gesagt: Die Atomwaffe der Deutschen ist die Deutsche Mark... und muss in den "französisch dominierten Euro" mit eingebauter Selbstzerstörungsautomatik (1. EZB-Chef Franzose Trichet) aufgehen und als Einwilligung der Wiedervereinigung aufgegeben werden!?
Und die plakative Verbrüderung von Sedan diente wohl eher dem schnöden Wahlkampf und dem volksverblödenden Poesiealbum.
Immerhin hat er sich im Gegensatz zu den Kärcher-Dampfstrahler ohne Wirkung und eingekauften Rotschuld-Däumling Verrätern für französische Interesse stark gemacht und steht irgendwann in späterer Zeit als besserer französischer Präsident da als seine Nachfolger.
Insofern kann ich Ihnen zustimmen!

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