20.05.2024

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„Eine neue Form von Menschenhandel“

Über das globale Milliardengeschäft der Leihmutterschaft, in dem Anbieter damit werben, Kinderlosen einen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen – wobei das Leiden der betroffenen Frauen und Kinder jedoch systematisch ausgeblendet wird

Im Gespräch mit Birgit Kelle
14.04.2024

Die Sache mag auf den ersten Blick harmlos klingen. Schließlich soll mit einer Leihmutterschaft jenen Menschen geholfen werden, die auf natürliche Weise keine Kinder bekommen können. Dennoch ist das Austragenlassen von Embryonen durch fremde Frauen in Deutschland verboten. Zumindest bislang. Denn die Ampelregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen, die Legalisierung der „nicht-kommerziellen Leihmutterschaft“ zu überprüfen. Erste Vorschläge dazu werden in Kürze erwartet. Die Publizistin Birgit Kelle sieht das Thema seit Langem kritisch. Für ihr neues Buch hat sie sich intensiv damit befasst – und stieß dabei auf viele menschliche Abgründe.

Frau Kelle, was stört Sie grundsätzlich an der Leihmutterschaft, sodass Sie sich nun damit vertieft auseinandergesetzt haben?
Zunächst einmal die Tatsache, dass hier Kinder – also Menschen – wie eine Ware bestellt werden können, ohne dass darüber debattiert wird. Wenn das Thema überhaupt Erwähnung findet, dann ist der Fokus zumeist darauf gerichtet, dass Frauen und Männern, die sich sehnlichst ein Baby wünschen, eine Freude bereitet wird. Dass dies jedoch eine neue Form von Menschenhandel ist, spielt keine Rolle. Ebenso wird ausgeblendet, dass die Sache für die beteiligten Personen gesundheitlich alles andere als harmlos ist.

Was genau ist unter Leihmutterschaft zu verstehen?
Leihmutterschaft bedeutet, dass eine Frau ein fremdes Kind austrägt, um es nach der Geburt anderen Personen zu überlassen. Die Konstellationen können sehr verschieden sein. So kann zum Beispiel eine Frau, die selbst noch empfängnisfähige Eizellen hat, aber selbst keine Kinder austragen kann, ihre Eizellen entnehmen und in einem Labor mit einem Samen ein Kind zeugen lassen, das dann einer anderen Frau eingesetzt wird. Es kann auch sein, dass ein Mann noch zeugungsfähig ist, die Eier seiner Partnerin jedoch für eine Schwangerschaft ungeeignet sind. Zu den Kunden gehören ebenso alleinstehende Männer und Frauen, homosexuelle Paare, aber leider auch Verbrecher. In der modernen Reproduktionsindustrie können alle Wünsche erfüllt werden.

Sie beschreiben Leihmutterschaften vor allem als knallhartes Geschäftsmodell. Wer sind die Akteure dabei?
Es ist in den letzten Jahren ein globales Netzwerk an Agenturen entstanden, die zwischen Kunden, Leihmüttern, Spenderinnen von Eizellen, beteiligten Laboren und Kliniken vermitteln. Seriöse Wirtschaftsinstitute schätzen das Marktvolumen auf derzeit 14 Milliarden US-Dollar. In zehn Jahren, schätzt man, wird es bei 130 Milliarden liegen. Wir reden derzeit allein in den USA von über 10.000 Kindern und in der Ukraine von 3000 Kindern jährlich.

Die Kosten für das Geschäft variieren je nach Land enorm. In den USA ist eine Leihmutterschaft nicht unter 100.000 US-Dollar zu bekommen. Deutlich billiger ist Europa, trotz des Krieges vor allem die Ukraine. Diese ist auf europäischem Boden das Eldorado der Leihmutterschaft, weil die Gesetzgebung entsprechend freundlich gestaltet ist. Ein Kind gibt es dort schon für rund 50.000 Euro. Ähnlich sieht es in Georgien und Zypern aus. Dort hat mir eine Agentur sogar ein Angebot für 36.000 Euro gemacht.

Wer die Kunden im Einzelnen sind, wird nirgendwo erfasst. Wir wissen jedoch durch entsprechende Gerichtsverfahren, dass auch Pädophile dieses Angebot nutzen. Wobei gerade hier niemand weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist. Das Problem ist, dass Leihmutterschaft auf einer privatrechtlichen Ebene stattfindet.

