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Kultur

Ein Venezianer malt Dresden

Vor 300 Jahren wurde Bernardo Bellotto alias Canaletto geboren. Ausstellungen in Dresden, Pirna und Darmstadt würdigen den Künstler, der auch mit deutschen Veduten in die Kunstgeschichte einging

Veit-Mario Thiede
19.05.2022

Dank Bernardo Bellotto, der sich Canaletto nannte, steht die sächsische Kleinstadt Pirna in der hohen Kunst der Vedutenmalerei auf einer Stufe mit Residenzstädten und Kunstmetropolen wie Venedig, Dresden, Wien und Warschau. Er schuf elf Ansichten von Pirna. Aufbewahrt werden sie im benachbarten Dresden. Die dortige Gemäldegalerie Alte Meister besitzt 36 Gemälde des berühmten Vedutenmalers. Keine andere Sammlung hat mehr Bellottos.

Aber was die Zeichnungen des am 20. Mai 1722 in Venedig geborenen Künstlers betrifft, hat das Hessische Landesmuseum Darmstadt die Nase vorn. Es besitzt nämlich knapp die Hälfte der 150 von Bellotto erhalten gebliebenen Zeichnungen. Die drei Städte feiern den Künstler mit Sonderausstellungen.

Von 1748 an war Bellotto Hofmaler des Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen, der zugleich als August III. König von Polen war. In seinem Auftrag schuf er Ansichten von Dresden, Pirna und der nicht weit davon entfernt im Elbsandsteingebirge hoch über dem Flusstal thronenden Festung Königstein. Den erstmals vollzählig ausgestellten Eigenbesitz sowie gemalte, gezeichnete und radierte Leihgaben aus allen Schaffensphasen Bellottos präsentiert Dresdens Gemäldegalerie Alte Meister vom 21. Mai bis 28. August in der Sonderschau „Der Zauber des Realen“.

Wichtige Leihgaben verdankt die Schau im Zwinger dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Königlichen Schloss in Warschau. Aus Washington, Birmingham und London sind Gemälde der Festung Königstein angereist.

August III. fährt mit Schimmeln vor

Ein Prachtwerk aus eigenem Besitz ist das als „Canaletto-Blick“ berühmte Gemälde „Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke“ (1748) mit der links aufragenden Kuppel der evangelischen Frauenkirche und der sich rechts erhebenden katholischen Hofkirche. Deren Turm war noch nicht errichtet, als Bellotto das Bild malte. Er griff daher auf eine Entwurfszeichnung des Architekten zurück. Das zeigt, dass Bellotto sich trotz des dokumentarischen Anspruchs und der bis hin zur Darstellung von Putzrissen und Schmuddelecken demonstrativen Wirklichkeitsnähe seiner Veduten einige künstlerische Freiheiten gestattete.

Seine zumeist großformatigen Ansichten, die stets einen starken Kontrast von Licht und Schatten aufweisen, laden mit ihrem überbordenden Detailreichtum den Betrachter zu einer langen Verweildauer ein. Großes Vergnügen bereitet nicht zuletzt die Beobachtung der zahlreichen Staffagefiguren.

Auf dem Gemälde „Der Neumarkt in Dresden vom Jüdenhof aus“ (um 1748/49) fährt in einiger Entfernung August III. in seiner von sechs Schimmeln gezogenen goldenen Staatskarosse vor. Die Umstehenden verneigen sich. Auf den Bildern entdecken wir Vertreter aller Stände. In einer dunklen Ecke steht ein Bettler. Verliebte Paare turteln. Marktweiber tratschen. Ein Soldat füttert Schwäne. Feine Herren und schöne Damen stolzieren umher. Auch bei der Arbeit herrscht keine Eile. Es geht beschaulich zu. Aber nicht wenige Figuren blicken nachdenklich, ja melancholisch drein.

René Misterek ist Direktor des Stadtmuseums von Pirna. Er hat das Museum vollständig ausgeräumt, um Platz für die bis 25. September laufende Sonderschau „Canalettos Blick“ zu schaffen. Die ausgestellten Bilder „veranschaulichen Bellottos Ausstrahlung auf Zeitgenossen und Nachfolger in der sächsischen Kunst bis in die Gegenwart“, wie Kuratorin Anke Fröhlich-Schauseil erklärt. Von Bellotto sind neben zwei kleinformatigen Gemälden, die Rom und Venedig darstellen, seine eigenhändig ausgeführten großformatigen Radierungen von Pirna und der Festung Königstein zu sehen.

Pirnas „Canaletto-Haus“

Eine kuriose Hommage an Bellotto steuert Christoph Wetzel im Auftrag des Canaletto Forum Pirna bei: Für seine „Por­trätvedute“ kopierte er eines von Bellottos Pirna-Gemälden – und setzte ein Porträt des barocken Meisters hinein. Misterek äußert über den Vedutenmaler: „Er ist identitätsstiftend für Pirna – das kann man gar nicht anders sagen.“ Besonders stolz sind die Einwohner auf das Gemälde „Der Marktplatz von Pirna“ (um 1753/54). Mitten auf dem Platz erhebt sich das Rathaus, flankiert von zwei im Halbschatten liegenden Häuserfluchten. Blickfang im Mittelgrund ist ein mit Ziergiebel ausgestattetes Haus, das stark angegrauten Putz aufweist. Dieses sogenannte „Canaletto-Haus“ ist heute weit besser in Schuss als damals. Von dem in Dresden ausgestellten Original malte Wetzel eine getreue Kopie für Pirna.

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt präsentiert ab 20. Oktober die Sonderschau „Remember Venice! Bernardo Bellotto zeichnet“. Nach 41 Jahren holen die Darmstädter diese Blätter erstmals ins Licht einer Ausstellung. Die seit 1829 zur Sammlung gehörenden Zeichnungen stammen aus dem Nachlass des Künstlers. Deshalb urteilt Kuratorin Mechthild Haas: „Zweifellos barg dieser Fundus für Bellotto einen unwiederbringlichen Schatz.“ Er besteht überwiegend aus Federzeichnungen der Jahre 1735 bis 1746. Viele zeigen Venedig.

In der um 30 Radierungen ergänzten Präsentation wird auch die große Bedeutung von Bellottos Veduten für den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Altstadt Warschaus aufgezeigt. In geringerem Maße galt das für Dresden. Aber was wäre der am Elbufer mit einem Rahmen markierte „Canaletto-Blick“ ohne Frauenkirche? Im Zweiten Weltkrieg zerstört, erfolgte ihr Wiederaufbau ab 1994 nicht zuletzt in Orientierung an Canalettos Gemälden. (Siehe auch Seite 10)

Gemäldegalerie Alte Meister im Dresdner Zwinger, geöffnet täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 14 Euro, www.skd.museum; Canalettos Blick im StadtMuseum Pirna, geöffnet täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, Eintritt: 6 Euro, www.pirna.de/canaletto; Remember Venice! im Hessischen Landesmuseum Darmstadt vom 20. Oktober bis 15. Januar 2023, Eintritt: 6 Euro, www.hlmd.de



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