25.05.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

New York

Eine einstmals deutsche Stadt an der Frontlinie

Erwachen zu neuer Blüte: Eine Siedlung im Osten der Ukraine erhielt im Zuge der Dekommunisierungskampagne ihren Namen zurück

Bodo Bost
12.02.2022

Die derzeitige Frontlinie in der Ostukraine durchschneidet viele ehemalige mennonitische Siedlungsgebiete. Das bis 1941 deutsch besiedelte New York in der Ukraine erhielt im letzten Jahr seinen mennonitischen „deutschen“ Namen zurück.

Während Russland an der ukrainischen Grenze mehr als hunderttausend Soldaten zusammenzieht, hat die Ukraine einer einst von deutschen Mennoniten gegründeten und besiedelten Stadt direkt an der Frontlinie ihren alten Namen zurückgegeben. Der ukrainische Namensvetter des Big Apple liegt nur wenige Hundert Meter vom neuen Eisernen Vorhang an Europas neuem Kalten Krieg entfernt. Die 10.000 Einwohner des ukrainischen New York schlafen oft unter Kanonendonner oder Gewehrfeuer ein, und gelegentlich erreichen von prorussischen Separatisten abgefeuerte Granaten die Stadt. Sogar einige der alten deutschen Backsteinhäuser, die zwei Weltkriege überstanden haben, wurden zerstört.

Unter Granatenbeschuss

Ab 1789 wanderten Mennoniten auf Einladung von Kaiserin Katharina der Großen von Westpreußen aus in die ukrainische Steppe ein. Ihr aus Holland im 16. Jahrhundert mitgebrachtes Niederdeutsch oder Plattdeutsch nahmen sie mit. In der Ukraine gründeten sie als Mutterkolonie den Ort Chortitza auf einer Dnjepr-Insel. Bald darauf entstand an der Molotschna ein zweiter Siedlungskern. Die Mennoniten trugen dazu bei, die Steppe in ein industrielles Kernland zu verwandeln, die nahe gelegenen Städte Donezk und Lugansk wurden kurz danach von einem Engländer und einem Schotten gegründet. Die Mennoniten waren fleißig und kinderlieb. In wenigen Jahren gründeten sie Hunderte von Tochtersiedlungen, die letzte 1928. In diesen Tochtersiedlungen entstanden Handwerksbetriebe und kleine Fabriken. Die in der Sowjetzeit bekannte Automarke Saporoschetz geht auf eine Mennonitengründung zurück. Weil es in den Gemeinden der Mennoniten keine kirchliche Hierarchie gab, entstanden jedoch bald auch Spaltungen, die dazu führten, dass viele Gemeinden die Region wieder verließen und diese Auswanderer die Grundlagen für die heute großen Mennonitensiedlungen in Nord- und Südamerika legten. Aber auch in der Ukraine ging der Siedlungsdruck weiter, viele Mennoniten zogen weiter nach Osten, bis nach Sibirien und Zentralasien, aber auch in Palästina gründeten sie Tochtersiedlungen.

Ab dem Jahre 1889 entstand 40 Kilometer nördlich von Donezk, zwischen den Städten Gorlowka und Konstjantyniwka, um den Ort New York herum eine Reihe von Mennonitensiedlungen. Zentraler Ort war Kronstadt (Ignjatiewka). Der Name New York wurde wohl als Symbol gewählt, weil Teile der Gründergeneration kurz zuvor in die neue Welt ausgewandert waren. 1941 deportierten die Sowjets gewaltsam zusammen mit den Russlanddeutschen auch die Mennoniten nach Sibirien oder nach Zentralasien, New York wurde nach dem Krieg von Russen und Ukrainern neu besiedelt und umbenannt in Nowgorodskoje (Neue Stadt). In der Nähe wurde eine Chemiefabrik nach dem KGB-Gründer Felix Dserschinskij umbenannt und sowjetisiert.