Wie viel von den genannten Beträgen erhalten die Frauen, die ja die Hauptlast tragen?
Das hängt davon ab, wo die Schwangerschaft durchgeführt wird. In den USA, wo es noch die besten Konditionen für Leihmütter gibt, kann eine Frau durchaus 20.000 bis 25.000 Dollar erhalten. Davon können Leihmütter in anderen Teilen der Welt nur träumen. In Georgien, Zypern oder in der Ukraine bekommen sie meist nicht mehr als 10.000 Euro, manche Schätzungen gehen sogar von nur 5000 bis 6000 Euro aus. Die Agenturen re­krutieren gezielt Leihmütter in prekären Lebenslagen. Wo eine Frau mit normaler Arbeit nur 200 oder 300 Euro im Monat verdient, sind 10.000 Euro für das Austragen eines Kindes ein äußerst verlockendes Angebot.

Der größte Teil des von den Kunden gezahlten Geldes landet bei den Agenturen und den mit ihnen arbeitenden Kliniken. Sie streichen rund 70 Prozent ein, wie ein Fall in Griechenland zeigt, wo Behörden im Sommer 2023 einen Menschenhändler-Leihmutterschafts-Ring ausheben konnten und 30 schwangere Frauen aus Bulgarien, Kasachstan und Georgien in angemieteten Wohnungen fanden, die dort auf ihre Geburt warteten.

Wie steht es um die gesundheitlichen Risiken für die austragenden Frauen?
Die Gefahr etwa der Schwangerschaftsvergiftung verdoppelt sich sofort. Komplikationen, Fehlgeburten und Frühgeburten sind an der Tagesordnung. Denn eine Frau muss, damit man ihr einen Embryo einsetzen kann, hormonell überstimuliert werden, um ihrem Körper vorzutäuschen, schwanger zu sein. Sonst würde sie den Embryo sofort wieder verlieren. Auch während der Schwangerschaft muss sie Medikamente nehmen, damit ihr Körper das Kind nicht abstößt. Deshalb liegt die Erfolgsrate bei künstlicher Befruchtung generell nur bei rund 23 Prozent pro Versuch. Kommt es zu Fehlgeburten, sind weitere Anläufe erforderlich, die jedes Mal mit neuen Hormonbehandlungen verbunden sind.

Das alles ist hochgradig belastend für die weiblichen Körper und verursacht auch Langzeitschäden, Bluthochdruck, Gefäßkrankheiten. Hinzu kommen die psychischen Folgen. Die Leihmütter müssen damit klarkommen, dass sie neun Monate ein Kind in sich tragen, das sie anschließend weggeben sollen. Es gibt viele Frauen, die das nicht verkraften. Sie sind aber vertraglich verpflichtet, ihr Kind herzugeben, dürfen nicht abbrechen und werden sonst juristisch belangt

Neben den Müttern am meisten betroffen sind die bestellten Kinder. Ist bekannt, ob deren Leben anders verläuft als das von natürlich gezeugten Kindern?
Hierzu gibt es bislang wenig Erkenntnisse, weil niemand statistische Daten erfasst. Viele betroffene Kinder wissen nicht einmal, dass sie von einer Leihmutter ausgetragen wurden.

Ich kenne zwei Personen, die sich gegen Leihmutterschaft engagieren aufgrund der Erfahrungen, die sie selbst machen mussten. Sie hatten sehr lange mit psychischen Problemen zu kämpfen, für die sie keine Erklärung hatten. Bis die Wahrheit ans Licht kam.

Mehr empirisch belegbare Erkenntnisse gibt es über das Leid der Kinder anonymer Samenspender, das lässt sich wahrscheinlich analog auf die „Eispender-Kinder“ und „Bauch-Kinder“ anwenden. Sie suchen oft jahrzehntelang nach Verwandten und Geschwistern.

Wir erleben also einen gesellschaftlichen Großversuch mit ungewissem Ausgang?
Absolut! Es ist ein Experiment am offenen Herzen unserer Gesellschaft. Niemand will wissen, welche psychischen Auswirkungen es für ein Kind hat, wenn es im Bauch einer Mutter groß wird, die es ablehnt. Wir geben diesem Kind ein Trennungstrauma zur Geburt mit, meist kommen die Kinder direkt aus dem Kreissaal in fremde Hände. Niemand erfasst, welche Schäden die Frauen und Kinder dabei davontragen.

Wo bleiben bei all dem die Frauenrechtler, die Kinderrechtler und sonstige Verfechter von Menschenrechten, die sonst stets laut zu vernehmen sind?
In der feministischen Szene gibt es durchaus zwei unterschiedliche Lager dazu. Die einen sagen, wenn eine Frau sich freiwillig darauf einlasse, sei das ein normaler Job. Das ist etwa die gleiche Fraktion, die Prostitution als Sexarbeit interpretiert. Das andere Lager spricht sehr klar von Ausbeutung der Frauen, nur dass hier eben kein Sex, sondern Fruchtbarkeit gekauft werde.

