23.05.2024

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Suchen und finden

Blanker Hans

Ein Volk vom Strom der Zeit

Friedhof für die namenlosen Opfer der Nordsee – Die „Heimatstätte für Heimatlose“ in Westerland auf Sylt

Silvia Friedrich
12.11.2023

Als im Oktober dieses Jahres zwei Frachtschiffe in der Nordsee vor Helgoland kollidierten, begann sofort die fieberhafte Suche nach vermissten Seeleuten, die bei der Havarie mit ihrem Schiff untergegangen und dabei vielleicht in einer Hohlblase eingeschlossen oder über Bord gegangen waren. Schiffe, Hubschrauber, Taucher versuchten alles, um die Männer zu finden und zu retten. Doch leider war alles vergeblich. Die Suche der Einsatzkräfte musste eingestellt werden.

Selbst in unserer hoch technisierten Welt sind derartige Katastrophen nicht einfach zu verhindern. Solche dramatischen Ereignisse passieren, seit sich die Menschen mit ihren Booten aufs Meer begeben haben. Und nicht selten gingen bei Stürmen die Seeleute auch über Bord.

Inselbewohner der nordfriesischen Insel Sylt fanden seit Jahrhunderten immer wieder leblose Körper am Strand, die von der Flut angeschwemmt wurden und zumeist Opfer von Schiffsunglücken waren. Verschiedene Quellen besagen, dass zwischen 1600 und 1870 an Sylter Stränden 418 Leichen aufgefunden wurden.

In früheren Zeiten überließ man die Toten dann oft einfach ihrem Schicksal oder verbuddelte sie in den Dünen, um Gäste bei ihren Spaziergängen nicht zu sehr zu erschrecken. Als am 3. Oktober 1855 in Westerland ein toter Seemann angespült wurde, erfolgte erstmals am nächsten Tag die Bestattung auf einer neu errichteten Ruhestätte. Das erste namenlose Kreuz trägt das Datum des 4. Oktobers 1855. Die „Heimatstätte der Heimatlosen“, ein Stück Land, das sich südlich von Westerland einsam in der Heidelandschaft befand, wurde zum Ort der gestrandeten Leichen.

Strandinspektor Wulf Hansen Decker hatte ein Jahr zuvor den Entschluss gefasst und diesen Gottesacker 1854 in weiser Voraussicht anlegen lassen. Dereinst weit außerhalb der Stadt, befindet sich der Friedhof nun direkt im Wohngebiet gegenüber der katholischen Kirche Sankt Christophorus. Eine weit außerhalb liegende Grabstätte wählte man damals, weil die Identität der Toten, die an den Stränden aufgefunden wurden, fast immer unklar blieb. So wusste niemand, ob sie überhaupt getauft waren oder es sich sogar um Selbstmörder handelte. Somit begrub man sie in ungeweihter Erde.

Ein einziger identifizierter Matrose
In den folgenden Jahrzehnten beerdigte man an diesem Ort 55 unbekannte Seeleute, die an den Stränden von Westerland, Rantum und Hörnum zwischen 1855 und 1905 aufgefunden wurden. Namenlose waren sie alle, bis auf eine Ausnahme. Der Tote, der 1890 in Westerland angespült wurde, konnte später als Harm Müsker identifiziert werden.

So ist es zu erklären, dass genau dieser eine Gedenktafel bekam. Die Inschrift ist verwittert, lässt aber noch wissen, dass hier ein Ma­trose von gerade einmal 18 Jahren bei der Strandung des Schiffes „Gerhardine“ im Oktober 1890 den frühen Tod fand.

Ansonsten erinnern schlichte Kreuze, auf denen nur der Fundort vermerkt ist, an die Menschen, die durch den „Blanken Hans“ ihr Leben verloren. Doch waren die tragischen Ereignisse oft auch von unerwarteter Heiterkeit begleitet. Dass es manchmal beinahe Volksfestcharakter hatte, berichten Sylter Stadtführer noch heute bei ihren Rundgängen.

Makaber erscheint einem der Tagebucheintrag eines Gastes aus dem Jahre 1900, der Zeuge eines solchen Begräbnisses wurde. So schrieb er: „Heute Nachmittag wurde eine Leiche auf einem rasselnden Bauernwagen an den Friedhof geschafft, wo sich ein paar Hundert neugierige Menschen versammelt hatten. Herren in Strandschuhen, weißen Anzügen und bunten Mützen. Damen in Tenniskostümen, hellen Hüten und roten Sonnenschirmen. Darüber ein jubelnder Sommertag mit strahlendem Himmel. Wer es aus der Ferne sah, hätte meinen können, dass es sich um irgendein Fest im Freien handle.“

Rumäniens Königin als Stifterin
Auch Angehörige des Adels verbrachten zunehmend gerne die Sommermonate auf der schönen Insel. So auch Elisabeth zu Wied, Königin von Rumänien (1843–1916), die auch unter dem Pseudonym Carmen Sylva als Schriftstellerin bekannt war. Sie weilte im Sommer 1888 inkognito in Westerland. Von ihrer Unterkunft, dem Gartenhaus der Villa Roth, dem heutigen Hotel Roth, war es nicht weit zum damaligen Damenstrand, den so ein Erholungsort natürlich aufzuweisen und man als Dame aufzusuchen hatte.

Sie kam mehrfach an dem Friedhof der Heimatlosen vorbei und wurde vom Schicksal der dort Begrabenen so gerührt, dass sie Geld stiftete und damit einen Gedenkstein aufstellen ließ mit folgender Inschrift: „Wir sind ein Volk vom Strom der Zeit. Gespült zum Erdeneiland, voll Unfall und voll Herzeleid bis heim uns holt der Heiland. Das Vaterhaus ist immer nah, wie wechselnd auch die Lose. Es ist das Kreuz von Golgatha, Heimat für Heimatlose.“ Es handelt sich dabei um die letzte Strophe des Liedes „Heimat für Heimatlose“ von Oberhofprediger Dr. Rudolf Kögel aus Berlin, der sie hier im Seebad besuchte.

Die letzte Bestattung erfolgte am 2. November 1905, bevor die Stadt die endgültige Schließung 1907 anordnete. Streitigkeiten über den Unterhalt der Stätte sollen dafür der Grund gewesen sein. Später aufgefundene Tote wurden auf dem Neuen Friedhof in Westerland und den Friedhöfen von List oder Keitum bestattet. Die Straße, an der sich die Gedenkstätte befindet und die von hier aus quer durch das Zentrum der Stadt führt, bekam zu Ehren der rumänischen Königin den Namen Elisabethstraße. Es ist der Weg, den die Königin täglich beschritt, um dabei immer wieder am Totenacker anzuhalten und Gebete zu sprechen.

Wer nicht von dieser Ruhestätte durch seinen Reiseführer erfahren hat oder aus anderen Gründen um sie weiß, wird den Ort sehr leicht übersehen. Wenn man in dieser Jahreszeit vom Strand kommt, noch ganz durchgepustet von den Herbststürmen, soeben die Düne des Weststrandes passiert hat und sich an der Schönheit der Natur erfreut, dann denkt man nicht an Tod oder traurige Schicksale. Die linker Hand unvermittelt auftauchende weiße Holzpforte wirkt auch zu freundlich, als dass sie ahnen lässt, was sich hinter ihr verbirgt. Doch wenn man sie passiert, lässt einen der Besuch auf diesem Fleckchen Erde sehr schnell nachdenklich werden und in besonderer Weise zur Ruhe kommen.


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