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Ein mährischer Falstaff

Vor 150 Jahren wurde der legendäre Tenor Leo Slezak geboren – Nach der Opernkarriere sorgte er als Schauspieler für Lacher

Hubertus Thoma
17.08.2023

Er ist einer der seltenen Fälle, in denen die Nachwelt dem Mimen Kränze flocht. Leo Slezak war für die deutschsprachige Kulturszene zwischen Jahrhundertwende und Zweitem Weltkrieg ein Übervater, an dem kaum ein Weg vorbeiführte: um die 400 Schallplatten, über 50 Filme, seine vier humoristischen, autobiographischen Bücher – unter dem Titel „Lachen mit Slezak“ bis heute erhältlich – sowie unzählige Anekdoten haben den Opernsänger und Schauspieler lebendig gehalten.

Über 30 Jahre, von 1901 bis 1934, hat Slezak an der Wiener Hof- und späteren Staatsoper, aber auch an der Volksoper und im Konzertsaal als erster Tenor und wahrscheinlich populärster Künstler gewirkt. Auch in Rottach-Egern am Tegernsee, wo er 1910 ein Bauernhaus erwarb und 1946 verstarb, ist die Erinnerung noch lebendig: Es gibt dort außer einer Leo-Slezak-Straße eine lebensgroße Bronzeskulptur im Kurpark, die ihn im Kreise seiner Freunde, den Schriftstellern Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer präsentiert.

Geboren wurde Slezak am 18. August 1873 in Mährisch-Schönberg mit Deutsch als Mutter- und Tschechisch als Vatersprache. Dass er am gleichen Tag Geburtstag hatte wie Kaiser Franz Joseph erfüllte den überzeugten Monarchisten Zeit seines Lebens mit großem Stolz.

Ähnlich seinen im gleichen Jahr geborenen Sängerkollegen Enrico Caruso und Fjodor Schaljapin wuchs er in ärmlichsten Verhältnissen auf, die er durch sein überragendes Talent überwinden konnte, deren Folgen ihn aber lebenslang begleiteten: Einen „Sparpathologen“ nannte er sich in seinem letzten, von Tochter Gretel aufgezeichneten Buch „Mein Lebensmärchen“, wo er auch bekennt, seiner immensen Erfolge aufgrund beklemmender Ängste vor möglichen Schicksalsschlägen nie richtig froh geworden zu sein.

Vor seinem Publikum und seinen Kollegen tat Slezak indessen alles, um den Eindruck des Gegenteils zu erwecken: Vor seinen Späßen, seinem Improvisationstalent, dem ironischen Witz und milde-biestigen Humor war niemand sicher.

Sein Debüt in Brünn als „Lohengrin“ 1896 wurde von einer Anekdote geprägt: „Wenn ich Noten lesen könnte würde ich mit Ihnen überhaupt nicht reden“, soll Slezak dem Dirigenten zugerufen haben, als dieser ihn mit Hinweis auf die Partitur („Slezak, schauen Sie doch in die Noten!“) auf einen Fehler aufmerksam machen wollte. Der junge Sänger war Schlossergeselle gewesen, bevor der Bariton Adolf Robinson seine Stimme entdeckte und sich bereit erklärte, ihn kostenlos auszubilden.

Umschulung zum Schauspieler
Von Brünn ging es über Berlin nach Breslau, wo Slezak mit der Schauspielerin Elsa Wertheim sein privates Lebensglück fand. Nach Probegastspielen wurde Slezak nach Wien engagiert, wo der Komponist und Dirigent Gustav Mahler ihn zur der Künstlerpersönlichkeit formte. Bei Auftritten an der New Yorker Metropolitan Oper pflegte er mit dem Startenor Enrico Caruso ein entspanntes kollegiales Verhältnis, es gibt sogar eine Slezak-Karikatur aus Carusos Hand. Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebte Slezak im mondänen russischen Badeort Kislowodsk, bevor er das Land fluchtartig verlassen musste.

Von einigen Auslandsgastspielen abgesehen blieb Slezak nach dem Ersten Weltkrieg im deutschsprachigen Raum, wo er alljährlich nicht nur in den bedeutenden Musikzentren auftrat, sondern auch unermüdlich die Provinz bereiste. Nachdem er in zahlreichen Zeitungsbeiträgen seinen Sinn für charmante und ausdrucksvolle Erzählungen unter Beweis gestellt hatte, fasste er die gelungensten von ihnen in dem Buch „Meine sämtlichen Werke“ zusammen. Das im Titel gegebene Versprechen hielt der Autor, ermutigt durch den sensationellen Verkaufserfolg, nicht ein. Es folgten weitere Werke von ihm.

Die Ausbildung eines zweiten künstlerischen Standbeins war auch der Tatsache geschuldet, dass Slezak in den 1920er Jahren seinen Zenit als Sänger überschritten hatte. Nach Stimmkrisen zog er sich aus dem Repertoirebetrieb der Oper zurück, um in gut bezahlten Revuen und Operetten aufzutreten. Dies wurde ihm von Puritanern der Kunst häufig übel genommen, ist mit dem Armutstrauma seiner Jugend aber gut zu erklären.

Der letzte Höhepunkt seiner Laufbahn als Opernsänger war der Kalaf in der Wiener Erstaufführung von Puccinis „Turandot“ 1927 an der Seite von Lotte Lehmann. Das Ansinnen Alban Bergs, in der Wiener Erstaufführung des „Wozzeck“ die Rolle des Tambourmajors zu übernehmen, lehnte Slezak ab – er war als Traditionalist kein Freund der Neutöner.

Zu dieser Zeit hatte Slezak bereits mehrere Filme gedreht, die ihm auch jenseits des Opern- und Konzertpublikums große Popularität einbrachten. Bezeichnend der Kommentar eines begeisterten Kinobesuchers: „Und so ein Talent wie diesen Mann lassen die jahrzehntelang Opern singen!“ Die Tätigkeit als Filmschauspieler war allerdings zeitaufwendig, zumal er für die Dreharbeiten meist nach Berlin zur Ufa reisen musste.

In den 1930er Jahren wurde dieser mährische Falstaff zu einem der populärsten Darsteller des deutschen Kinos. In manchen, aber nicht allen Streifen gibt er Gesangseinlagen. Sein letzter bedeutender Film war der zum 25. Jubiläum der Ufa bereits als Farbfilm gedrehte „Münchhausen“ mit Hans Albers in der Titelrolle, dessen vollständige Fassung erst vor wenigen Jahren wieder aufgetaucht ist.


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