26.05.2024

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Östlich von Oder und Neiße

Ein Topf Farbe für die neue Nachwelt

Bei Ausflügen mit seiner Enduro rettet der Deutsche Oliver Rettig alte Inschriften

Till Scholtz-Knobloch
29.10.2023

Schon auf dem Balkon von Oliver Rettig prangt ein altes deutsches Bahnhofsschild von Marklissa [Leśna] bei Lauban [Lubań] aus dem polnischen Teil der Oberlausitz. Das besondere Faible für historische Bahnrelikte hat er von seinem Vater Wilfried Rettig geerbt, der durch viele Eisenbahnpublikationen aus dem Dreiländereck Deutschland/Polen/Tschechien in Fachkreisen bekannt ist.

Jüngst stieß Rettig wieder auf ein historisches Bahnhofsschild, das seinen Dienst längst getan hat und ebenfalls einen Ortsnamen trägt, der in dieser Form heute eher unbekannt ist. „Wehrkirch“ ist mittlerweile wieder glänzend auf dem Schild aus Horka im deutschen Teil der Oberlausitz, das von 1936 bis 1947 diesen Namen trug, zu lesen, nachdem es Rettig in seiner Garage aufgearbeitet hat.

Immer querfeldein unterwegs
„Mit 50-prozentiger Natronlauge und Kunststoffschleifblock ist schon ein beachtliches Ergebnis zu erzielen. Das tut dem historischen Gesamtbild keinen Abbruch, denn Patina ist auch nach Entfernung der jahrzehntealten Schmutzschicht ausreichend vorhanden“, sagt Rettig. „Ich habe allerdings noch die Löcher mit GFK-Spachtel verfüllt und anschließend mit Emaillefarbe die Abplatzungen nachgezogen“, ergänzt der handwerklich geschickte Görlitzer.

Dabei kommt es ihm auch nicht darauf an, bei sich Wertvolles zu horten, denn letztlich ist es ihm am liebsten, wenn sich im historischen Umfeld ein Platz für ein Dokument vergangener Zeit findet.

Gestoßen ist er auf das Schild aus Wehrkirch/Horka in der Heimat seines Vaters im Vogtland. Oliver Rettig wusste, dass ein solches Schild in einem alten Güterwagen der Görlitzer Kreisbahn gelagert war, der später an den Förderverein Historische Westsächsische Eisenbahnen e.V. in Schönheide im sächsischen Vogtland gelangte.

Doch der Hang historische Namen für die Nachwelt zu retten, erstreckt sich für ihn gar nicht allein auf die Eisenbahn. Er steuert gezielt bei Ausflügen mit seinem Enduro-Motocross-Motorrad verblichene Wegmarkierungen an – den Großteil davon findet er jenseits der ganz nahen Grenzen im polnischen Niederschlesien und im tschechischen Nordböhmen. Rettig ist querfeldein unterwegs und findet immer wieder Wegweiser, die die Geschichte vergessen hat, auch abseits der heute befahrenen Straßen. Ein Topf Farbe und Pinsel sind immer im Gepäck.

Während er in Deutschland dem Denkmalschutz eher weniger in die Parade fährt und nur bei völliger Untätigkeit anderer eingreift, gibt es jenseits der Lausitzer Neiße oder in Nordböhmen freies Feld für sein Tun.

Formalien interessieren nicht
„Im Grunde schaue ich auf all das, wo bislang niemand nach 1945 irgendetwas getan hat. Ich gehe einfach davon aus, dass der polnische Denkmalschutz eher beeindruckt wäre, mit welch hoher Qualität und Gespür für den historischen Bestand ich zu Werke gehe“, sagt er und freut sich, dass er manche renovierte Relikte auf Fotos bei Google Earth, dem virtuellen Globus im Internet, wiederfand, nachdem er den einstigen Zustand erst wiederhergestellt hatte.

Rettig führt mich nach Katholisch Hennersdorf [Henryków Lubański], wo die Preußen in den Schlesische Kriegen 1745 Sachsen besiegten. Dieser Gedenkstein ist zwar kein Exot – oder doch, wenn man die polnische Perspektive betrachtet. Nach dem Überraschungsangriff bei Hennersdorf kam für den preußischen Befehlshaber der Name „Zieten aus dem Busch“ in Umlauf, der den Stein ziert. Wie zuvor an manchen unscheinbareren Unterwegssteinen zieht Oliver Rettig auch hier Farbe und erinnert damit an das historische Ereignis.

Hier und da wird Rettig mittlerweile sogar wiedererkannt. Er hat viele persönliche Kontakte auf polnischer Seite geknüpft – im Selbststudium hat er dabei ein erstaunlich gutes Sprachgefühl im Polnischen aufgebaut, das ihm manche Türen öffnet.

Überhaupt komme ihm die polnische Improvisationsseele sehr entgegen, die nicht lange nach Formalien fragt. „Die letzten drei Jahre hat sich eigentlich nie etwas an meiner Arbeit auf polnischer Seite geändert“, bekundet er schmunzelnd. Er sei ja mit der Enduro ohnehin „querfeldein“ unterwegs, meint er augenzwinkernd.

Häufig steuert er auf seinen Fahrten auch „Lost Places“ – klassische verfallene Fabrik- oder Militäranlagen an. Doch sein eigentliches Augenmerk richtet er immer darauf, entlang von Straßen, Wegen oder Trampelpfaden durch seine Einsätze mit dem Farbtopf die Geschichte auch für die präsent zu machen, deren Familien nach 1945 in die Fremde gerissen wurden.


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