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Ilse Molzahn: "Der schwarze Storch", herausgegeben von Thomas Ehrsam, Wallstein Verlag, Göttingen 2022, gebunden, 376 Seiten, 28 Euro
Ilse Molzahn: "Der schwarze Storch", herausgegeben von Thomas Ehrsam, Wallstein Verlag, Göttingen 2022, gebunden, 376 Seiten, 28 Euro

Literatur

Eine Sandwüste und die magere Herrlichkeit der östlichen Freiheit

Zur Wiederentdeckung von Ilse Molzahn und ihrem Roman „Der schwarze Storch“

Wulf D. Wagner
24.09.2022

Die Wiederentdeckung der Schriftstellerin Ilse Molzahn und ihres 1936 erschienen Romans „Der schwarze Storch“ ist zugleich eine Wiederentdeckung der „Welt des Ostens“ – und damit eines ganz besonderen Verständnisses „der Freiheit“. Der Roman ruft neben seinen stark autobiographischen Zügen eine Welt hervor, die heute kaum noch verstanden wird.

Dabei ist die Geschichte – so scheint es – leicht erzählt: Ein Mädchen von sechs Jahren wächst um 1900 auf einem Gut in der Provinz Posen auf, zwischen Küchenpersonal, Kutscher, Inspektor, Gänsemagd und den Freunden des Vaters, dem Arzt, Regimentskameraden. Die Klischees poltern – so scheint es – nur so daher: Sei es die Peitsche des Inspektors, die faulen „Polacken“ (nur einmal so bezeichnet!), die Ärmlichkeit der für ein paar Pfennige Mäuse tot-schlagenden Leutekinder oder das uneheliche Kind des Hausmädchens Helene und ihr Tod. Alles auf dem Gutshof beobachtet das Mädchen Katharina, und da ihr vom Storch gebrachtes Schwesterlein noch winzig ist, erlebte sie die Erwachsenenwelt ohne andere Kinder immer wieder in ihrer kindlichen Fantasie und mit vielen unbeantworteten Fragen.

Glaubt man dem Klappentext dieses schön gestalteten Buches des Wallstein-Verlages so war es eine „kinderfeindliche Welt“ mit „Rohheit, Missbrauch, Gewalt“. Allein der Leser sollte diese Einordnung, hinter der mehr ein auf Spannung und soziale Probleme setzender Werbetext steht, vergessen. Denn die mittlerweile wahrzunehmende Kenntnislosigkeit über den deutschen Osten – hier auch den polnischen Westen –, die Ferne zur Landwirtschaft, zum Arbeits- und zum Zusammenleben von Deutschen und Polen in und mit der Natur verdeckt das Verständnis für die Weite und Freiheit und vor allem die bis an die Einsamkeit grenzende Freiheit und Individualität der hier in ihren Raum, ihre Zeit und ihre Landschaft eingebundenen Menschen.

Eine vergessene Erzählerin aus einer vergessenen Welt

Die fragende, beobachtende sowie immer wieder eigen und immer selbstbewusster in Haus und Küche, Hof und Feld, zwischen den Erwachsenen aufwachsende Katharina erschafft sich ihre Welt. In Ilse Molzahns bilderreicher, auch poetischer Sprache verbindet sich diese Welt mit den eigentümlichsten Personen, mit Naturerscheinungen, Wind und Schnee, Sonne und Hagel, den Alltäglichkeiten des Gutslebens, aber auch nächtlichen Gesprächen bei Schnaps oder der Johannisnacht.

Ilse Molzahn (1895–1981) war „groß, schön, indianisch, mit großen Ringen in den Ohren und bunten Stoffen umwickelt“. Oder sie saß im Breslauer „Café Fahrig in modisch kurzen Kleidern und Russenstiefeln [...], eine elegante, auffallende Erscheinung in diesem östlichen Paris“. Ihr Vater – so auch der Vater Katharinas im Buch – war aus der Enge des Westens „in die Weite des Ostens, in die Provinz Posen, die ihm billiges Land und Freiheit versprach“, gezogen, und so wuchs Ilse (geborene Schwollmann) auf dem Gut Kowalewo, auf magerem Sandboden auf. Ilse, die wie Katharina im Roman, eine enge Bindung an den Vater hatte, schrieb: „Zum ersten Male in seinem Leben hatte er dort oben im Osten [...] die Freiheit gekostet, und das Gefühl Herr zu sein.“

Die Freiheit des Ostens und ein besonderer Frauentyp

Diese Verbindung von Osten und Freiheit erscheint heute fremd, umso verdienstvoller ist, dass der Herausgeber des Buches, Thomas Ehrsam, für sein ausführliches Nachwort Teile des noch ungeordneten Nachlasses der Schriftstellerin verwendet und mit vielen Zitaten das oft verengte Bild, das vom Osten und den 1930er Jahren gezeichnet wird, geradezu aufreißt in die Vielfalt des wirklichen Lebens.

Eine moderne Frau war Ilse Molzahn. Ihr Leben pendelte inmitten moderner Literaten und Künstler, wie ihrem Mann, dem abstrakt-expressionistischen Maler Johannes Molzahn, zwischen Breslau und Berlin. Ilse Molzahn wurde Journalistin, schrieb für verschiedene Zeitungen etwa über Kunstaustellungen oder zum Theater, eckte an, zweifelte immer wieder, doch „Glück [war es], in einer Zeit geboren zu sein, wo die geistig musischen Belange den Vorrang vor allen materiellen besassen“, wie sie selbst es in einem ihrer Vorträge aussprach.

