01.10.2022

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Lutz C. Kleveman: „Smyrna in Flammen: Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa“, Aufbau Verlag, Berlin 2022, gebunden, 381 Seiten, 24 Euro
Lutz C. Kleveman: „Smyrna in Flammen: Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa“, Aufbau Verlag, Berlin 2022, gebunden, 381 Seiten, 24 Euro

Geschichte

Ein Tag, der Europa bis heute verändert hat

Der Historiker und Journalist Lutz C. Kleveman geht auf die ethnischen Säuberungen und den Genozid an den Armeniern ein, die als Blaupause für alle ethnischen Säuberungen des 20. Jahrhunderts dienen sollten

Bodo Bost
13.08.2022

Im September 1922 legten Soldaten Kemal Atatürks in der zweitgrößten Metropole des Osmanischen Reiches, Smyrna, in den Vierteln der Griechen und Armenier Feuer. Es war der letzte Akt des Armeniergenozids und der Auftakt eines gigantischen Bevölkerungsaustauschs, der Europa verändern sollte.

Der Brand von Smyrna jährt sich in diesem Jahr zum 100. Mal. Am 12. September 1922 fegte einen Tag lang eine 30 Meter hohe Feuerwalze durch die Gassen und Boulevards der mondänen Stadt. 100.000 Menschen drängten sich auf der Mole des Hafens von Smyrna. Mindestens 25 Kriegsschiffe der Franzosen, Briten und Amerikaner schauten tatenlos zu und retteten nur ihre eigenen Bürger. Dass es in Smyrna überhaupt noch Armenier gab, hatten sie dem preußischen General Otto Liman von Sanders (1855–1929), dem Helden von Gallipoli, zu verdanken, der es 1915 dem Gouverneur der Stadt untersagt hatte, Armenier zu deportieren. Nachdem die Deutschen die Türkei verlassen hatten, konnte der vormalige Adjutant Limans, Kemal Pascha, an der Spitze einer türkisch-nationalistischen Armee auch die letzten Armenier des untergehenden Reiches vernichten.

Auf der Smyrna vorgelagerten, bis heute griechischen Insel Chios, war bereits 1822 die griechische Bevölkerung ausgerottet worden, nachdem griechische Insurgenten nach dem Volksaufstand auf der Peleponnes sich dort gegen die Osmanen erhoben hatten. Die Erinnerung von 1822 wirkte bis 1922 nach und radikalisierte die Türken.

Nach 1900 erlebte Smyrna als Handelszentrum einen starken ökonomischen Aufschwung. Die Stadt beherbergte eine Vielzahl von Ethnien, neben Griechen, Armeniern, Juden und Türken auch die sogenannten Levantiner, die es nur dort gab. Es waren orientalisierte Westeuropäer und Amerikaner, die die Sitten des Orients angenommen hatten.

Aus Smyrna wurde Izmir

Nach der Niederlage der Osmanen 1918 wurde Smyrna die Hauptstadt eines neuen griechischen Imperiums, das bis Anatolien reichte, in dem die Pontos-Griechen lebten. Aber die griechische Befreiungsarmee unter General Venizelos, die zunächst von den Alliierten unterstützt worden war, hatte sich, 1921 in Anatolien auf sich allein gestellt, totgelaufen. Sie konnte ihre Landsleute in Smyrna nicht mehr verteidigen.

Die Armee unter Mustafa Kemal erhängte zunächst den Metropoliten der orthodoxen Kirche auf dem Marktplatz, danach zündete sie die Christenviertel an und drängte die Christen ins Meer, sie sollten als Rache für die „Megali Idea“ (Großgriechenland) büßen. Verschont wurden außer den Türken nur die Juden, die sich den Türken angeschlossen hatten. Atatürk setzte die Rezepte der gescheiterten Jungtürken fort. Sie bestanden aus ethnischen Säuberungen und einem völkisch-religiösen Monokulturalismus. Aristoteles Onassis erlebte das Grauen von Smyrna als Jugendlicher mit, er wurde wie Zehntausende andere durch die Initiative des US-Pastors aus New York, Asa Jennings, der sich als US-Offizier ausgab und so Kriegsschiffe und griechische Fährschiffe mobilisierte, gerettet.

Smyrna, das heute Izmir heißt, wo selbst im Stadtmuseum jeglicher Hinweis auf den Brand fehlt, wurde zur Generalprobe für das Konzept „ethnischer Säuberungen“ bis heute. Der Vertrag von Lausanne von 1923 unter der Regie des Völkerbundes gab ihnen den Namen „Bevölkerungsaustausch“ und machte Vertreibungen zum gängigen Mittel der Diplomatie. Darunter hatten auch nach 1945 die deutschen Vertriebenen zu leiden.

„Smyrna in Flammen“ von Lutz C. Kleveman erklärt auf eine fesselnde und detaillierte Weise Hintergründe und Gründe für die zahlreichen politischen, territorialen, ethnischen und kulturellen Konflikte, die die Region vom 19. Jahrhundert bis heute heimgesucht haben. Selbst bei der Flüchtlingskrise von 2015/16 stellt er einen allerdings gewagten Zusammenhang mit dem Brand von Smyrna her.



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