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Chinesische Großmachtpolitik

Ein gut gehütetes Geheimnis

Pekings Devisenreserven sind wohl ungleich größer, als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen

Wolfgang Kaufmann
24.07.2023

Die Volksrepublik China (VRC) strebt nach wirtschaftlicher und politischer Dominanz – und spielt in ihrem Ringen um Vorherrschaft oft nicht mit offenen Karten. Dazu gehört die systematische Verschleierung ihrer immensen Devisenreserven, die ein Machtinstrument ersten Ranges sind. Sie ermöglichen Peking jederzeit Eingriffe in das fragile System der Weltwirtschaft. Im schlimmsten Fall könnte es während einer geopolitischen Krise seine Fremdwährungen auf den Markt werfen und dadurch eine parallele Finanzkrise heraufbeschwören. Dass China fähig und bereit ist, derartige globale Turbulenzen auszulösen, zeigte sich bereits während der Weltfinanzkrise 2007/08. Damals trugen Pekings Transaktionen mit US-Anleihen erheblich dazu bei, die Märkte zu destabilisieren.

Dabei umfassten die von der chinesischen Zentralbank, der Chinesischen Volksbank (PBC), damals, im Jahre 2008 gehaltenen Devisenbestände nur eineinhalb Billionen US-Dollar. Sechs Jahre später waren es bereits rund 3,7 Billionen. Und alles deutete auf einen weiteren Anstieg hin. Doch dann passierte etwas Merkwürdiges. Zumindest offiziell gingen die Reserven in Fremdwährungen bis 2017 auf knapp drei Billionen zurück. Dem folgte Stagnation. So meldete das Staatliche chinesische Devisenamt (SAFE) im Dezember 2022 ausländische Vermögenswerte in Höhe von 3,12 Billionen US-Dollar.

„Schattenreserven“
Aber das ist offenbar nicht die ganze Wahrheit, wie der ehemalige Chefvolkswirt im US-Finanzministerium und Experte für internationale Wirtschaftsbeziehungen in der Denkfabrik Council on Foreign Relations, Brad Setser, herausgefunden hat. Seinen Berechnungen zufolge kommen zu den offiziell deklarierten Reserven der Zentralbank noch erhebliche „Schattenreserven“ in Billionen-Höhe.

Setser liefert auch gleich eine schlüssige Erklärung, wie China es schafft, diese Reserven in den Bilanzen zu verstecken. Hierzu bedient sich die Zentralbank unter anderem der großen staatlichen Geschäftsbanken. Zu denen zählen vor allem die Bank of China (BOC), die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), die China Construction Bank (CCB) und die Agricultural Bank of China (ABC). Diese vielfach spöttisch „Vierer-Bande“ genannten Geldinstitute erhielten Hunderte Milliarden von Dollar zur „Verwaltung“. Damit verschwanden die Devisen aus den Büchern der Zentralbank. Darüber hinaus halten die vier Banken auch noch selbst Einlagen in Fremdwährungen, die das Staatliche chinesische Devisenamt nicht mit aufführt. Setser schätzt die Gesamtsumme dieser Vermögenswerte auf 1,1 Billionen Dollar, denen Auslandsverbindlichkeiten in Höhe von lediglich 200 Milliarden gegenüberstehen.

Warnung von Intransparenz
Darüber hinaus transferierte die Zentralbank einen erheblichen Teil ihrer Devisen an die beiden größten politischen Banken des Reiches der Mitte. Das sind die China Development Bank (CDB) und die Export-Import Bank of China (China Exim-Bank). Deren Aufgabe besteht darin, das Erreichen der geostrategischen Ziele Pekings durch die Vergabe von Krediten und andere Finanzierungshilfen zu unterstützen. So verliehen die CDB und die China Exim-Bank große Summen an Länder, die bereit waren, Telekommunikationsausrüstung von chinesischen Herstellern zu kaufen, was Unternehmen wie Huawei erhebliche Wettbewerbsvorteile verschaffte. Dazu kommt seit 2013 die Absicherung des Projektes der Neuen Seidenstraße, mit dem Peking seinen Einfluss rund um die Welt verstärkt, indem es aufwendige Infrastrukturmaßnahmen in etlichen Ländern Asiens, Europas und Afrikas sowie neuerdings auch Südamerikas finanziert. 

Wie viel Geld in Fremdwährungen die Zentralbank hier mithilfe des Staatlichen chinesischen Devisenamts bei den beiden Banken geparkt hat, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Allerdings werden die Dimensionen dieser Devisenauslagerung bei einem Blick auf die zahlreichen, mit wohlklingenden Namen versehenen Fonds zugunsten der von der CDB und China Exim-Bank finanzierten Projekte doch ansatzweise erkennbar. So flossen allein 40 Milliarden Dollar in den China-Africa-Fund for Industrial Cooperation (CAFIC) und den China-Latin America Cooperation Fund.

Setser schätzt, dass sich die Auslandsvermögenswerte der chinesischen Zen-tralbank sowie der staatlichen Geschäftsbanken und der beiden Geldinstitute mit politischem Auftrag entgegen den Angaben des Staatlichen chinesischen Devisenamts auf mehr als sechs Billionen US-Dollar belaufen. Dem folgt seine Warnung: „Chinas mangelnde Transparenz ist ... ein ... Problem für die Welt. China ist strukturell so zentral für die Weltwirtschaft, dass alles, was es tut, ob sichtbar oder unsichtbar, letztendlich enorme Auswirkungen auf den Rest der Welt haben wird.“


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Kommentare

sitra achra am 26.07.23, 11:02 Uhr

Seit wann war der transatlantische Krake denn je "transparent"?
Chinas scheinbar mangelnde Transparenz ist keine Gefahr für die Welt,wie seine im Artikel erwähnte Hinwendung zur Welt in Form von großzügigen Krediten für bedürftige Länder in Afrika und Südamerika beweist, sondern für die imperialistischen USA, die sich durch ihre intransparenten Machenschaften und Einmischungen in aller Welt erheblich übernommen haben und hoffentlich bald auf dem letzten Loch pfeifen.
Die Freundschaft mit China hingegen ist Deutschlands historische Chance.

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