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Ist den Bayern heilig: Lena-Christ-Büste in der Münchener Ruhmeshalle
Foto: paIst den Bayern heilig: Lena-Christ-Büste in der Münchener Ruhmeshalle

Literatur

Eine wichtige „Überflüssige“

Vor 100 Jahren nahm sich die Schriftstellerin Lena Christ das Leben. Ein autobiografischer Roman machte sie bis heute bekannt

Martin Stolzenau
24.06.2020

1985 erlangte die damals 66-jährige Anna Wimschneider mit ihren Lebenserinnerungen einer Bäuerin „Herbstmilch" einen späten Ruhm. Ähnlich verhielt es sich bei einer bayerischen Landsmännin von ihr, die schon 1912 ihr hartes soziales Los in einem autobiografischen Roman festgehalten hatte und einen Bestseller schuf.

In ihren auch heute noch aufgelegten „Erinnerungen einer Überflüssigen" schilderte die damals 31-jährige Lena Christ ihre in der elterlichen Familie und der Ehe erlittenen Misshandlungen. Diese nahmen sie so stark mit, dass sie sich nur acht Jahre später, am 30. Juni 1920, mit einer Dosis Zyankali das Leben nahm.

Die Autorin wurde am 30. Oktober 1881 als Magdalena Pichler im zum Landkreis Ebersberg gehörenden oberbayerischen Glonn geboren. Das unehelich geborene Mädchen ging als billige Arbeitskraft durch die irdische Hölle, überlebte körperliche Misshandlungen, Schwächeanfälle sowie Krankheiten und plante zahllose Fluchtversuche. Als sie 19-jährig heiratete, hoffte sie auf eine Erlösung von ihrer Pein bei der rücksichtslosen Mutter. Aber sie geriet vom Regen in die Traufe. Der Mann entpuppte sich als Säufer, der seine Frau als Gebärmaschine ansah. Binnen Kurzem gebar sie sechs Kinder. Die junge Frau flüchtete, überstand weitere Turbulenzen und traf 1911 auf den Schriftsteller Peter Benedix, der ein Verfasser von Lyrik, Prosa und Theaterstücken war.

Benedix erkannte ihr Erzähltalent und ermutigte die Freundin zur Niederschrift ihrer Erlebnisse. Der Erfolg ihres unter dem Pseudonym Lena Christ veröffentlichten Romanerstlings sollte sie für alles zuvor erlittene Leid entschädigen. Ihr in Schilderungen des ländlichen Lebens sowie des Münchner Kleinbürgertums eingebettetes Schicksal erreichte durch dialektgefärbte Dialoge eine bis dahin nicht erreichte ungewöhnliche Natürlichkeit.

Benedix und Christ heirateten. Alles schien gut. Nach dem Debüterfolg erschienen mit „Matthias Bichler", womit sie ihrem Großvater ein literarisches Denkmal setzte, und der „Rumplhanni" weitere Erfolgsgeschichten von ihr und sie übertraf in der Bekanntheit sogar ihren Mann. Bald kriselte die Ehe, und Christ wurde von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Sie versah unbedeutende Bilder von Benedix mit großen Namen. Die Fälschungen flogen auf. Die kurzzeitige Erfolgsautorin gedieh nun zum Spielball der Presse. Geldnot, Gesundheitsprobleme und die drohende Gefängnisstrafe bewogen sie schließlich dazu, Gift zu nehmen. So starb sie vor 100 Jahren im Alter von nur 38 Jahren.



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