20.01.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Biographie

Ein Hauch des Außerordentlichen

Aufgrund seiner Fähigkeit, zuzuhören, gilt Winfried Kretschmann als guter Landesvater – Dagmar Seitzer verfolgte seinen politischen Werdegang

Dirk Klose
06.12.2025

Noch immer umweht Winfried Kretschmann ein Hauch des Außerordentlichen. Es war im März 2011 einfach nicht vorstellbar, dass ein Grünenpolitiker Ministerpräsident in einem Bundesland werden könne, noch dazu im „schwarzen“ Baden-Württemberg. Und dann erlaubte das Wahlergebnis eine Koalition von Grünen und SPD. Die fast ununterbrochen regierende CDU musste in die Opposition.

Kommendes Jahr hört Kretschmann auf, dann ist er fast 77 Jahre alt. Die SWR- Journalistin Dagmar Seitzer berichtet seit Jahren über die Bundes- und Landespolitik. Ihre Kretschmann-Biographie ist Abschied und Resümee. Die Erwartungen der Leser richtig einschätzend beginnt sie mit der Landtagswahl 2011. SPD und Grüne hatten lange auf ein Bündnis hingearbeitet, deren Jubel am Abend des 27. März 2011 hallte durch die ganze Republik.

Kretschmann ist aufgrund seines Naturells, seiner Fähigkeit, ausgleichend zu wirken und zuhören zu können, zum Inbegriff eines Landesvaters geworden. Von Beruf war der 1948 geborene Politiker (seine Eltern waren 1945 aus Ermland geflüchtet) Lehrer für Biologie und Chemie. Als Student erlebte er wilde Jahre beim Kommunistischen Bund Westdeutschlands, er kam mit dem Radikalenerlass in Konflikt. 1980 zogen erstmals sechs Grüne in den Landtag. Er war dabei, erlebte Höhen und Tiefen und erarbeitete sich mit der Zeit den Fraktionsvorsitz.

Er bestreitet nicht, dass eine Reihe von Zufällen seinen Weg ganz nach oben begünstigten. Das war vor allem die erbitterte Auseinandersetzung um den neuen Hauptbahnhof Stuttgart 21 und die überharte Reaktion auf Proteste seitens der CDU-geführten Landesregierung unter dem Hardliner Stefan Mappus. Einmal oben etablierte sich Kretschmann schnell: Seine „Politik des Gehörtwerdens“ kam gut an, Bürgerbeteiligung und die Wahl von „Zufallswählern“ bei wichtigen Vorhaben ebenso. Es war auch spürbar, dass er sich dem philosophischen Ethos einer Hannah Arendt und der Jaspers-Schülerin Jeanne Hersch zutiefst verpflichtet fühlte, ebenso seiner katholischen Kirche.

Dem mit spürbarer Sympathie geschriebenem Buch hätte man mitunter etwas mehr Kritik (die es ja durchaus auch gab) und etwas weniger Idylle beim häuslichen Umfeld gewünscht. Aber das sind Kleinigkeiten. In summa ist es ein faktenreiches, sehr lesenswertes Buch über diesen „Instinktpolitiker“, dem man wohl nicht nur in Baden-Württemberg nachtrauert. Sein Nachfolger will Cem Özdemir werden – die Latte liegt hoch.

Dagmar Seitzer: „Winfried Kretschmann. Im Herzen grün – die Biographie“, Rowohlt Verlag, Hamburg 2025, gebunden, 288 Seiten, 26 Euro


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

Peter Wendt am 12.12.25, 07:19 Uhr

Herr Kretschmann und seine grünen Freunde, z.B. bei Mercedes, haben aus dem Muster Ländle einen Sanierungsfall gemacht. Als erstes wurde, typisch für rotgrün, die erfolgreiche Bildungspolitik geschleift.Ansonsten viel warme Luft und viele unbewiesene Narrative. Um das zu sehen braucht es kein publizistisches Machwerk.

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS