17.04.2024

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Landeskunde

Einblicke in eine widerständige Nation

Spannender Auftaktband einer Reihe von Beiträgen zur deutsch-ungarischen Verständigung

Werner J. Patzelt
02.03.2024

Doktor Bence Bauer, der Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts am Mathias Corvinus Collegium (MCC) Budapest, ist ein in Deutschland aufgewachsener und dort auch akademisch sozialisierter Ungar. Lange Zeit für die Europäische Volkspartei in Brüssel und für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Budapest tätig, außerdem polyglott und umfangreich vernetzt, ist er ein höchst sachkundiger Beobachter der Verhältnisse in Ostmitteleuropa im Allgemeinen und von sowohl Deutschland als auch von Ungarn im Besonderen. Wenn er sich zu alledem äußert, lohnt aufmerksames Zuhören und Lesen.

Auftakt einer Buchreihe, die Ungarn den Deutschen näherbringen soll
Das gilt auch für den hier vorzustellenden Band. Er umfasst 24 Beiträge, die bereits zwischen 2019 und 2023 an vielfältigen Publikationsorten erschienen sind. Für „Ungarn ist anders“ wurden sie wohl redigiert und mit weiterführenden Literaturhinweisen versehen.

Behandelt werden in sechs Abschnitten, und zwar überwiegend schlaglichtartig, die ungarische „Nation und Geschichte“, einige „Ungarische Positionen“ vom Wahlsystem bis zur Haltung im Ukrainekrieg, „Ungarn und seine Nachbarn“, spiegelbildlich die ungarischen Blicke auf Deutschland und die deutschen Blicke auf Ungarn, desgleichen „Ungarn in Europa“. Zwar spiegelt diese Gliederung mehr Systematik vor, als sie die abgedruckten Texte dann wirklich einlösen. Doch dem Auftaktband der kommenden Jahresbände des im Dezember 2020 gegründeten Deutsch-Ungarischen Instituts, künftig als Buchreihe vom Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll herausgegeben, steht das formal durchaus gut zu Gesicht: Es sollen einfach einmal im Jahr die wichtigsten Schriften aus dem Arbeitsbereich des Instituts veröffentlicht werden.

Eine Nation zwischen Freiheitsdrang und Selbstbehauptung
Und wichtig – zumindest wertvoll und erhellend – sind die hier publizierten Texte allemal. Natürlich lassen sie sich an dieser Stelle nicht im Einzelnen besprechen, sondern nur kurz annotieren. Vorzügliche Verständnisschlüssel zur Eigenart Ungarns bieten insbesondere die Texte über „Ungarns Freiheitsdrang“, die sich anschließenden Skizzen über Fremdes und Vertrautes an Ungarn, über dessen praktizierte Dialektik aus Tradition und Erneuerung sowie über Ungarns Selbstbehauptung.

Wichtige Sachinformationen bieten die Beiträge über das ungarische Wahlsystem in Theorie und Praxis, über „Wegmarken“ der ungarischen innenpolitischen Entwicklung, über die „konservativen Pfeiler“ in Ungarns Gesellschaft und Politik sowie über die – in der EU wenig verstandene – ungarische Position im Ukrainekrieg. Nützliches Hintergrundwissen für ansonsten leicht rätselhaft Anmutendes bieten die Texte über das Verhältnis zwischen Ungarn und Polen im Allgemeinen sowie zwischen Viktor Orbán und Donald Tusk im Besonderen.

Ansonsten von breiten Pinselstrichen übermalte, doch mit Gewinn zur Kenntnis zu nehmende Einzelzusammenhänge führen die Kapitel über das „Paneuropäische Picknick“ von 1989 sowie über deutsche „Mythen“ um Gyula Horn vor Augen. Unverzichtbar für ein Verständnis der Tiefenschichten des derzeit sehr schwierigen deutsch-ungarischen Verhältnisses sind die Texte „Debatten um Ungarn – Debatten um Deutschland?“, zum „deutschen Dilemma“ sowie zu den Schwierigkeiten, welche CDU und CSU mit der realen „bürgerlichen Politikgestaltung“ in Ungarn haben. Und sehr erhellend sind die letzten Abschnitte des Buches, die sich mit der umstritten gemachten Rolle Ungarns in der Europäischen Union befassen.

Verstehen statt verdammen
In allen Beiträgen zu diesem Buch besticht die Sachkenntnis des Verfassers, sein Verzicht auf alle Polemik und jener – bei aller Kritik – freundschaftliche Blick auf das eigene Land, den sich in Deutschland so viele Autoren abgewöhnt haben. Zwar wird dieses Buch das Schicksal aller Veröffentlichungen teilen, die derzeit Ungarn nicht als Quasi-Diktatur oder dessen Ministerpräsidenten als politischen Gangster darstellen: Es wird von Orbán- und Fidesz-Gegnern üble Nachrede als „Mischung aus Apologetik und Propaganda“ erfahren.

Wer aber wirklich verstehen will, wovon er spricht, wenn er sich über Ungarn und dessen Eigentümlichkeiten äußert, dem wird dieses Buch sehr hilfreich sein. Gemäß seiner Eigenart bietet es zwar keine systematische Darlegung von ungarischer Andersartigkeit. Doch genau deshalb kann man seine Teile einfach entlang jeweils aktivierter Neugier lesen – und dabei im jeweiligen Einzelstück jene Ahnung vom Ganzen des Landes und seiner Kultur bekommen, die zur weiteren Literaturrecherche oder zu Gesprächen mit Ungarnkennern motivieren kann.

Also empfiehlt sich dieses Buch nicht zuletzt als Geschenk für Ungarnfreunde oder für solche, die sich nicht bereits auf eine Gegnerrolle festgelegt haben.

Insgesamt macht dieser Reihenauftakt Lust auf die weiteren Bände – und zeigt, dass der Institutsdirektor Bauer nicht nur ein wirkungsvoller Organisator ist, sondern auch ein Politikbeobachter von intellektuellem Gewicht.

Das Buch ist in Deutschland sowohl über den Bucheinzelhandel (siehe die ISBN) als auch die Webseite mccpress.hu zu beziehen.

Bence Bauer: „Ungarn ist anders“, MCC Press 2023, Paperback, 262 Seiten, 16,05 Euro (bei Amazon), ISBN 9789636440343


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