22.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

MultiKulti

Eine Gesellschaft in Auflösung

„Brennpunkt“, „Ghetto“, „Parallelgesellschaft“ – Was sich in unseren Großstädten ausbreitet, macht Wissenschaftlern wachsende Sorgen: Sie sprechen vom Phänomen der „Anomie“

Hermann Müller
12.04.2021

Dänemarks „Socialdemokraterne“ haben vor zwei Jahren bewiesen, dass Sozialdemokraten aus Wahlen noch immer als stärkste Kraft hervorgehen können. Mit klassischer Sozialpolitik und einer strikten Haltung in der Einwanderungspolitik siegte die Partei von Mette Frederiksen im Juni 2019 bei den Wahlen zum dänischen Parlament, dem Folketing. Nun denkt die sozialdemokratisch geführte Regierung über einen Schritt nach, der hierzulande umgehend Rassismusvorwürfe und Rücktrittsforderungen nach sich zöge.

Um nicht integrierte Parallelgesellschaften zu verhindern, soll es nach den Vorstellungen des dänischen Innenministeriums in zehn Jahren in keinem Wohngebiet des Landes mehr als 30 Prozent „Bewohner mit nichtwestlichem Hintergrund“ geben. Ziel ist stattdessen die Schaffung gemischter Wohngebiete.

Zur Begründung führt das Ministerium an: Wenn viele Einwanderer nicht-westlicher Herkunft und ihre Nachfahren in bestimmten Gebieten wohnten, steige dort das Risiko, dass sich religiöse und kulturelle Parallelgesellschaften bilden. Selbstkritisch räumt der sozialdemokratische Innenminister Kaare Dybvad Bek ein: „Wir haben viel zu viele Jahre die Augen vor der Entwicklung verschlossen, die auf dem Weg war, und erst dann gehandelt, als die Integrationsprobleme zu groß geworden sind.“

Die Idee, in Problemvierteln die Zusammensetzung der Bevölkerung gezielt steuern zu wollen, ist nicht neu. Unter anderem von der Volkspartei und den Sozialdemokraten unterstützt, hat schon Frederiksens konservative Vorgängerregierung den Kampf gegen Parallelgesellschaften in Dänemark aufgenommen. Die jetzt amtierende Regierung hält an dem Vorhaben fest und legt beim Ziel sogar noch nach.

Dänemark steuert energisch gegen

Bislang sprach Dänemarks Politik von einem Problemviertel, wenn in einem Stadtviertel mit mehr als 1000 Einwohnern mehr als die Hälfte der Bewohner „nicht-westlichen“ Ursprungs ist. Neben einem hohen Anteil an Immigranten und niedrigen Bildungs- und Einkommensniveaus fließt bislang auch schon eine hohe Kriminalitätsrate als Kriterium mit ein in die Einstufung.

Mit der neuen 30-Prozent-Marke werden laut der Zeitung „Berlingske“ künftig 83 Wohngebiete mit insgesamt 163.000 Einwohnern als „Präventionsgebiete“ ausgewiesen. Zur Einordnung der Zahl: Neben Duisburg-Marxloh und Hamburg-Wilhelmsburg gilt hierzulande vor allem Berlin-Neukölln als Inbegriff für immigrantisch geprägte Parallelgesellschaften. Der Berliner Bezirk zählte 2019 offiziell rund 319.000 Einwohner. Fast die Hälfte davon hat einen Immigrationshintergrund. In einzelnen Teilen und Straßenzügen des Bezirks liegt der Anteil von Bewohnern mit deutschen Wurzeln nur noch im Bereich von zehn bis 20 Prozent.

Bundesweit für Schlagzeilen sorgt der Bezirk seit Jahren immer wieder als Hochburg arabischer Großclans, die weite Teile der organisierten Kriminalität beherrschen: von der Schutzgelderpressung über Drogenhandel, illegales Glücksspiel, Prostitution bis zu Banküberfällen und dem Diebstahl von hochwertiger Kunst. Neuköllns Rütli-Hauptschule wurde vor einigen Jahren deutschlandweit als „Horror-Schule“ bekannt.

