27.09.2022

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Walter von Sanden-Guja

Einfühlsam und interessant vermittelte der Ostpreuße seinen Lesern die Natur

Selbst die kleinsten Lebewesen und Gegebenheiten in der Natur schilderte er so, dass sie in Büchern, Aufsätzen und Gedichten ein breites Publikum ansprechen. Das war die große Kunst des vor einem halben Jahrhundert verstorbenen Naturschriftstellers

Christoph Hinkelmann
07.02.2022

In Marienwalde, einem landwirtschaftlichen Nebenbetrieb seiner Familie im Kreis Darkehmen, später Angerapp, wurde Walter von Sanden am 18. Juni des Dreikaiserjahres 1888 geboren. Nach dem Tod des Großvaters zogen seine Eltern in das Hauptgut Launingken, in dem er als ältestes von vier Geschwistern unbeschwerte Kinder- und Jugendjahre verlebte. Er erlernte in praktischer Arbeit in mehreren Betrieben Ostpreußens die Land- und Forstwirtschaft und übernahm bereits 1911 die wirtschaftliche Leitung des elterlichen Besitzes. Im selben Jahr lernte er Edith von Schlüter (1894–1979) kennen, die er am 1. April 1914 heiratete und die später zu einer bedeutenden Tierplastikerin wurde. Das junge Ehepaar bezog das ebenfalls zum elterlichen Besitz gehörige Gutshaus Klein Guja am Nordenburger See im Kreis Angerburg und blieb bis 1945 dort wohnen.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs musste von Sanden Militärdienst im Osten leisten. Seine junge Frau wurde Krankenschwester und leitete bald ein Erholungsheim für Soldaten auf dem Gut Owanta bei Wilna (Vilnius) im heutigen Litauen. Ein Familienleben konnte das Paar erst nach dem Krieg beginnen. 1919 wurde der Sohn Harro, 1921 die Tochter Gisela Owanta geboren. Die 1920er Jahre waren im Wesentlichen damit ausgefüllt, die durch die russische Besetzung 1914/15 entstandenen Schäden zu beheben und den landwirtschaftlichen Gesamtbetrieb aus elf Einheiten auf 3100 Hektar und mit zahlreichen dort lebenden und arbeitenden Menschen durch die schweren Inflationsjahre zu führen.

„Guja-Trilogie“ (1933–1937)

So begann von Sanden, der schon in seiner Jugend so viel Zeit wie möglich in der Natur verbrachte, erst gegen Ende der 1920er Jahre wieder mit seiner alten Leidenschaft, dem Fischfang, und der Aufzeichnung seiner Beobachtungen. Angeregt durch die Werke des schwedischen Naturschriftstellers und Filmers Bengt Berg (1885–1967) beschaffte er sich eine gute Spiegelreflexkamera und einen Tarnansitz, den er auch auf seinem Ruderboot einsetzen konnte. In aller Regel morgens, bevor der Betrieb begann, fuhr er hinaus auf den Nordenburger See, um zu beobachten und zu fotografieren. Erst in den 1930er Jahren veröffentlichte er zahlreiche Zeitschriftenbeiträge. 1933, 1935, und 1937 erschienen im renommierten Königsberger Verlag Gräfe und Unzer seine drei Bücher, die als „Guja-Trilogie“ im gesamten deutschen Sprachraum bekannt wurden. Die Werke waren mit hervorragenden Schwarz-Weiß-Fotos der beobachteten Tierarten, von Pflanzen und Landschaften illustriert. Einfühlsam präsentierte er darin seine Erlebnisse, die er gewissermaßen „vor der Haustür“ gewann.

„Der See der sieben Inseln“ (1942)

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte keinen äußerlich spürbaren Einfluss auf das Leben und das Schrifttum von Sandens. Seine Naturschilderungen blieben unpolitisch. In seinem Buch „Das gute Land“ zeichnete er ein Bild von seiner Jugend, der Liebe zu seiner ostpreußischen Heimat und der Dankbarkeit gegenüber seiner Mutter. Es erschien 1938 und wurde ein Bestseller, der auch nach 1945 mehrfach wieder aufgelegt wurde.