Seit 1991 gehört der größte Teil der Gebiete der ehemaligen Mennonitensiedlungen zur Ukraine, bis 2014, nach der russischen Annexion der Krim, auch im Osten der Ukraine von Moskau ermunterte Separatisten große Teil der Gebiete der beiden Bezirke Lugansk und Donezk unter ihre Kontrolle brachten und Volksrepubliken errichteten. Seit damals liegt New York wie viele andere einstige Mennonitensiedlungen in der Nähe der Frontlinie des Krieges, der in der Ostukraine tobt. Im Süden der Front bei Mariupol liegt die Front genau zwischen den ehemaligen Mennonitenorten Steinbach (Pyshchevyk) und Waldheim (Verkhnoshyrokivske).

Separatisten besetzten New York

Der Frontabschnitt von New York gehört zu den blutigsten und am härtesten umkämpften im schwelenden Grabenkrieg zwischen Russen und Ukrainern, der unter den einstigen Brudervölkern bereits mehr als 13.000 Menschen das Leben gekostet und Millionen vertrieben hat. Separatisten und das russische Militär besetzten im Jahr 2014 auch New York. Drei Monate später wurde die Stadt nicht von der ukrainischen Armee, sondern von ukrainischen Freiwilligen befreit, die das unterfinanzierte und demoralisierte ukrainische Militär unterstützten. Bis heute blieb der Ort in ukrainischer Hand. Fünf New Yorker wurden bei Kampfhandlungen bislang getötet und 100 Häuser zerstört. In jüngster Zeit wurde New York immer häufiger von Verletzungen der Waffenruhe heimgesucht. Soldaten patrouillieren in den Schützengräben der Stadt und besetzen Kontrollpunkte, die kaum einen Kilometer vom Stadtrand entfernt sind. Die Stadt selbst ist ungeschützt.

Das ukrainische New York war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der am besten entwickelten Siedlungen der Region. Es verfügte über ein Telegrafenamt, eine Bank, eine Buchhandlung, ein Hotel, eine große Maschinenfabrik sowie eine Schule für Jungen und Mädchen. Im Jahr 1917, vor der bolschewistischen Revolution, wurde die Stadt von den zaristischen Behörden für den Bau der ersten Phenolfabrik im Russischen Reich ausgewählt.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geriet das nun ukrainische Nowhorodske, wie auch der Rest des Donbass, in einen industriellen Niedergang und eine Wirtschaftskrise. Seit 2014 hat der Krieg den Ort verwüstet. Um in die nahe gelegene Stadt Horlivka, eine Separatistenhochburg, zu gelangen, müssen die Bewohner einen dreistündigen Umweg über verschiedene Kontrollpunkte und Kontrollen nehmen – eine Fahrt, die vor dem Krieg 15 Minuten gedauert hätte. Ab 2016 kämpfte die Stadt bereits darum, ihren historischen Namen wiederzuerlangen. Als es dann 2021 endlich so weit war, wurde die Stadt zu einem Leuchtturm der Hoffnung, der in den nationalen Medien auf überwältigende Begeisterung stieß. Die Namensrückgabe sollte auch den Einwohnern Hoffnung und eine Perspektive geben, damit junge Menschen einen Grund finden, hier zu bleiben. Auch hoffen die Einwohner, dass es die Separatisten sich jetzt zweimal überlegen, bevor sie die Stadt bombardieren. Sie riskieren Titelseiten wie: „Die Russen bombardieren New York“.

Leuchtturm der Hoffnung

Trotz des Krieges vor ihrer Haustüre, der nun schon seit fast acht Jahren tobt, führen die Menschen vor Ort ein fast normales Leben: Es gibt Schüler, die sich trotz des anhaltenden Konflikts auf ein Schulfest vorbereiten; Fabrikarbeiter, die chemische Produkte herstellen, die in alle Welt exportiert werden; eine lokale Unternehmerin, die sich rühmt, in ihrer neu renovierten und privatisierten Bäckerei New York „die besten Croissants der Region“ herzustellen, während auf der anderen Seite der Front die Einwohner zwar russische Pässe bekommen haben, aber sonst die sowjetische Planwirtschaft zurückgekehrt sei.