Ihre Ehe aber ist nur freundschaftlich, ihr Mann lebt ganz seiner Kunst, auch für sie ist die Arbeit „das große Ziel des Lebens“. „Der neue Weg, den wir zu gehen haben“, führt Ilse immer wieder in Liebesbeziehungen zu älteren intellektuellen Männern, während ihr Mann, dessen Werk der „Entarteten Kunst“ zugerechnet wurde, sie und die Familie 1938 verlässt, in die USA emigriert. Deutschland zu verlassen, war Ilse Molzahn unmöglich – „was soll ich [in Amerika], die ich an meiner HEIMAT hänge“ – und so schrieb sie in den dreißiger Jahren ihre sehr erfolgreichen Romane. In der Umgebung Ilse Molzahns taucht manch bekannter Name auf, verraten sei hier nur, dass sich der ostpreußische Dichter Ernst Wiechert zu den begeisterten Lesern ihres Romanes „Nymphen“ zählte.

Wer diese Frauengeneration noch kennen lernen durfte, ihre den Wandel der Welt miterlebende und mitgestaltende Dynamik verbunden mit durchaus bodenständigem Ordnungsdenken, ihre selbstbewusste weibliche Eigenständigkeit gepaart mit einem Wissen um die Bedeutung gesellschaftlicher Traditionen, sowie auch ihren neugierigen Drang nach freier Bildung in Fragen der Kunst und Philosophie, der wird auch in Ilse Molzahn ein bewegtes und bewegendes Leben finden. Erschütternd sind die Fotos von einer lebensfrohen, lustigen wie nachdenklichen, schönen Frau zu einer durch den Krieg, den Verlust ihrer beiden Söhne, die Flucht aus Schlesien und das Kriegsende in Berlin tief verwundeten Frau. Doch dann wird sie bei allem Leid und Elend wieder zu jenem Frauentyp ihrer Generation mit einer faszinierenden eigenständigen Kraft und Haltung, die wieder als Journalistin für so unterschiedliche Zeitungen wie „Die Zeit“, „Christ und Welt“ oder die „FAZ“ schrieb – eine Freiheit, die heute fast unmöglich scheint.

Ein Buch voll Rauheit, Einsamkeit und doch weiter Schönheit

In der Figur der Katharina des Romans „Der schwarze Storch“ finden wir viel von Ilse Molzahn selbst. Doch steht das Mädchen überhaupt im Mittelpunkt? Der Roman pendelt zwischen dem Kinderblick und einer Erzählweise, die auch die Erwachsenen zu Wort kommen lässt, und plötzlich, die Geschichte nähert sich fast ihrem Ende, wird der Vater, der bis dahin schießend, schlagend (einmal!) und grummelig nur andeutungsweise beschrieben wurde, aus dem heutigen Klischeebild des Gutsherrn herausgerissen. Mit der freien Rede, die er auf den verwegenen Onkel Mak hält, horcht der Leser auf: Wer ist dieser Vater? Und dann, man hatte ihn doch schon eingeordnet, wird er erstmals beschrieben in seiner ganzen jugendlichen Schönheit.

Und so wendet sich mitten im Roman kurz der Blick: Es ist keine „kinderfeindliche Welt“, sondern es ist die den Vater, den Mann, feindlich umstehende Welt einer pietistischen Ehefrau, reicher und fordernder Schwiegereltern, einer von Wetterunbill – eine damals noch nicht „Klimawandel“ genannte Hitze zerstört erneut die Ernte – und Schulden geprägten Landwirtschaft: „Mein Vater hat Ställe gebaut, die Brennerei eingerichtet. Er hat in den Lehmhütten die Böden dielen lassen. Man riß sie heraus und feuerte damit den Herd. Man verstand es nicht. Nichts, nichts rentierte und belohnte sich!“ Die Flucht dieses Mannes aus dem engen Kreis seiner Umgebung in sein Zimmer und vielleicht in den befreienden Blick auf das lustige wie geheimnisvolle Küchenmädchen Hedwig, sie wird aus Kindersicht angedeutet.

Und in dem Moment, wo der Vater plötzlich als Rätsel im Raum des Romans steht, setzt die Autorin Ilse Molzahn den Erzählfluss aus: Die Tante versucht sich an einem Märchen zur großen Storchenschlacht, sie kann aber nicht erzählen, verliert den Faden, so wie die Romanautorin ihn zu verlieren scheint. Das kleine Mädchen springt der Tante bei, der Erzählfluss kommt stockend, sozusagen noch unterbrochen durch neue Kindheitserfahrungen wie der ersten Hauslehrerin, wieder in Gang – auch durch Onkel Mak.

Hoffnung auf weitere Werke

Hier breche ich ab – genug ist verraten. Aber sicherlich kann das auch alles ganz anders gelesen werden, und so bleibt jedem Leser die eigene Spannung, dieses eben auch mit vielen lieben Menschen und vielen ganz dem deutschen Osten in seiner Rauheit, Einsamkeit und doch weiten Schönheit angefüllten Buches, das eine Wiederentdeckung einer seit über einem halben Jahrhundert vergessenen schlesischen Schriftstellerin ist.

Ilse Molzahn hat noch weitere Romane geschrieben, es ist also zu hoffen, dass sich Herausgeber und Verlag auch hier an die Wiederveröffentlichung wagen. „Der schwarze Storch“ führt uns in schwierigen Zeiten in eine Welt zurück, in der das Leben des Kindes, der Frau und des Mannes zwar auch von Schwere, Enge und Not umstellt waren, aber die wahre Individualität, die großen selbstgestellten Aufgaben und der geistig-kulturelle Reichtum gerade auch kargsten Heimat den Einzelnen seine Freiheit gewinnen ließ. Das zeigt uns das aus dem Fenster in den Schnee schauende kleine Mädchen, das zeigt uns der Vater, das zeigt uns Ilse Molzahn.



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