Aber generell – da haben Sie mit Ihrer Frage recht – fällt auf, dass die sonst so lauten Verfechter von Menschenrechten bei Leihmutterschaft sehr still sind. Im Ergebnis wird die Debatte vor allem unter dem Aspekt der Gleichberechtigung und Antidiskriminierung für jene geführt, die auf herkömmliche Weise kein Kind bekommen können.

Wohingegen Sie am Ende Ihres Buches schreiben: „Es gibt kein Recht auf ein Kind.“
Richtig. Das ist in der Tat ein wichtiger Aspekt. Aber auch viel grundsätzlicher muss geklärt werden, ob alles, was medizinisch machbar ist, auch gemacht werden darf. Wir müssen die Fakten akzeptieren, dass wir weder unser Geschlecht noch unsere Hautfarbe aussuchen können. Und wir müssen eben akzeptieren, dass Kinder keine Sachen sind, auf die man einen Anspruch hat, der von Gesellschaft, Gesetzgebern und Medizinern ermöglicht werden muss.

Unsere Gesellschaft ist längst an einem Punkt, wo es scheint, dass alles, was technisch machbar ist, auch erlaubt ist. Doch damit bewegen wir uns in Richtung von Frankensteins Labor, wo unaufhaltsam an der Schaffung eines neuen Menschen – inzwischen sogar in künstlichen Gebärmüttern – gebastelt wird.

Was halten Sie von dem Ansatz, durch eine (Teil-)Legalisierung von Leihmutterschaften und die Abwicklung über das öffentliche Gesundheitswesen die kriminellen Begleitumstände zu beheben?
Das ist eine interessante Frage für jeden Sklavenmarkt. Menschenhandel wird aber nicht freundlicher, wenn er auf der Basis schöner Verträge erfolgt. Bei Leihmutterschaft würde auch weiterhin ein Kind wie eine Ware produziert und an die Kunden ausgeliefert werden.

Hinzu kommt, dass eine Legalisierung wie ein Steigbügelhalter für das illegale Geschäft wirken würde. In Großbritannien sind seit über dreißig Jahren „altruistische“ Leihmutterschaften erlaubt, bei denen die Schwangere angeblich kein Honorar bekommt, jedoch eine „Aufwandsentschädigung“, die bis zu 25.000 britische Pfund betragen darf. Es fließt immer Geld, und es siedeln sich drumherum dubiose Agenturen an, die den Kunden abseits des „altruistischen“ Bereichs kommerzielle Hilfe anbieten. Sie nutzen also das legale Umfeld, um Dinge anbieten zu können, die eigentlich verboten sind.

„Verboten“ ist ein gutes Stichwort. Obwohl Leihmutterschaft in vielen Ländern illegal ist, findet sie statt. Kann man sie überhaupt verhindern – oder müssen wir damit leben, dass es sie gibt?
Man kann in einer globalen Welt so etwas nicht national regeln, man muss es global ächten wie beim Organhandel. Und es ist auch nicht einzusehen, warum sich die Welt darauf verständigen kann, dass Nieren nicht verkauft werden dürfen, aber der Erwerb eines ganzen Kindes erlaubt sein soll.

Es gibt aber durchaus auch nationale Möglichkeiten, den Handel mit Kindern einzudämmen. Italien hat Leihmutterschaften nicht nur im eigenen Land verboten, sondern für Italiener auch im Ausland, um den Fertilitäts-Tourismus einzudämmen. Damit können diese nicht mehr ins Ausland gehen, um dort ein Kind zu erwerben, und dafür hinterher in Italien die Elternschaft anmelden.

Was jedes Land auch tun kann, ist ein Verbot der Baby-Messen. Es kann nicht sein, dass Leihmutterschaft und auch ihre Vermittlung in Deutschland angeblich illegal sind, aber gleichzeitig auf Messen in Köln oder in Berlin dafür geworben werden darf. Dort finden regelrechte Verkaufsgespräche zwischen Agenturen und interessierten Kunden statt. Auch die Kliniken sind da und sogar ehemalige Kunden – wie ein schwuler Mann, der mir erzählte, wie gut alles geklappt hat mit der Agentur auf Zypern.

Ich bin mir sicher, wenn es eine Steuermesse gäbe, bei der Agenturen erklären würden, wie man den Staat um seine Einnahmen bringen kann, würden die Behörden ganz anders reagieren. Doch wenn es um Kinder geht, ist die Neigung zum Wegsehen immer groß.

Das Gespräch führte René Nehring.


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