Lediglich in seiner in der Region um Klein Guja spielenden Phantasieerzählung „Der See der sieben Inseln“ ist Kritik an den Vorstellungen der NS-Ideologen zu erkennen. Die Handlung beschreibt das Leben und den Kampf zweier Menschengruppen gegen Ende der Eiszeit. Die Werte der guten Menschen setzen sich letztendlich durch, die der anderen haben das Nachsehen. Die Zensoren der Reichsschrifttumskammer hatten die Parallele zu ihren falschen Wertvorgaben nicht erkannt und ließen das Werk 1942 als Feldpostausgabe für die Wehrmachtsoldaten an der Front erscheinen.

„Schicksal Ostpreußen“ (1968)

Doch in seinen Tagebuchaufzeichnungen notierte er zahllose Begegnungen, die ganz klar erkennen lassen, dass er die Nationalsozialisten und ihr verbrecherisches Tun durchschaut hatte. In seinem zweiten biographischen Buch „Schicksal Ostpreußen“ (1968) legt er davon beredtes Zeugnis ab. Von Sanden war gläubiger, aber weltoffener Christ, der sich an der Gerechtigkeit orientierte. Im „Schicksal Ostpreußen“ schildert er, wie seine Familie und er die Aufbaujahre nach 1933, die wirtschaftlichen Erfolge der frühen NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg mit seinen anfänglichen Siegen in den „Blitzkriegen“, aber auch die Verfolgung und Vernichtung von Juden und „Zigeunern“, schließlich Flucht und Untergang Ostpreußens erlebten.

„Alles um eine Maus“ (1940)

In der Zeit unmittelbar vor und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erschienen zwei großartige, monographische Darstellungen ungewöhnlicher Tierarten, die seine Frau und er in Klein Guja hielten: „Ingo. Die Geschichte meines Fischotters“ (1939) und „Alles um eine Maus“ (1940). Beide gehören zu den schönsten Tiergeschichten des 20. Jahrhunderts und berichten davon, wie sich das Zusammenleben mit einem zahmen Otter gestaltete beziehungsweise wie es gelang, die erste lebend in Deutschland nachgewiesene Birkenmaus zu fangen, im Terrarium zu pflegen und Eindrücke von ihrer Lebensweise zu erhalten.

„Zugvögel“ (1950)

Am 21. Januar 1945 erging auch für Klein Guja der Räumungsbefehl, und alle noch verbliebenen Bewohner mussten ihre Heimat verlassen. Wie durch ein Wunder gelang es den Bediensteten, auf gut vorbereiteten Pferdewagen und unter abenteuerlichen Bedingungen bis in den Westen Deutschlands zu fliehen. Im Gepäck führten sie die wertvolle Fotosammlung, Bücher und anderes Eigentum der von Sandens mit. Die Bronzeplastiken Edith von Sanders und andere Wertgegenstände waren bereits zuvor mit der Bahn in Sicherheit geschickt worden.

Walter und Edith von Sanden lösten sich noch in Ostpreußen vom Treck und legten den Fluchtweg über das zugefrorene Frische Haff, die Weichsel bei Danzig, Stolp und Schlawe in Hinterpommern, Neustrelitz bis nach Havelberg auf Fahrrädern und gelegentlich auf Lastwagen zurück. Ursprünglich hatten sie dort bleiben wollen, doch dann entschieden sie sich, zu ihrem im Jahre 1929 erworbenen Besitz, dem kleinen Hafnerhof im österreichischen Kärnten, weiterzuziehen. Sie durchquerten mit ihren Rädern die Trümmerstadt Berlin, fuhren in überfüllten Zügen durch Thüringen, Bayern, das Salzburger Land und erreichten den Hafnerhof am 23. März 1945. Über diese Flucht berichtete von Sanden wenige Jahre später im kleinen Buch „Zugvögel“.

