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„Ein großer Held mit Makel“

Nach Missbrauchsvorwürfen: Breslau erkennt Kardinal Gulbinowicz am Tag der Trauermesse die Ehrenbürgerwürde ab

Chris W. Wagner
26.11.2020

Am 16. November verstarb Henryk Kardinal Gulbinowicz, Erzbischof Emeritus der Diözese Breslau, im Alter von 97 Jahren. Zehn Tage davor wurde er ins Klinikum in der Weidebrücker Straße [ul. Kamieńs-kiego] mit einer Lungenentzündung eingeliefert. Sein Tod sei ganz ruhig eingetreten, das Herz habe aufgehört zu schlagen, berichtete Wojciech Witkiewicz, Klinikumsdirektor und seit 35 Jahren Leibarzt des Kardinals, im Radio Breslau.

So ruhig sein Tod auch gewesen sein mag, kurz davor war es umso lauter um den Breslauer amtierenden Erzbischof der Jahre 1976 bis 2004 geworden. Denn Anfang November informierte die Apostolische Nuntiatur, also die diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls in Polen, dass es Kardinal Gulbinowicz verboten sei, öffentliche Gottesdienste zu feiern und an öffentlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Zudem wurden ihm seine bischöflichen Insignien wie der Bischofsstab, das Brustkreuz, der Bischofsring oder die Mitra abgenommen. Auch darf er nun nicht im Breslauer Dom beigesetzt werden.

Im Kommunikant der Nuntiatur heißt es, dies sei Folge eines Verfahrens in Sachen sexuellen Missbrauchs und seiner Mitarbeit bei der kommunistischen Staatssicherheit.

Im Mai 2019 wurden Anschuldigungen eines früheren Schülers der Franziskanerschule in Liegnitz [Legnica] publik, dass Gulbinowicz ihn vor drei Jahrzehnten sexuell missbraucht habe. Die Staatsanwaltschaft sah wegen Verjährung davon ab, eine Untersuchung einzuleiten. Im Herbst 2020 wurden zudem Auszüge aus Akten bekannt, die der polnische Staatssicherheitsdienst (SB) über ihn geführt haben soll. Demnach habe der SB versucht, Gulbinowicz als jungen Priester, der „aktiver Homosexueller“ war, zur Mitarbeit zu erpressen. Einer Publikation im Magazin „Polityka“ zufolge soll er bei regelmäßigen Geheimdiensttreffen Auskunft über andere Geistliche gegeben haben. Es heißt, Gulbinowicz habe seit Ende der 70er Jahre, nachdem Karol Wojtyła zum Papst gewählt worden war, die Mitarbeit verweigert.

Der 1923 in Szukiszki bei Wilna [Vilnius] geborene Gulbinowicz wird von vielen Breslauer Solidarność-Kämpfern verehrt. Der langjährige Breslauer Oberbürgermeister Rafał Dutkiewicz sagte, dass er den Kardinal in guter Erinnerung behalten möchte. Dank ihm konnten, so Dutkiewicz, 80 Millionen Złoty Mitgliedsbeiträge der Solidarność vor der Konfiszierung durch die Kommunisten gerettet werden. Diese Summe entsprach vor 30 Jahren dem Wert von etwa 160 Polski Fiats. Das Geld wurde von drei Solidarność-Aktivisten mit List von der Bank abgehoben und zum Erzbischof gebracht. Dieser konnte das Geld in US-Dollar umtauschen. Es gibt Rechnungen, die dokumentieren, dass dieses Geld für die Miete einer Druckerei, für Lager und einen Radiosender ausgegeben wurde. Breslau unterstützte zudem die Solidarność-Bewegung in Krakau, Świdnik bei Lublin und Bielitz-Biala [Bielsko-Biała]. Einer, der bei der Aktion dabei war, ist Stanisław Huskowski, von 2001 bis 2002 Oberbürgermeister von Breslau. Für ihn bleibt Gulbinowicz ein Held der Breslauer Solidarność. „Er ist für mich ein großer Held mit Makel. Aber Menschen ohne Makel gibt es nicht, von wenigen Heiligen abgesehen. Er ist für mich eine große Persönlichkeit, die jedoch voller Schwächen war“, so Huskowski, der von 2013 bis 2015 Staatssekretär im Ministerium für Verwaltung und Digitalisierung war.

Gulbinowicz bleibt deutschen Breslauern in Erinnerung als derjenige, der die Überreste des letzten deutschen Erzbischofs der Diözese Breslau, Adolf Kardinal Bertram, in den Dom zurückholte. Auf seine Initiative wurden 1991 die Gebeine des 1945 verstorbenen Bertrams von Jauernig im Bezirk Freiwaldau im tschechischen Mähren-Schlesien in die Kathedrale Johannes des Täufers überführt. Die späte Trauerfeier hielten der in Breslau-Deutsch-Lissa [Wrocław-Leśnica] geborenen Joachim Kardinal Meisner, der Krakauer Kardinal Franciczek Macharski und Henryk Kardinal Gulbinowicz, der Bertram mit den Worten empfing: „Du bist in die Breslauer Kathedrale zurückgekehrt. Du hast hier gefehlt.“

Keine Beisetzung im Dom

Gulbinowicz bleibt ein Platz im Breslauer Dom verwehrt. Am 19. November wurde eine Trauerfeier in der heutigen Universitätskirche gehalten. Nur wenige haben daran teilgenommen. Die Übertragung im Internet verfolgten jedoch 1500 Menschen. Die Trauermesse hielt Erzbischof Józef Kupny. „Ich hoffe, der Heilige Stuhl hat die Vorwürfe gründlich geprüft und dass seine Entscheidung kein Urteil über seine Person, sondern Ausdruck einer menschlichen Redlichkeit ist. Diese gilt denen, die in der Vergangenheit Leid und Unrecht erfahren haben. Ihnen gelten Worte der Entschuldigung“, sagte er. Die Beisetzung fand außerhalb der Breslauer Diözese statt und wird wie der Begräbnisort auf Bitten der Angehörigen dauerhaft unbekannt bleiben. Am Tag der Trauermesse hat die Stadt Breslau Gulbinowicz den Titel des Ehrenbürgers aberkannt.



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Kommentare

sitra achra am 05.12.20, 14:07 Uhr

Das Dogma des Zölibats sollte definitiv abgeschafft werden. Danach muss es ja nicht gleich wieder ausarten wie während der Renaissancezeit. Der Sexualtrieb ist doch von Gott mit der Erschaffung des Menschen realisiert worden.
Wenn Gott gewollt hätte, hätte er eine spezifische Unterart ohne Sexualtrieb für die Verwendung zum Priestertum geklont.

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