28.05.2020

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Eine „sogenannte historische Aufnahme“: Der vom „American News Service“-Fotografen Allan Jackson inszenierte „Handschlag von Torgau“
paEine „sogenannte historische Aufnahme“: Der vom „American News Service“-Fotografen Allan Jackson inszenierte „Handschlag von Torgau“

Handschlag von Torgau

Ein sorgsam arrangiertes Bild für die Geschichtsbücher

US-Amerikaner und Sowjets trafen sich an der Elbe mehrfach, ehe die richtigen Bilder gemacht waren

Klaus J. Groth
21.03.2020

Die Fotos fröhlicher Rotarmisten und US-Soldaten 1945 auf der Elbbrücke von Torgau gehören in die Schublade Fake News. Die Begegnung war arrangiert, die Szene wurde nachgestellt. Die erste Begegnung zwischen US-Armee und Roter Armee war nicht für das Fotoalbum der Geschichte geeignet. Sie fand vor 75 Jahren, am 25. April 1945, statt. 

US-Soldaten und Rotarmisten begegneten sich erstmals auf den Elbwiesen von Lorenzkirch bei Strehla, einem Städtchen 30 Kilometer südöstlich von Torgau. Zu der Zeit hatte die Rote Armee Berlin erreicht, in Niederschönhausen und Lichtenberg tobten am 22. April erbitterte Straßenkämpfe, am folgenden Tag kamen die Sowjets bis an den Alexanderplatz. Die französische Armee hatte Stuttgart eingenommen, die Briten waren in Bremen einmarschiert. Am 25. April vertrieben die Sowjets in Berlin die SS aus dem Schöneberger Rathaus, nahmen sie Tempelhof und beschossen den Tiergarten mit Granaten. Es herrschte Auflösung, überall. 

An diesem 25. April suchte ein Erkundungstrupp der Amerikaner nach versprengten Soldaten der Wehrmacht bei Strehla an der Elbe. Zwischen den Sowjets und den Amerikanern war vereinbart worden, dass die Rote Armee bis an die Elbe vorrücke, während die US-Truppen 30 Kilometer davor Halt machen würden. Dadurch sollten unkontrollierte Begegnungen zwischen US-Truppen und Roter Armee vermieden werden. In dem aus dieser Sorge entstandenen Landstreifen hielt der Erkundungstrupp des US-Leutnants Albert Kotzebue nach Soldaten der Wehrmacht Ausschau. Gegen Mittag erreichte der Suchtrupp die Elbe. Eine dort vorhandene Pontonbrücke hatte die Wehrmacht drei Tage zuvor gesprengt. Dabei waren über die Elbe nach Westen flüchtende Menschen getötet worden. 

Leutnant Kotzebue, der den Dramatiker August von Kotzebue, einst Günstling am Hofe Katharinas der Großen, unter seine Vorfahren zählte, setzte mit drei Soldaten in einem Kahn unter Segeln über die Elbe. Damit legte er seinen Erkundungsauftrag eigenmächtig ziemlich weit aus. Er sei neugierig auf die Russen gewesen, sagte er später, schon wegen des fernen Verwandten am Hofe der Zarin. Auf dem gegenüberliegenden Ufer standen die US-Soldaten inmitten von 300 Leichen, Kinder, Frauen, alte Männer. Es waren Flüchtlinge, die versucht hatten, die Pontonbrücke zu erreichen und in einen Artillerieangriff der Sowjets geraten waren. Hier trafen Amerikaner und Russen erstmals zusammen. 

Der Erkundungstrupp des Leutnants Kotzebue stieß auf das Vorauskommando des Oberstleutnants Alexander Gordejew vom sowjetischen 175. Gardeschützenregiment. Es war Teil der 5. Garde-Armee, die wiederum zur 1. Ukrainischen Front gehörte. Mit ihr hatte die Winteroffensive am 12. Januar 1945 an der Weichsel begonnen. Ein politischer Kommissar, der die Rotarmisten begleitete, erkannte rasch, wie absolut unpassend dieser Platz für Fotoaufnahmen einer Begegnung für die Geschichtsbücher geeignet sei. Er forderte den amerikanischen Leutnant auf, das östliche Elbufer zu verlassen. Das Treffen in Lorenzkirch wurde nicht protokolliert, nicht veröffentlicht. So konnte die Erwähnung der getöteten Zivilisten vermieden werden. 

Treffen am 25. April 1945 bei Strahla 

Leutnant Kotzebue war offenbar ein Mann, der sich nicht so einfach fortschicken ließ. Und so kam es nur wenig später auf der östlichen Seite der Elbe bei Burxdorf zu einer zweiten Begegnung mit Obertsleutnant Gordejew. In Burxdorf wurde das Treffen protokolliert und am folgenden Tag machte der Kriegsfotograf Alexander Ustinow Bilder von Kotzebue und seinen Begleitern. Der richtige Platz für das richtige geschichtsträchtige Foto war aber auch dies nicht. 

Das Foto für die Wochenschau und die Geschichtsbücher entstand 30 Kilometer nördlich in Torgau an der Elbe. Am selben Tag wie Kotzebue war ein weiterer Erkundungstrupp unter Leutnant William Robertson unterwegs. Vormalige britische Kriegsgefangene hatten von Rotarmisten auf dem östlichen Ufer der Elbe erzählt. Um den Soldaten der Roten Armee ein Zeichen zu geben, stiegen die GI in Torgau auf den Turm des Schlosses Hartenfels und schwenkten ein Bettlaken, das aussehen sollte wie eine US-Flagge. Es war das falsche Zeichen. Die Rotarmisten fürchteten eine Falle, sie schossen Granaten auf den Turm, die aber ihr Ziel verfehlten. Ein russisch sprechender Soldat unter den Amerikanern klärte die Situation. Von Westen kletterte schließlich Robertson mit seinem Trupp auf die zerstörte Brücke von Torgau, von Osten kam ihnen Oberleutnant Alexander Silwaschko mit seinen Leuten entgegen. Am Brückenkopf trafen sie sich um 15.30 Uhr. Der Amerikaner sprach kein Russisch, der Russe nicht Englisch, aber sie haben zusammen gefeiert, lange und ziemlich feucht. Fotos von dieser Begegnung entsprachen freilich immer noch nicht den Anforderungen für Wochenschau und Geschichtsbücher. 

Die Vorbereitungen für die heroischen Aufnahmen wurden einen Tag später höherrangig getroffen. Zweimal kamen die Kommandeure der 69. US-Infanterie-Division und der sowjetischen 58. Gardedivision zusammen, um den „Handschlag von Torgau" oder „East meets West" zu arrangieren. London, Washington und Moskau gaben gleichlautende Presseerklärungen heraus. 

Der Amerikaner Robertson und der Russe Silwaschko reichten sich am 27. April noch einmal die Hand. Um die Welt ging allerdings ein anderes Foto. Der Fotograf Allan Jackson vom „American News Service" stellte die Szene auf der Brücke nach. Er inszenierte die historische Situation mit Soldaten, die beim ersten Treffen in Torgau nicht dabei gewesen waren. Oberbefehlshaber Josef Stalin gefielen die Verbrüderungsszenen gar nicht. Zwei verantwortliche Kommandeure wurden aus der Partei ausgeschlossen. Über die Fotos, die noch am selben Tag nach Paris gebracht wurden und auf den Titelseiten vieler Zeitungen erschienen, lästerte die sowjetische Presse, es seien „sogenannte historische Aufnahmen".



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