Der Volkspark in Neukölln und eine ganze Reihe von U-Bahnhöfen im Bezirk gelten als Brennpunkte der hauptstädtischen Drogenszene. Allgegenwärtig ist auch die Verwahrlosung des öffentlichen Raums: Weil Bewohner alten Hausrat einfach auf Straßen oder Gehwegen entsorgen, muss Berlins Stadtreinigung jedes Jahr im gesamten Stadtgebiet mehr als 30.000 Kubikmeter Sperrmüll im öffentlichen Raum einsammeln. Einen der Schwerpunkte solcher Aktionen bildet Neukölln. Die Corona-Pandemie machte zudem deutlich, dass Teile der Bevölkerung offenbar nicht einmal in Krisen- und Notsituationen bereit sind, sich an Regeln zu halten.

Keine gemeinsamen Regeln mehr

So feierte trotz allgemeiner Kontaktbeschränkungen am 25. September ein Brautpaar aus Neukölln mit 350 Verwandten und Freunden in einem Festsaal ein opulentes Hochzeitsfest: „Man begrüßte sich mit Küsschen. Keiner trug Masken“, so ein Gast der groß aufgezogenen Feier. Resultat war ein sogenanntes Superstreuer-Ereignis, bei dem am Ende 48 Gäste positiv auf Corona getestet wurden. Darunter auch das türkisch-arabische Brautpaar. Hochzeitsfeiern mit mehreren hundert Gästen haben auch andernorts in Deutschland die Inzidenzwerte mit in die Höhe getrieben.

Umgangssprachlich hat sich eingebürgert, bei Zuständen, die Viertel wie Berlin-Neukölln, Hamburg-Wilhelmsburg oder Duisburg-Marxloh berühmt-berüchtigt gemacht haben, von Anarchie zu sprechen. Soziologen sprechen korrekterweise von Anomie.

Der Begriff steht für einen gesellschaftlichen Zustand, bei dem soziale Normen und Regeln nur noch schwach gelten oder fehlen und sich die kollektive Ordnung auflöst. Geprägt hat den Anomie-Begriff der Ethnologe und Soziologe Émile Durkheim. Der Franzose sah als Zeitgenosse der frühen Industrialisierung Anomie insbesondere in Zeiten eines weitreichenden gesellschaftlichen Wandels auftreten, beispielsweise bei wirtschaftlicher Depression.

Als Folgen von Anomie sah Durkheim erhöhte Selbstmordraten und einen Anstieg der Kriminalität. Der Amerikaner Robert K. Merton griff den Anomie-Begriff im vergangenen Jahrhundert auf und verfeinerte ihn. Merton sah Anomie vor allem als Folge einer gesellschaftlichen Diskrepanz. In der Gesellschaft gibt es Ziele, die allgemein als erstrebenswert und legitim gelten, beispielsweise das Streben nach Wohlstand.

Allerdings sah Merton bei bestimmten soziale Schichten Probleme, diese gesellschaftlich akzeptierten Ziele auch zu erreichen. Weil sie nur schwer Zugang zu sozial erlaubten Mitteln haben, oder aber, weil ihnen unklar ist, welche Mittel zur Zielerlangung legitim sind.

Eine sehr pessimistische Diagnose gab vor wenigen Jahren der norwegische Soziologe Johan Galtung ab. Er sah viele, wenn nicht sogar die meisten menschlichen Gesellschaften am Ende des 20. Jahrhunderts bereits in einem Zustand einer weit fortgeschrittenen sozialen Desintegration: auf dem Weg zum Verlust sozialer Strukturen und zur Kulturlosigkeit.



Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

Hubert Albrecht am 18.04.21, 09:48 Uhr

An all jene die denken das sich die Probleme mit der Zuwanderung und Parallelgesellschaften auswachsen, weil wir ja jetzt so zivilisiert sind:

Schaut euch den Libanon an. Das war die Schweiz des Orients...nicht vor 500 Jahren, nein, noch vor 30/40 Jahren war dies eine funktionierende, offene Gesellschaft. Was war geschehen? Sie (Christen)halfen muslim. Flüchtlingen...

Übrigens: Das war in der Türkei ähnlich, nur schon länger her. Resultat, heute gibts dort nur noch 0,2 % Christen.

Lernaufgabe verstanden?

sitra achra am 13.04.21, 12:00 Uhr

Noch macht es nicht den Eindruck von Philadelphia oder Chicago Nord. Aber die Tendenz ist absehbar.

