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Vermittelt Jugendlichen die Kunst des Scherenschnitts: Jolanta Haczele an der Grundschule Boyadel [Bojadła]
Foto: Fundacia Palac BojadłaVermittelt Jugendlichen die Kunst des Scherenschnitts: Jolanta Haczele an der Grundschule Boyadel [Bojadła]

Östlich von Oder und Neiße

Ein Schloss wie eine Friedenstaube

Scherenschnitt-Ausstellung mit Arbeiten von Erika Schirmer bis Ende Juni – Schloss Boyadel soll ein Museum werden

Chris W. Wagner
24.06.2024

Bis Ende Juni werden im Schloss Boyadel [Pałac Bojadła] bei Grünberg in Schlesien [Zielona Góra] Scherenschnitte von Erika Schirmer (98) präsentiert. Es sind Leihgaben des Zentrums für deutsche Kultur und Sprache der Grünberger Universität.

Schirmer ist vor allem in der ehemaligen DDR für das von ihr komponierte und getextete Lied „Kleine Friedenstaube“ bekannt. Nachdem sie aus Polnisch Nettkow [Nietków] im Landkreis Grünberg vertrieben worden war, landete sie in der Sowjetischen Besatzungszone. Auf Rügen war sie Kindergärtnerin, 1948 kam sie ins thüringische Nordhausen, wo sie Grundschullehrerin und später Pädagogin für behinderte Kinder und Jugendliche war.

In Nordhausen sei sie auf das Plakat zum Pariser Weltfriedenskongress von 1949 mit der Friedenstaube „La Colombe“ von Pablo Picasso gestoßen. Ein Einzelhändler im zerstörten Nordhausen soll das Motiv auf ein notdürftig vernageltes Schaufenster geklebt haben, hieß es in einer Ausgabe des Bad Langensalzaer Heimatboten. „Ich habe das Lied dann im Kindergarten meinen Kindern vorgesungen – meine Praktikantinnen haben das Lied mitgenommen, und so ist es eigentlich verbreitet worden“, sagt sie. Schirmer schuf Gedichte, Lieder, Kinderreime, Kurzgeschichten, Kalender- und Kunstblätter und eben auch Scherenschnitte. Mit dieser Volkskunstart beschäftigt sie sich seit etwa 25 Jahren. Als sie damit anfing, war sie immerhin schon über 70.

„Damals hat sie nach dem Tod ihres Mannes zunächst Blumen gesammelt, gepresst, aufgeklebt und Gedichte dazu geschrieben. Dann entdeckte sie den Scherenschnitt und schnitt die ersten Vignetten. Heute schneidet sie Bilder – aus einem Stück Papier – im Format von 50 x 70 Zentimeter. Im nächsten Schritt bringt sie mit verschiedenen Papieren Farbe ins Bild“, schreibt Birgit Ebbert auf ihrem Blog „PapierZen“. Die Technik habe sie sich selbst beigebracht und mit den Jahren perfektioniert.

Blumen aus Papier und Gedichte
Für ihre Scherenschnitte ist Schirmer auch in Grünberg bekannt. Eine Ausstellung ihrer Arbeiten hatte sie bereits an der Universität zu Grünberg. Jetzt kennt man sie auch im 25 Kilometer entfernten Boyadel [Bojadła]. Der dortige Grundschulverein und die Stiftung Schloss Boyadel (Fundacja Pałac Bojadła) organisierten zur Ausstellungseröffnung eine Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche im Schloss.

Das Gut wie auch das Dorf Boyadel hätten ihr barockes Aussehen fast unverändert behalten können, so Aneta Kamińska, Vorsitzende der Stiftung Schloss Boyadel. „Das Schloss hatte jedoch das Pech, nicht durch Kriegszerstörungen, sondern durch eine 20 Jahre andauernde Vernachlässigung zur Ruine verkommen zu sein.“ Im Schloss hätten Kinderfreizeiten stattgefunden, Studenten Schulungen besucht. Eine Zeitlang war dort eine Geburtenstation untergebracht, „es war ein Objekt von sozialer und didaktischer Bedeutung. Als unsere Stiftung sich dieses Objektes annahm, war es bereits verwahrlost und ausgeplündert“, so Kamińska. Die Bevölkerung habe damals kaum soziales Bewusstsein besessen, sagt sie, „deshalb ist uns Bildungs- und Aufklärungsarbeit so wichtig ... man kann sich dort frei bewegen und anhand von Audioführern in drei Sprachen der Geschichte des Schlosses lauschen“, sagt sie und verspricht, dass die Einrichtung eines Museums zur Geschichte der Region der nächste Schritt der Stiftung sei.

Die Geschichte des Schlosses reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Nach der Familie von Kottwitz, den Baronen von Scheffer-Boyadel, dem polnischen Staat, dem Stahlwerk Silesia, einer Fabrik und einer Handelsfirma ist das Schloss Boyadel seit 2024 wieder in privater Hand, der von Arkadiusz Michoński, dem Gründer der Stiftung Schloss Boyadel. Boyadel ist eines der ältesten Dörfer an der mittleren Oder. Die erste Erwähnung stammt von 1234. Seit dem 17. Jahrhundert gehörte Boyadel der Familie Kottwitz, die den Schlosskomplex erbauen ließ. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde ein Schlosspark angelegt.

Derzeit arbeitet die Stiftung Schloss Boyadel daran, der Parkanlage und dem barocken Schloss zu altem Glanz zu verhelfen. Bei einer etwa 60-minütigen Führung in polnischer Sprache wird die Geschichte des Ortes erzählt. Der nächste Termin ist am 22. Juni, gefolgt vom 20. Juli und dem 3. August; Beginn ist jeweils um 15 Uhr. Im Schloss wird auch das exklusive Restaurant „Chateau Boyadel“ betrieben.


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