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Eine schmerzliche Reise zum Lager Tost

Aus der Vergangenheit herausgeholt: Deutsche und Polen erinnern an die Opfer des NKWD-Lagers

Chris W. Wagner
20.05.2022

Tost [Toszek] in Oberschlesien ist Ziel einer privat organisierten Gedenkreise an die Tragödie von 1945. In dieser oberschlesischen Kleinstadt unweit der Industriestadt Gleiwitz [Gliwice] wurde im Mai 1945 vom sowjetischen Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD) ein Gefängnis für deutsche Zivilisten eingerichtet, eines von 28 Internierungslagern in der heutigen Republik Polen. Etwa 5000 Zivilisten wurden in den Gebäuden der vormaligen Landespflegeanstalt für psychisch Kranke in Tost inhaftiert, darunter etwa 1000 Zivilisten aus Nieder- und Oberschlesien und mehr als 3700 Gefangene aus dem Lager Bautzen in der Oberlausitz. Der überwiegende Teil der Lagerinsassen stammte aus Sachsen und Brandenburg. „Allein aus Bautzen gingen drei Eisenbahntransporte nach Tost“, so Hildemar Hentsche aus Rammenau im Kreis Bautzen. Es ist das vierte Mal, dass er nach Tost reist, es sei jedes Mal wie eine Art Katharsis für ihn, sagt er.

Viele Jahre schleppte er ein Erinnerungsballast mit sich, den er in Tost aufzuarbeiten erhofft. „Das NKWD-Lager in Tost wurde Ende November 1945 aufgelöst. Die wenigen noch arbeitsfähigen Häftlinge wurden in sowjetische Arbeitslager deportiert. Viele der schwachen und kranken Entlassenen verstarben noch auf der Straße. Nur wenige konnten von der einheimischen Bevölkerung oder den Toster Ordensschwestern gerettet werden und fanden den Weg nach Hause“, so der 81-Jährige, dessen Onkel Max Rennau aus dem sächsischen Kriepitz das Grauen des Lagers überlebte. „Er hatte das Glück, in seine Heimat zurückzukehren, doch er hat nie darüber gesprochen. Das einzige, was er dazu sagte, war: ‚Wenn nicht mein tiefer Glaube wäre, hätte ich nicht überlebt'“, erinnert sich Hentsche, der für seinen Onkel diesen Teil der Geschichte, der in der DDR ein Tabu war, aus der Vergessenheit herausholen möchte.

Durch eigene Recherche stieß er auf die in Hamburg lebende Sybille Krägel. Die über 80-Jährige ist Tochter eines in Tost zu Tode Gequälten aus dem mittelsächsischen Hainichen. Krägel hat gleich nach der politischen Wende die ersten Reisen nach Tost organisiert. In der Initiativgruppe NKWD-Lager Tost/Oberschlesien scharte sie Menschen um sich, die ihr halfen, Licht in die verdrängte Geschichte zu bringen. Sie erstellte eine Datenbank mit Namen von 4665 Häftlingen, dokumentiert Zeitzeugenberichte, archiviert Originaldokumente aus sowjetischen Archiven und bietet Betroffenen und Hinterbliebenen Auskunft (kraegel@uokg.de).

So auch Hentsche. „Ich habe durch sie erfahren, dass Onkel Max zum Leichenkommando verpflichtet wurde, um die täglich Verstorbenen in einer Kiesgrube zu verscharren, mit Kalk zuzuschütten. Es war ein Trauma für ihn, über das er mit niemandem sprechen durfte. Er trug Bilder in sich, die er mit ins Grab nahm. Das Gelände mit den Massengräbern befindet sich heute in Privatbesitz und ist leider nicht zugänglich“, berichtet Hentsche. Für ihn ist es wichtig, mit Menschen zu sprechen, die ähnliche Schicksale und Erinnerungen aufarbeiten wollen. „Es ist tröstend, dass in Tost Menschen leben, die sich dieser Geschichte annehmen“, sagt er. Gemeint sind Mitglieder des Toster Deutschen Freundschaftskreises (DFK), der von in der Heimat verbliebenen deutschen Oberschlesiern gegründet wurde. Jedes Jahr im November versammeln sich die Toster an der 1998 errichteten Gedenkstätte, die an die Lageropfer erinnert. An diesem Gedenkstein findet auch alle zwei Jahre im Mai die Gedenkveranstaltung der Sachsen und Brandenburger Betroffenen statt.

Gedenkfeier im Juni

„In diesem Jahr wird die Gedenkfeier am 11. Juni stattfinden. Sie ist in eine dreitätige Gedenkreise nach Oberschlesien integriert. Wir wollen an die unmenschlichen Bedingungen, die die Lagerinsassen erleiden mussten, erinnern. Aber wir möchten auch etwas Neues erfahren“, sagt Hentsche. Er zählt auf, dass neben Tost ein Besuch im Dokumentationszentrum für in die Sowjetunion deportierte Oberschlesier in Radzionkau [Radzioków], im Internierungslager Laband [Łabędy] bei Gleiwitz und im Dokumentationszentrum der Deutschen Minderheit in Oppeln auf dem Programm stehen. „Auch dieses Programm hat Sybille Krägel auf die Beine gestellt, und es gibt noch freie Plätze im Bus“, versichert Hentsche.


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