Ralf Pöhling am 12.04.21, 18:39 Uhr

Deutschlands Bevölkerung ist nach Jahrzehnten der Besatzung, und damit der zwangsweisen Unterordnung in die Abhängigkeit von Dritten, dekadent und degeneriert geworden. Deshalb führt die eigentlich angedachte "offene Gesellschaft" nach Poppers Vorstellungen auch nicht zu einer freiheitlichen Gesellschaft, in der jeder seinen Weg selbstverantwortlich in individueller Freiheit bestreitet, sondern nur zum abdriften in Anarchie, Chaos, Tribalismus und Parallelgesellschaften. Und genau genommen sieht man dieses Phänomen nicht nur in Deutschland, sondern eigentlich überall dort, wo nach Fremdherrschaft und Unterdrückung plötzlich und ohne Vorbereitung die bestehenden Machtstrukturen einfach weggeschlagen werden. Unselbstständige Menschen werden nicht dadurch selbstständig, indem man ihnen ihre Führung wegnimmt. Man muss sie lehren, wie das Leben in Freiheit funktioniert und ihnen dann die Macht übertragen. Unterlässt man dies, verfällt die Gesellschaft zuerst ins Chaos und daraufhin wählen die ehemals unterdrückten Menschen sofort wieder die Diktatur als gewünschtes Staatsmodell, um dem Chaos Herr zu werden. Ein zu erwartender Backlash in den Totalitarismus. Wie 1848. Leider hat man in Deutschland bis heute nichts daraus gelernt. Die Schweizer haben es von vornherein anders gemacht und dem Volk von Anfang an die Macht über ihr eigenes Leben übertragen. Weshalb die Schweiz auch bis heute die für Deutschland typischen Pendelbewegungen zwischen Demokratie und Diktatur niemals erlebt hat.

Jan Kerzel am 12.04.21, 16:10 Uhr

Ich glaube nicht, dass sich eine Gesellschaft wegen solcher sozialer Brennpunkte gleich auflöst. Man sollte dies eher als interessante Entwicklung zur Kenntnis nehmen, auf die angemessene Antworten fehlen. Man darf nicht übersehen, dass z.B. Berlin das Bunte schaetzt, es ist gewollt und beachtlich gefördert. Da braucht man keine Sorge etc. von auszen hineintragen, das erst naemlich würde die Gesellschaft und ihre Einheit wirklich stören. Wichtig ist es also , das richtige Verstaendnis zu haben. Die Frage ist auch, nach welchem Vorbild oder Ziel überhaupt veraendernd gewirkt werden soll. Darüber besteht ja kein Konsens, sofern es überhaupt als Problem gesehen wird. Das daenische Programm waere z.B. nicht durchführbar, also ist das schon mal erledigt. Den Dingen ihren Lauf zu lassen, erscheint mir die beste und praktikabelste Lösung zu sein, das wird schon was Feines, man braucht halt Geduld. Ich würde mich daran keine Sekunde politisch abarbeiten wollen. Empathie bedeutet naemlich auch, dass man sich mit anderen, z.B. RRG, mitfreut, auch wenn man selbst die Sachlage anders bewertet.

Michel Henrix am 12.04.21, 09:50 Uhr

Bleibt noch anzumerken, daß die Dänen trotz oder gerade wegen dieser "rechten" Maßnahmen ihrer linken Regierung zu den glücklichsten Gesellschaften weltweit zählen. Ein vorbildliches Land mit recht hohen Steuern, die von den wirklichen "Volksvertretern" tatsächlich für das Gemeinwohl eingesetzt werden.
z.B. Öffnungsstrategie statt Dauerlockdown ; Grundrente ; kostenfreie medizinische Versorgung ; ...

Michael Holz am 12.04.21, 09:16 Uhr

Für das neu erschaffene Wort für das Phänomen "Anomie" gibt es schon länger einen älteren Begriff. Viele große Reiche sind von innen zersetzt worden und bekamen von außen den Todesstoß. Das nennt man Dekadenz, heute "Wohlstandsverwahrlosung". Der Untergang des antiken Römischen Reichs ist in der Geschichte ein gutes Beispiel. Aber wer kennt sich heute noch aus in Geschichte? Viel wichtiger ist es doch zu wissen, wer gerade in Kultur und Politik den Ton angibt und wo die nächste Fete abfährt. Und für das Wort "Anomie" gibt es ein viel besser passendes: Shithol!

89 erlebt Schlömmer am 12.04.21, 06:41 Uhr

Bei der Zerstörung der Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens sind die hier im Land schön länger agierenden Regierungen besonders aktiv. Von A wie Asyl , I wie Innerer Sicherheit, über E wie Energiewende, S wie Schuldenunion bis hin zu Z wie ZuWanderung. Dieses Land ist nach 16 Jahren Merkel derartig verändert, dass ein Weg zurück kaum mehr gangbar scheint.

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!