24.11.2020

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In der hier beschlossenen Stadtordnung war selbst der Umfang der persönlichen Hygiene Regelungsgegenstand: Rostocks Rathaus zu DDR-Zeiten (1965)
Foto: FORTEPAN / Erky-Nagy TiborIn der hier beschlossenen Stadtordnung war selbst der Umfang der persönlichen Hygiene Regelungsgegenstand: Rostocks Rathaus zu DDR-Zeiten (1965)

Hygieneregeln

„Ein unabdingbarer Bestandteil sozialistischer Lebensweise“

In der DDR sicherten die Staatsorgane nicht nur „die grundlegenden Voraussetzungen zur Einhaltung der hygienischen Verhaltensnormative für alle Bürger“

Heidrun Budde
27.10.2020

Die SED-Funktionäre wussten, dass Teile der Bevölkerung die aufgezwungene „Diktatur des Proletariats" ablehnten. Der Machterhalt konnte nur durch die Abschaffung der Individualität und durch eine lückenlose Kontrolle erfolgen. Im Ergebnis entstand ein Heer von Mitläufern, das dieses politische System wesentlich stützte.

In der Rostocker Stadtordnung vom 23. Dezember 1977 findet man Worte wie „gegenseitige Erziehung", „bewußte Disziplin", „erzieherische Aussprache" und bei Missachtung der Vorgaben die Einleitung von „entsprechenden erzieherischen Maßnahmen durch Bürger, Kollektive und gesellschaftliche Gremien". Die Arbeitsplätze sowie Wohn- und Erholungsgebiete waren so zu gestalten, dass „sich in ihnen das neue Lebensgefühl sozialistischer Menschen" äußerte. Selbst der Umfang der persönlichen Hygiene war Regelungsgegenstand (Paragraf 47):
„(1) Die Einhaltung der persönlichen Hygiene und Sauberkeit ist unabdingbarer Bestandteil sozialistischer Lebensweise. Der Rat der Stadt sichert die grundlegenden Voraussetzungen zur Einhaltung der hygienischen Verhaltensnormative für alle Bürger.
(2) Die Vernachlässigung der Sauberhaltung von Körper, Kleidung und Wohnung stellt einen Gefahrenherd für die Allgemeinheit dar und ist durch erzieherische Einflussnahme der Betriebe, gesellschaftlichen Kräfte und Bürger rechtzeitig zu unterbinden. Bleibt die erzieherische Einflussnahme ohne Erfolg, sind rechtliche Mittel anzuwenden."

Abschaffung der Individualität

Ein Bürger, der schmutzige Kleidung trug oder unangenehm roch, wurde nach dem Willen der Funktionäre zum Objekt der kollektiven Erziehung, denn im Paragrafen 70 der Stadtordnung wurde diese Legitimation erteilt: „Jeder Bürger hat das Recht, Personen – einschließlich der gesetzlichen Vertreter von Betrieben und Einrichtungen –, die den Grundsätzen dieser Ordnung zuwiderhandeln, zu ermahnen und zur Unterlassung aufzufordern bzw. die Hilfe der dafür zuständigen staatlichen Organe für die Durchsetzung berechtigter Forderungen in Anspruch zu nehmen."

Gegenseitiges Aufpassen, Ermahnen, Erziehen und Einmischen in die private Intimsphäre wurden ausdrücklich verlangt. Dass diese Verfahrensweise den Artikel 30 der DDR-Verfassung konterkarierte, nachdem die Persönlichkeit und Freiheit der Bürger „unantastbar" waren, spielte dabei gar keine Rolle. Der Zweck heiligte die Mittel.

Spießbürgerliche Aufpasser, auch ohne Zugehörigkeit zur Staatssicherheit, bekamen ein nahezu unbegrenztes Betätigungsfeld, und sie waren durchaus eine Macht. Ihre „Erkenntnisse" hinter vorgehaltener Hand wurden immer dann zur Entscheidungsgrundlage, wenn ein Bürger Wünsche äußerte, die dem Regime nicht passten, wie bei Eheschließungswünschen mit Bundesbürgern, Reiseanträgen ins „kapitalistische Ausland" oder bei der Vergabe von Berufserlaubnissen für Seeleute.

1986 wollte beispielsweise Heike M. als Touristin nach Algerien reisen. Ihr Antrag scheiterte aus diesem Grund: „Wurde im November 1985 von der Funktion des FDJ-Sekretärs entbunden. Keine positive politische Meinung zur Politik der DDR. Oft Männerbekanntschaften und häufiger Alkoholgenuß." Herr B. wollte gerne Frankreich besuchen, und auch er musste zu Hause bleiben, weil diese Informationen aus unbekannter Quelle kamen: „Als Begründung wird die zerrüttete Ehe des B., die nur noch nach außen hin besteht, angeführt. Durch die gestörten Familienverhältnisse kann ein ungesetzliches Verlassen nicht ausgeschlossen werden."

Lückenlose Kontrolle

Hervorzuheben ist, dass die Antragsteller selbst niemals eine Begründung für die Ablehnung bekamen und es auch keinen Rechtsweg gab. Die Bürger wussten nur, dass sie von nebulösen Entscheidungen abhängig waren, gegen die sie sich nicht wehren konnten. Diese Verunsicherung und das Gefühl des Ausgeliefertseins führten oft zu vorauseilendem Gehorsam. So entstand ein Heer von Mitläufern, das die politische Bevormundung akzeptierte und den inszenierten Selbstbetrug unterstützte.