In New York ziehen wegen der ständigen Bedrohung alle an einem Strang, um ein besseres Leben zu schaffen. Die junge Schauspielerin Karina Varfolomeieva hat mit ihrer Theatertruppe Aufführungen über den Krieg an renommierten Theatern in der Hauptstadt Kiew aufgeführt, die, wenn sie nicht so traurig wären, auch am Broadway reüssieren könnten. Für sie und ihre Freunde ist der Name „New York“ eine Chance für einen Neuanfang und ein Katalysator für viele künftige kreative Projekte.

Zeuge deutscher Vergangenheit

Die stellvertretende Bürgermeisterin Tetiana Krasko hat zusammen mit ukrainischen und internationalen Partnern unermüdlich am Bau eines Sozialzentrums für ältere Menschen, an der Installation von Solarzellen auf Straßenlaternen und an der Modernisierung der Gebäude der Stadt gearbeitet. Ihr Vorzeigeprojekt ist der Wiederaufbau des „Unger-Hauses“, eines der wenigen Gebäude, die aus der deutschen Zeit in der Stadt übrig geblieben sind. Im April 2021 wurde es als elegantes Kulturzentrum eröffnet – das einzige neu eröffnete Kulturzentrum entlang der umkämpften 400 Kilometer langen Front im Grenzkrieg zwischen Russland und der Ukraine. Die Stadt hat wirklich etwas von ihrem großen Namensvetter auf der anderen Seite des Atlantiks, denn sie ist ein Ort, an dem die Ideen niemals schlafen.

Die 2021 erfolgte Namensrückgabe hatte nicht nur historische Gründe, sie soll auch den Gegnern auf der anderen Seite der Front, die das Ortsschild mit ihren Ferngläsern sehen können, die Botschaft verkünden, dass die großen USA hinter der kleinen Ukraine stünden. Obwohl sonst die seit 2016 infolge einer Dekommunisierung erfolgten Umbenennungen von Ortschaften in der Ukraine in der Hand der Lokalverwaltungen liegt, hatte für die Rückbenennung von New York sogar das ukrainische Parlament fraktionsübergreifend gestimmt. Die Bewohner des Ortes erhoffen sich jetzt, trotz des schwelenden Krieges und der Front, einen neuen Aufschwung in der Region. Es wurde sogar eine Zeitung gegründet mit dem Namen „New Yorker“ nach dem großen Vorbild. Man wolle Kontakte auch zu der Gemeinde Jork in Deutschland und New York in den Vereinigten Staaten knüpfen, sagte der Vorsitzende des Gemeinderats Mykola Lenko gegenüber Reuters.

Kiew stimmte für Namensrückgabe

Größter Arbeitgeber in der Region ist noch immer das ehemalige Chemie-Kombinat Dserschinskij, das jetzt unter anderem Namen zu einem Konglomerat des tatarischen Oligarchen Rinat Achmetow gehört, der zugleich der reichste Mann der Ukraine ist, aber einen Großteil seiner Geschäfte auch mit Russland macht. Kriegsgewinnler wie Achmetow führen den Ukrainern vor Augen, dass im einstigen Sowjetparadies jetzt wieder die Unterschicht mit ihrem Leben für die Gewinne der milliardenschweren Oligarchen bezahlt, die zumeist in London residieren. Von den deutschstämmigen Mennoniten wird wohl niemand bereuen, dass sie jetzt nicht mehr in dieser heutigen Hölle Europas leben, auch wenn diese jetzt wieder ihren einstigen mennonitischen Namen trägt, auf den auch sie einst stolz waren.



Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!