27.09.2021

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Alfred de Zayas / Konrad Badenheuer: „80 Thesen zur Vertreibung. Aufarbeiten statt verdrängen“, Verlag Inspiration Un Limited, London/Berlin 2019, gebunden, 216 Seiten, 14,90 Euro
Alfred de Zayas / Konrad Badenheuer: „80 Thesen zur Vertreibung. Aufarbeiten statt verdrängen“, Verlag Inspiration Un Limited, London/Berlin 2019, gebunden, 216 Seiten, 14,90 Euro

80 Thesen zur Vertreibung

„Eine Hypothek für die Zukunft“

Der Völkerrechtler Alfred de Zayas und der Publizist Konrad Badenheuer beleuchten das Thema Vertreibung neu

Wolfgang Kaufmann
29.07.2021

Zwischen 1944 und 1948 wurden 13 bis 14 Millionen Deutsche aus ihrer angestammten Heimat vertrieben oder mussten diese fluchtartig verlassen. Dabei kamen vermutlich zwei Millionen Betroffene ums Leben – entweder sofort oder aufgrund der Spätfolgen. Diese unbestreitbare historische Tatsache ist in der Bundesrepublik mittlerweile fast schon in den Rang eines Tabuthemas aufgestiegen. Insofern sind Veröffentlichungen wie „80 Thesen zur Vertreibung. Aufarbeiten statt Verdrängen“ ein gutes Mittel, um diesem verhängnisvollen Trend entgegenzuwirken. Als Verfasser der verdienstvollen Studie fungierten der renommierte US-amerikanische Völkerrechtler und Historiker Alfred de Zayas, der auch im UN-Menschenrechtsrat beziehungsweise der UN-Menschenrechtskommission mitwirkte, sowie der deutsche Publizist Konrad Badenheuer.

Alfred de Zayas legte bereits 1986 22 Thesen zur Vertreibung vor und ergänzte diese 2008 um weitere 28. Seine nunmehr 80 Thesen untergliedern sich folgendermaßen: 28 stecken den Rahmen der historischen Fakten ab, 36 nehmen auf völkerrechtliche Normen Bezug und 16 enthalten weitergehende Schlussfolgerungen – auch und gerade für die Gegenwart.

Besonders hervorzuheben sind dabei folgende Thesen: Die Nummer 4 besagt, dass die deutsche Ostsiedlung zumeist ein friedlicher Prozess gewesen sei und sich oft im Konsens mit lokalen Herrschern oder sogar auf deren Initiative hin vollzogen habe, mithin also kaum als Eroberung angesehen werden könne. Der Nummer 13 folgend, sind „Flucht, Verschleppung und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges ... die weltweit größte demographische Umwälzung des zwanzigsten Jahrhunderts und eine der größten der Geschichte“. Die Nummer 15 bezeichnet den Zweiten Weltkrieg als Anlass, aber keineswegs auch als Ursache der Vertreibungen. Die Nummer 23 enthält in ihrem Kern die Aussage, dass die Vertreibung „nicht ... gemäß den Potsdamer Vereinbarungen stattfand.“ Die Nummer 29: „Heimatrecht ist Menschenrecht.“ Die Nummer 35 konstatiert, dass „Vertreibungen, wie sie 1944 bis 1948 an den Deutschen verübt wurden, ... bereits nach dem damals gültigen Völkerrecht illegal und verbrecherisch“ gewesen seien. Die Nummer 43: „Vertreibung und Verschleppung können auch den Tatbestand des Völkermordes erfüllen.“ Die Nummern 49, 51 und 52, besagen, dass „das Völkerrecht ... gleichermaßen für alle Menschen und Staaten“ gelte und die Opfer von Vertreibungen ein grundsätzliches Anrecht auf Wiedergutmachung, Rückkehr und Eigentumsrückgabe hätten. Die Nummer 53 sieht „die anhaltende Verharmlosung der Vertreibung der Deutschen durch Politiker, Medien und Geschichtsklitterer“ als „eine zusätzliche Verletzung der Menschenwürde“, die ihre Opfer geißelt. Die Nummer 64 enthält die Aussage, dass es keine „milde“ Form der Vertreibung geben könne, denn „der erzwungene Verlust der Heimat ist nie human“, sondern das Ergebnis der Anwendung von „Terror“. Die Nummer 65: Die unbewältigte Vertreibung bleibe „eine Hypothek für die Zukunft“ der Europäischen Union. Die Nummer 70: „Es gibt keine Kollektivschuld.“ Die Nummern 76 und 78: „Viele Spätfolgen der Vertreibung der Deutschen müssen noch erforscht werden“, und zwar sowohl interdisziplinärer als auch weit intensiver als bisher. Und zu guter Letzt die Nummern 79 und 80: „Es gilt, Vertreibungen überzeugend zu ächten und damit künftige ‚ethnische Säuberungen' zu verhindern,“ wozu vor allem die Vereinten Nationen und die EU beitragen sollten – genauso wie übrigens auch zur Durchsetzung des Rechtes „aller Opfer von Vertreibungen ... auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung.“

Wissenschaftliches Neuland

Im zweiten Teil des Buches „Zu Geschichte und Gegenwart der deutschen Vertriebenen“ finden sich dann vier Aufsätze von Badenheuer. Der erste berichtet über die vermutlich etwa 410.000 Ost- und Sudetendeutschen, welche außerhalb ihrer Heimat an den Spätfolgen der Vertreibung gestorben sind – damit betritt Badenheuer übrigens wissenschaftliches Neuland. Der zweite Aufsatz handelt davon, wie die Vertriebenen in der deutschen Geschichtspolitik sukzessive und erschreckend „lautlos abgewickelt“ wurden. Im dritten Aufsatz wiederum zieht Badenheuer eine kritische Bilanz von 70 Jahren Heimatpolitik der Vertriebenen. Dem folgt die vierte und letzte Ausarbeitung, in der es um die zumeist kaum bekannten Wiedergutmachungsbemühungen Ungarns, Estlands und Serbiens geht.

Der Dritte Teil des Buches enthält historische und neuzeitliche Dokumente zum Thema Vertreibung. Darunter auch das aufschlussreiche Telegramm des britischen Diplomaten Geoffrey Harrison an John Troutbeck, seines Zeichens Leiter der Deutschlandabteilung im Londoner Außenministerium, vom 1. August 1945. Aus der Depesche geht zum einen hervor, dass die Westalliierten keinerlei Maßnahmen planten, um sicherzustellen, dass die Vertreibungen tatsächlich in der von ihnen auf dem Papier geforderten „ordnungsgemäßen und menschlichen Weise“ erfolgten. Zum anderen ist in dem Telegramm auch nirgendwo von Vertreibungen zum Zwecke der Vergeltung für das Vorgehen der Nationalsozialisten die Rede. Vielmehr, so Harrison, würden es die Polen und Tschechen als „Erfüllung einer historischen Mission ansehen“, wenn sie ihre Länder nun deutschenfrei machten. Dazu passen spätere Äußerungen, wie die des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Benesch, mit der Vertreibung der Sudetendeutschen seien „die Fehler eines Jahrtausends“ korrigiert worden.

• Prof. Dr. Dr. Alfred Maurice de Zayas hat im Jahre 2002 den Ostpreußischen Kulturpreis der Rubrik Wissenschaft von der Landsmannschaft Ostpreußen verliehen bekommen.
Konrad Badenheuer war von 2008 bis 2011 Chefredakteur der Preußischen Allgemeinen Zeitung und ist geschäftsführender Gesellschafter des Verlags Inspiration Un Limited.
Internet: www.viul.de/home.html



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