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Einst ein „Traumsteg ins Meer“. Die Ruine des West Piers an der Kanalküste von Brighton
Foto: imago images/agefotostockEinst ein „Traumsteg ins Meer“. Die Ruine des West Piers an der Kanalküste von Brighton

West Pier

Ein „schmutziges Wochenende“ am Meer

Die ausgebrannte Seebrücke von Brighton – Der vor 60 Jahren gestorbene Autor Patrick Hamilton setzte ihr ein literarisches Denkmal

Bettina Müller
25.09.2022

Still und einsam ruht das schwarze Stahl-Skelett im Wasser. Der Steg des „Piers“, wie so eine Seebrücke in der englischen Sprache heißt, existiert nicht mehr, die Verbindung zum Festland ist somit unwiderruflich gekappt.

Bis heute konnte der „West Pier“ von Brighton nicht mehr aufgebaut werden und vegetiert seitdem traurig vor sich hin. Zwei mutwillig gelegte Brände und mehrere Sturmfluten zerstörten Anfang der 2000er Jahre endgültig das wohl bedeutendste Wahrzeichen der südlich von London am Ärmelkanal gelegenen Stadt, das der Architekt Eugenius Birch entworfen hatte und das 1866 nach drei Jahren Bauzeit für die staunenden Besucher freigegeben worden war.

In gewisser Weise war das auch symbolhaft für den (moralischen) Verfall des einstigen Seebads, in dem im Jahr 1823 König George IV. den opulenten „Royal Pavillon“ hatte bauen lassen, ein Meisterwerk der englischen Exzentrik im damals populären orientalischen Stil. Denn dieser George hatte es faustdick hinter den royalen Ohren, er brachte nicht nur seinen Hofstaat mit ans Meer, sondern auch seine ständig wechselnden Geliebten.

Das „dirty weekend“, das „schmutzige Wochenende“ war geboren, das in den englischen Sprachgebrauch einging. Und sie folgten ihm: die Aristokraten, die Reichen und die Schönen, verlustierten sich in Brighton und Jahre später dann natürlich auch auf dem „West Pier“.

Wenn diese Seebrücke überfüllt war, ließ sie die ungezählten Menschen zu einer homogenen Masse werden, welche die Klassenunterschiede verdrängte, und erst wenn man wieder festen Boden unter den Füßen hatte, wurden sie sichtbarer. Menschen mit reich gefüllter Brieftasche schlürften Cocktails im altehrwürdigen Hotel Metropole, die anderen strömten in die Pubs und huldigten dem übermäßigen Biergenuss.

Der „Pier“ war Verlockung, Verheißung zugleich, und nahm man ihn in der Ferne wahr, wurde ganz automatisch auch der Vergnügungsmodus eingeschaltet. Das lockte auch Schriftsteller an.

So spielt der „West Pier“ in einigen Romanen des vor 60 Jahren gestorbenen Patrick Hamilton eine zentrale Rolle, vor allem in seinem gleichnamigen Werk, dem ersten Teil einer Trilogie über den sinistren Ernest Ralph Gorse, einen gefühlskalten Psychopathen, der darauf aus ist, zum persönlichen Nutzen seine Umwelt zu manipulieren. Seine Opfer lernt er auf dem Pier kennen.

Das Flanieren auf dem „West Pier“ gehörte für den Urlauber zwingend zu den Höhepunkten von Brighton. Und auch für Hamilton war der „Pier“ ausschließlich vom Ritual des „getting off“ geprägt, was man in etwa mit „die Anbahnung von Kontakten zwischen den Geschlechtern“ übersetzen könnte.

Diese Sichtweise entsprach in Teilen sicherlich der Realität, war aber in gewisser Weise auch den Traumata einer schweren Kindheit des 1904 in Hassocks bei Brighton geborenen Hamilton geschuldet, dessen Vater ein unzugänglicher Despot, Weiberheld und Alkoholiker gewesen sein soll. Hamilton konnte nicht anders, sein Brighton leuchtete nicht wie im Werbeprospekt auf Hochglanzpapier, sondern enthielt auch zutiefst menschliche Abgründe.

Schonungslos demontierte er seine Protagonisten, bis sie fast satirische Züge annahmen, persiflierte den ewigen Lauf der Dinge am „West Pier“, der für ihn eher ein Symbol des Lasters und der Lügen war. Und er zerstörte eben auch ganz bewusst den für Brighton ganz zentralen Mythos der Seebrücke, denn sein Bild davon war eben konsequent negativ besetzt.

Ein hedonistisches Vergnügen

Der Roman, der in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg angesiedelt ist, war dann auch für den Schriftsteller Graham Greene „der beste Roman, der je über Brighton geschrieben wurde“. Bekannt aber wurde Hamilton zuvor mit zwei Theaterstücken: „Gaslicht“, das als „Das Haus der Lady Alquist“ mit Ingrid Bergman verfilmt wurde, und „Party für eine Leiche“, aus dem Alfred Hitchcock seinen Filmklassiker „Cocktail für eine Leiche“ schuf.

Hamilton war in Hove aufgewachsen, das sich vielleicht immer ein wenig für etwas Besseres hielt. Gediegene viktorianische Bauten, die in hellstem Weiß jungfräulich strahlen, zeugen noch heute vom Reichtum des einst eigenständigen Stadtteils von Brighton, während in der Ferne eine Diskokugel grell leuchtet, heiße Rhythmen ertönen und über allem wie eine apokalyptische Vision die Ruine des „West Piers“ mahnend lodert.

Dessen Betrieb wurde bereits 1975 eingestellt, weil man den Koloss nicht mehr rentabel finanzieren konnte. Von der Zäsur durch den Zweiten Weltkriegs hat er sich nie wieder erholt, und schließlich rüstete die Stadt das mittlerweile nur noch geldfressende „Schlachtschiff“ sukzessive ab, bis man ihm seine Seele nahm.

Von der einstigen Pracht und den Urlauberscharen der vergangenen Glanzzeit – 600.000 Besucher allein im Jahr 1875 – war schließlich am Anfang der 1970er Jahre nur noch eine Teestube und eine kleine billige Kirmes übrig geblieben. Da war Hamilton schon lange tot. Am 23. September 1962 starb er vorzeitig an den Folgen seiner schweren Alkoholsucht in Sheringham in der Grafschaft Norfolk.

In seinem Roman „West Pier“, den der Schriftsteller 1952 veröffentlichen ließ, lebt der „Traumsteg ins Meer“ zumindest literarisch weiter. Und für vergnügungssüchtige Londoner, mental sozusagen ein wenig die Nachfahren von George IV., ist Brighton auch heute noch eine ewige Partymeile, ein hedonistisches Vergnügen, das dem völligen Überfluss geschuldet ist. Immer ist alles ein wenig „too much“, zu viel, bis der Wecker klingelt und das lange und „schmutzige Wochenende“ vorbei ist, der Rausch aber noch nicht so ganz, den die „Party People“ manchmal vielleicht sogar am Strand ausschlafen. Das ist in Brighton jedoch eine eher ungemütliche Sache, weil er zumeist aus Kieselsteinen besteht.

An den zerstörten „West Pier“, wo die Lichter schon lange erloschen sind, haben sich die Bewohner mittlerweile gewöhnt. Irgendwie mag man sich noch nicht ganz von ihm trennen, bis das Meer ihn eines Tages ganz verschlingen wird.



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