Beispielsweise fand 1980 eine „propagandistische Großveranstaltung mit internationaler Beteiligung zu Fragen des Kampfes gegen den Antikommunismus und Antisowjetismus" in Rostock statt. Es wurden rund 700 Teilnehmer erwartet. Am 9. April 1980 genehmigte die SED-Bezirksleitung eine „Konzeption" zur Durchführung dieser Veranstaltung und gab dieses Ziel vor: „Wir stellen uns die Aufgabe, parteiliche Haltungen zum sozialistischen Patriotismus und proletarischen Internationalismus zu vertiefen und das Feindbild, insbesondere über den BRD-Imperialismus, stärker auszuprägen und politische Standhaftigkeit im Sinne der 11. Tagung des ZK der SED und der Rede des Generalsekretärs des ZK der SED vom 25.1.1980 zu fördern."

Die Konzeption sah mehrere Redner vor. Doch jeder, der das Wort ergreifen durfte, bekam von der SED strikte Anweisungen, was er zu sagen hatte, wie beispielsweise: Ein Vertreter der Seeverkehrs- und Hafenwirtschaft: antikommunistische und antisowjetische Störmanöver gegen die Seeverkehrs- und Hafenwirtschaft. Ein Vertreter der Volksmarine: die permanente Bedrohung des Sozialismus durch die NATO. Ein Vertreter des Volkstheaters: die Verkörperung der besten Traditionen des kulturellen Erbes durch die DDR und die Auseinandersetzung mit dem Imperialismus im kulturellen Bereich. Ein Vertreter des Sports: die Verleumdung der sozialistischen Sportbewegung durch den Imperialismus unter besonderer Berücksichtigung von dessen Störmanövern gegen die Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Ein Jugendlicher: die Aneignung eines festen Klassenstandpunktes und sozialistischer internationalistischer Verhaltensweisen im Sinne des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann.

Die SED-Funktionäre zwangen den Menschen ihr „Feindbild" vom „BRD-Imperialismus" auf und blendeten dabei das eigene Versagen völlig aus. Missstände wurden in Erfolge uminterpretiert und selbstbestimmtes Denken und Sagen wurden im DDR-Sozialismus unterdrückt. Die politische Bevormundung bestimmte den Alltag. Als die öffentlichen Lügen für die Menschen immer unerträglicher wurden, gingen sie 1989 zu Tausenden auf die Straße. Der SED-Staat brach zusammen und die Bürger hofften mit der Vereinigung auf ein Leben ohne Erziehung, Ermahnung, Zurechtweisung und Einmischung in ihre Privatsphäre. Vor allem wollten sie endlich ihre freie Meinung äußern dürfen, ohne Sorge vor Nachteilen und ohne Denk- und Sprechverbote.



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Kommentare

Jan Kerzel am 04.11.20, 20:06 Uhr

Durch die Verdichtung der richtigen Einzelfragmente ergibt sich ein bestimmtes Zerrbild , das der totalen Realität nicht ganz gerecht wird. Schaue ich mir heute die BRD an , dann könnte ich durch Verdichtung der Einzelfragmente ein viel deutlicheres Zerrbild erstellen. In Wirklichkeit leben wir aber im besten Deutschland , das es je gegeben hat. Das wurde mir vom Bundespräsidenten und auch vom hessischen MP Bouffier mitgeteilt. Also sehen die etwas ganz anders. Ich schau jetzt auch genauer hin!

Fritz-Joachim Schmidt am 30.10.20, 18:24 Uhr

... aber wir Ostdeutschen durften Neger als Neger bezeichnen und Zigeuner als Zigeuner und und und ... (unfreundliche oder abwertende weitere Beispiele erspare ich mir hier)! Bei Gott, wie waren wir damals im Worte frei! Nur wenn es gerade in den heutigen wertewestlichen sog. Mainstream passt, dann darf z. B. ein "Künstler" und "Poet" wie B...mann den anatolischen Führer ungestraft als Hühnerficker o. ä. bezeichnen. Großartig, welche Freiheit wir erreicht haben? Na, und der Schuft Trump in den VStA, der die Tradition brach und keinen neuen Krieg begann, den muss man in der Maistreampresse natürlich ständig auch mit abwertendem Tenor konnotieren.

sitra achra am 29.10.20, 14:54 Uhr

Auf eine Pest namens DDR folgt die nächste, nicht minder schlimme. Haben wir Deutschen das denn verdient? Ich glaube nein.

steffen Fischer am 27.10.20, 15:32 Uhr

Es ist leider erschreckend, wie deutlich man sich als "25 Jahre DDR-ler bis 89" an diese als überwunden geglaubten üblen Zeiten zurückversetzt fühlt. Zwei markante Punkte sind es die mich auf dem Weg zurück bereits mehr als stutzig gemacht hatten.
1. Die unterlassene Enteignung, Abwicklung und Entmachtung der SED als Macht-Missbrauchs-Organ. Die unterlassene Bewertung der SED Machtstützen der sogenannten "Block Parteien" wie CDU / LDPD und deren "Vermögen".
2. Die Machtergreifung in der Kanzler Partei 2005 durch eine ehemalige, FDJ Sekretärin aus der Kampfreserve der Partei mit DDR Reisepass und die unterlassene Aufklärung ihrer wirklichen Herkunft, ihrer erstaunlichen Ernennung zur Sprecherin des "Demokratischen Aufbruchs". Jetzt fügt sich das Bild und es kommt ans Licht, was schon von Anfang an die historische Mission war: Zerstörung der kapitalistischen deutschen Republik.

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