Bis zum Sommer des Jahres 1946 blieben sie in Kärnten und ließen sich dann in die britische Besatzungszone ausweisen. Dort siedelten sie sich am Dümmer in Niedersachsen an, und bereits 1948 ließ sich von Sanden ein Boot bauen, das nach ostpreußischer Tradition konzipiert war. Er betrachtete es als ein erstes Eigentum nach dem Verlust der Heimat – „auf schwankendem, aber wieder eigenem Grund“. 1952 entstand in Hüde am Dümmer ein Haus, das das Ehepaar „Klein-Klein Guja“ nannte und bis zu seinem Lebensende bewohnte. Ebenso in Erinnerung an den verlorenen Besitz nannte er sich nun von Sanden-Guja.

„Überall Leben“ (1959)

Der Verlust der ostpreußischen Heimat war die tiefste Zäsur im Leben von Sandens. Es war weniger die Trennung von den materiellen Werten als vielmehr die von der ihn zuvor umgebenden Natur und den vertrauten Menschen. Am Dümmer verdiente der vormalige Gutsbesitzer seinen Lebensunterhalt mit Lesungen, Lichtbildervorträgen, vielen Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen sowie einer ganzen Reihe neuer Bücher, die ab 1948 erschienen. Es waren zumeist kleine Werke wie „Zugvögel“ (1950), „Mein Teich und der Frosch“ (1963) oder „Stare unter unserem Dach“ (1964). In umfangreicheren Publikationen wie „Wo mir die Welt am schönsten schien“ (1957) und „Überall Leben“ (1959) publizierte er Kurzgeschichten nach Beobachtungen, die er zum großen Teil noch in Ostpreußen gemacht hatte.

Waren die vor 1945 erschienenen Bücher noch aus der Freude an guten Beobachtungen und einem Mitteilungsbedürfnis entstanden, mit dem er andere an seinen Erlebnissen teilhaben lassen wollte, so sicherten die nach der Vertreibung publizierten Werke die Existenz. Von Sanden veröffentlichte in mehreren Verlagen, häufig jedoch im Landbuch-Verlag, Hannover, berichtete aus der Natur in der ostpreußischen Heimat ebenso wie aus der Dümmer-Region. Auch das Jahr in Kärnten hinterließ publizistische Spuren wie beispielsweise im Büchlein „Der See unter dem Turiawald“ (1965).

„Bunte Blumen überall“ (1961)

Gemeinsam mit seiner Frau Edith veröffentlichte er ein kleines Buch, „Bunte Blumen überall“ (1961), in dem er treffende Beschreibungen zu hervorragenden Pflanzenzeichnungen seiner Gemahlin lieferte. Zeit seines Lebens hatte er auch, immer wieder einmal, Versdichtungen produziert, die unter dem schlichten Titel „Gedichte“ 1965 erschienen.

„Der große Binsensee“ (1953/1960)

In den 1950er und 1960er Jahren wuchs die Bindung an den Dümmer, auch wenn sie nie so stark wurde wie die an den Nordenburger See. Doch verfasste er mit „Der große Binsensee“ (1953, erweitert 1960) dem Flachsee westlich von Hannover ein noch heute lesenswertes Denkmal. Am 7. Februar 1972 starb Walter von Sanden in Hüde.



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Kommentare

Werner Elsen am 18.02.22, 23:49 Uhr

Herzlichen Dank eines Westzipflers an das Ostpreußenblatt für Hinkelmanns wunderbaren Blick auf den mir bisher unbekannten ostpreußischen Naturschriftsteller von Sanden-Guja, fotografiert von niemand Geringerem als Heinz Sielmann! Mal sehen, was sich von den kurz besprochenen Büchern von Sanders im Antiquariat finden läßt.

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