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Ein Beispiel für Koepckes Talent: Tuschezeichnung einer Moschusente
Foto: Juliane DillerEin Beispiel für Koepckes Talent: Tuschezeichnung einer Moschusente

Maria Koepcke

Eine begnadete Naturforscherin und -zeichnerin

Zum 100. Geburtstag: Geprägt in Ostpreußen, war sie lange Zeit die einzige Frau unter den wichtigsten Naturkundlern Perus

Christoph Hinkelmann
20.05.2024

Maria Koepcke war eine naturbegeisterte Forscherin, die weltweit Anerkennung gefunden hat. Geboren wurde sie am 15. Mai 1924 in Leipzig, doch durch die Berufung ihres Vaters, Felix von Mikulicz-Radecki (1892–1966), zum Ordinarius des Lehrstuhls für Gynäkologie und Direktor der Universitätsfrauenklinik in Königsberg zum 1. April 1932 wuchs sie in der ostpreußischen Hauptstadt auf.

Gern begleitete sie ihren Vater auf Jagdausflügen und beobachtete die Tiere, die ihnen dabei begegneten. Mit einem außergewöhnlichen Zeichentalent gesegnet hielt sie viele Beobachtungen in Bleistift- und Federzeichnungen sowie Aquarellen fest und schuf bereits als Jugendliche Werke von beachtlicher Qualität.

Neben den Jagdhunden ihres Vaters faszinierten sie besonders Pferde. Bei einer Schulfreundin, deren Familie auf ihrem Gut ein Gestüt mit Warmblutpferden Trakehner Abstammung besaß, verbrachte sie oft die Ferien. Leider lässt sich nicht mehr belegen, auf welchem Gut die junge Maria zu Gast war. Ihre Tochter Juliane, heute verheiratete Diller, erinnert sich an den Namen Rohde – doch listet Niekammers Güteradressverzeichnis von 1932 allein 13 Besitzer dieses Namens auf, die 15 und mehr Pferde besaßen; 1935 waren 14 Personen namens Rohde Mitglieder des Ostpreußischen Stutbuchs für Warmblut Trakehner Abstammung. Pferde waren die Motive der meisten Zeichnungen und Aquarelle in Marias Jugendzeit.

Pferde-Begeisterung in Königsberg
1943 legte sie am Hufenoberlyzeum die Abiturprüfung ab und verließ Ostpreußen. Sie wollte Zoologie studieren und begann im Wintersemester 1943/44 das Studium in Straßburg im Elsass. Bereits ein Jahr später wechselte sie nach Gießen und später nach Kiel, wo sie 1949 bei Professor Karl Wolfgang „Wolf“ Herre (1909–1997), dem Leiter des Instituts für Haustierkunde, mit einer Dissertation über „Studien über Musterung und Färbung von Wild- und Haustauben“ promoviert wurde.

In Kiel lernte sie ihren späteren Mann kennen. Hans-Wilhelm Koepcke (1914–2000), wissenschaftlicher Assistent am Zoologischen Institut, hatte sich bereits auf die Ökologie und besonders die Erforschung von Lebensformtypen und Parallelentwicklungen in der Tierwelt spezialisiert. Sein Wunsch war es, die Biodiversität in einem artenreichen Land mit noch weitgehend intakten Ökosystemen zu erforschen, und seine Wahl fiel auf Peru. Seine Ziele faszinierten die junge Maria, sie verlobten sich Ende 1947 und beschlossen zu heiraten, sobald sie ihr Studium abgeschlossen und Hans-Wilhelm sich halbwegs in Südamerika eta-bliert hatte. Die Hochzeit fand, nach zahllosen überwundenen Schwierigkeiten, am 24. Juni 1950 in Lima statt.

Noch bevor sich Maria von Mikulicz-Radecki im April 1950 zur Artlantiküberquerung einschiffte, hatte sie sich bei namhaften Forschern und Instituten in Deutschland intensiv über Wildtiere weitergebildet und vor allem ihre Technik des schnellen Zeichnens von Tieren in Bewegung vervollkommnet. Diese Fähigkeiten konnten ihr ungemein nützen, als sie in Peru mit seinen so vollkommen anderen Landschaften sowie der Tier- und Pflanzenwelt ankam.

Hans-Wilhelm wurde Dozent und erhielt eine Stelle am Museum für Naturkunde „Javier Prado“ in Lima. Maria half zunächst ihrem Mann ehrenamtlich, bis sie 1953 die Abteilung für Säugetiere und Vögel am selben Museum übernehmen konnte. Gemeinsam erforschte das junge Ehepaar die Tierwelt in abgelegenen Regionen des ökologisch weithin noch unbekannten Landes, und Maria Koepcke spezialisierte sich auf dessen Vogelwelt. 1954 wurde ihre einzige Tochter, Juliane, geboren.

In Lima gründeten Maria und Hans-Wilhelm Koepcke 1956 die „Casa Humboldt“, das „Humboldt-Haus“. Es wurde von der Deutschen Ibero-Amerika-Stiftung und vom Auswärtigen Amt gefördert und diente als Gästehaus für Wissenschaftler aus aller Welt, die in Peru forschen wollten. Es bestand bis 1967 und konnte zur Realisierung von etwa 150 Forschungsprojekten beitragen. Hier lebte die junge Familie, unterhielt geräumige Tiergehege im Garten, und die Eltern nutzten das Haus als Ausgangspunkt für ihre zahlreichen Forschungsreisen in ganz Peru, wobei sie oft von Kollegen aus anderen Ländern begleitet wurden oder deren Projekte unterstützten.

Peru ist ein an natürlichen Lebensräumen ungemein reiches Land. Seine Topographie mit knapp 3000 Kilometer langgestreckter Meeresküste, den Anden mit Erhebungen von über 6700 Metern und einer Vielzahl von Tälern ermöglichen die Existenz von Habitaten zwischen Wüste und tropischem Regenwald in allen Ausprägungen. Die Koepckes konzentrierten sich ab 1952 zunächst auf die westlich der Anden gelegenen Lebensräume einschließlich der Pazifikküste und auf die Landschaften der Hochanden mit ihren Seen und offenen Gebieten. Besonders widmeten sie sich der ökologischen Zusammensetzung der Lebensräume mit ihren deutlich unterscheidbaren Pflanzen sowie Boden- und Niederschlagsbedingungen. Sie waren in der Regel ohne Kraftfahrzeug, sondern nur zu Fuß mit großen Rucksäcken und im unwegsamen Gelände auch mit Pferden oder Maultieren unterwegs. Sie erkannten die Schutzwürdigkeit zahlreicher Gebiete und setzten sich bei den Behörden in Lima dafür ein, dass diese unter Schutz gestellt wurden. Selbstverständlich wurden die Besonderheiten der unterschiedlichen Lebensräume ausführlich dokumentiert und die Sammlungen des Museums für Naturkunde um zahlreiche interessante Stücke bereichert.

Gründung des „Humboldt-Hauses“
Später wandte sich das Ehepaar Koepcke auch den östlich der Hochanden gelegenen Lebensräumen zu. Ausführlich erforschten und dokumentierten sie zunächst die Bergregenwälder, besuchten aber, von stetiger wissenschaftlicher Neugier getrieben, auch die Tieflandregion im Amazonasgebiet, die immerhin etwa 60 Prozent der Fläche Perus ausmacht.

Bereits zu Beginn der 1960er Jahre entstand der Plan, mit der gesamten kleinen Familie ins östliche Tieflandregenwaldgebiet zu übersiedeln. Mitte 1968 realisierten sie diesen Wunsch und gründeten am Unterlauf des Flusses Pachítea die Forschungsstation „Panguana“. Eineinhalb Jahre blieb die Tochter Juliane bei ihnen, dann musste sie die Eltern verlassen und der Schulbildung wegen nach Lima zurückkehren. Für die Eltern begann in Panguana ihre glücklichste Lebensphase, in der sie rund um die Uhr von üppiger, unerforschter Natur umgeben waren und deren Geheimnisse lüften konnten.

Etwa 1800 Vogelarten sind in Peru nachgewiesen, davon mindestens 120 endemische, also solche, die weltweit nur in diesem südamerikanischen Land vorkommen. Maria Koepcke gelang die Entdeckung von drei der Wissenschaft noch völlig unbekannten Vogelarten, die sie als erste beschrieb. Zu ihrer Würdigung wurden von anderen Forschern vier weitere Vogelarten und etliche Arten aus anderen Tiergruppen neu beschrieben. In den späten 1950er und den frühen 1960er Jahren besuchte sie Museen und wissenschaftliche Sammlungen in Europa und Nordamerika, auch entstanden zahlreiche Pu-blikationen mit ihren Ergebnissen, oft in Zusammenarbeit mit ihrem Mann und dank ihrer hohen Kunstfertigkeit anspruchsvoll illustriert.

Herbe Rückschläge
Bei allen Erfolgen und wissenschaftlicher Reputation blieb Maria Koepcke nicht von gravierenden Rückschlägen verschont. 1955 passierte dem Forscherehepaar auf der Wanderung entlang einer Straße im Gebirge ein folgenschwerer Unfall. Als ein Lkw ein zu tief hängendes Telefonkabel mitriss, peitschte dieses über die Straße und traf das Ehepaar mit voller Wucht. Maria erlitt eine starke Gehirnerschütterung und verlor das Bewusstsein. Hans-Wilhelm kämpfte mit einer ausgeprägten Gehirnerschütterung, Schnittwunden und Knochenbrüchen, blieb aber bei Bewusstsein. Er leistete ihr Erste Hilfe und organisierte ihren raschen Transport ins Krankenhaus. Dort verbrachte sie mehrere Wochen und blieb später noch lange bettlägerig zuhause. Als Folge ihrer Kopfverletzungen verlor sie ihren Geruchs- und Geschmackssinn und behielt migräneartige Kopfschmerzen, die sie ihr ganzes weiteres Leben plagten. Ihren Forscherdrang aber verlor sie zeitlebens nicht.

Als sie am Heiligen Abend 1971 zusammen mit ihrer Tochter aus Lima nach Panguana zurückkehren wollte, stürzte die Turboprop-Maschine auf dem Flug nach Pucallpa in einem Gewittersturm über dem Regenwald ab. Mit 90 weiteren Insassen verlor auch Maria Koepcke ihr Leben, sie wurde nur 47 Jahre alt. Einzig ihre Tochter Juliane überlebte den furchtbaren Absturz, und es gelang ihr nach einem zehntägigen Marsch durch den Regenwald, auf Waldarbeiter zu treffen, die sie am 4. Januar 1972 in die Zivilisation zurückbrachten.

Maria Koepcke wurde nach Deutschland überführt und am 21. Januar 1972 in Aufkirchen am Starnberger See bestattet. Hier endete ihr Lebensweg, ein Forscherleben für die Natur, das seine Prägung in Ostpreußen erhielt.

Dank an Frau Dr. Juliane Diller für ihre vor dem Druck zur Verfügung gestellte umfangreiche Würdigung ihrer Mutter, die in Kürze in den „Blättern aus dem Naumann-Museum“ erscheint.


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