27.11.2020

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Naturwunder

Eiszeitzeugen im Pommerland

Die Spur mächtiger Steine zieht viele Besucher an

Karl-Heinz Engel
16.08.2020

Es kann vor ungefähr 12 000 Jahren Zufall gewesen sein, dass die skandinavischen Eiszeitgletscher den dicksten Findling des südlichen Ostseeraums im hinterpommerschen Groß Tychow [Tychowo] abgelegt haben. Eigentliche Ursache dafür war aber einsetzendes Tauwetter. Die einige Hundert Meter mächtigen Gletscher aus Eis, Schluff und Geröll büßten die Urgewalt an Schubenergie ein. Und so ruht der 700 Kubikmeter große und wahrscheinlich über 1000 Tonnen schwere Block seit jener Zeit unverrückbar auf dem Friedhof des Städtchens im früheren Kreis Belgard. Er rangiert auf Platz drei der größten europäischen Findlinge. Der 2500 Einwohner zählende Ort verfügt mit diesem pommerschen Riesen über ein ganz außergewöhnliches erdgeschichtliches Denkmal. Heimat- und Naturfreunde fühlen sich auch deshalb immer wieder zu Ausflügen dorthin animiert.

Tiefengrabungen haben unterdessen ergeben, dass der überwiegende Teil des äußerlich pultartig beschaffenen Großgeschiebes, so nennt man einen solchen Stein fachsprachlich, tief im Unterirdischen verborgen liegt. Wie also sieht der Tychower Koloss wirklich aus? Niemand weiß es. Fest steht aber, dass es sich in der Tat um einen höchsten Respekt gebietenden Eiszeitzeugen handelt. Während bei den alten Tychowern schlicht vom Großen Stein die Rede war, haben die Polen ihn heute nach dem populären dreigesichtigen Slawengott Trieglaw benannt. Der Stein diente den Slawen nämlich mit Sicherheit als Kultstätte.

Die Spur überformatiger Findlinge zieht sich kreuz und quer durchs Pommernland. Jedoch ging ein erheblicher Teil in der Vergangenheit verloren, weil er als Baumaterial Verwendung fand. So mancher Teufels-, Räuber- und Brüderstein verschwand damit von der Bildfläche. Dieses Schicksal ereilte auch den wohl mächtigsten, weit und breit als Wanderertreff beliebten Findling in der Stettiner Buchheide. Nach Professor Winkelmann, Verfasser eines 1905 erschienenen pommerschen Naturdenkmalverzeichnisses, hatte er seinen Platz unweit der Straße Dobberpfuhl-Kolow. Sein Volumen: 167 Kubikmeter. Als die Siegessäule in Berlin errichtet werden sollte (Einweihung am 2. September 1873), besannen sich die Planer auf genau diesen Brocken. Steinschläger rückten an und brachen ihn in Stücke. Die gewonnenen Teile wurden, nachdem man sie weiter bearbeitet hatte, als Säulensockel für die Rotunde des markanten Denkmals verbaut.

Von einem ähnlichen Los war übrigens 40 Jahre zuvor der Große Markgrafenstein in den Rauenschen Bergen südöstlich von Berlin betroffen. Steinmetze fertigten aus ihm unter anderem die 75 Tonnen wiegende Granitschale für den Berliner Lustgarten. Sie wurde im November 1834 ihrer Bestimmung übergeben. Die überaus gediegene Arbeit findet nach wie vor viel Beachtung. Der 80 Kubikmeter große Rest des geopferten Findlings blieb den Rauenschen Bergen indes erhalten und kann dort noch immer bestaunt werden.

Doch zurück zur Stettiner Buchheide. Trotz der Baumaterialgewinnung beherbergt das als Landschaftsschutzpark ausgewiesene Waldgebiet noch immer stattliche Findlinge. Sie tragen heute jedoch polnische Namen. Leicht zu finden ist der 700 Meter südlich von Höckendorf [Kleskowo] auf einem Waldhügel liegende Gronski-Stein. Er erinnert an den 1957 am Mont Blanc tödlich verunglückten Bergsteiger Stanislaw Gronski, der sich auch um die touristische Entwicklung Stettins verdient gemacht haben soll. Weitere zwei Kilometer südlich taucht an einem Wanderweg plötzlich der von Winkelmann als großer Stein erwähnte, heute Kamien Serce (Herzstein) genannte Block, zwischen Buchenstämmen auf. Er hat in der Tat die Form eines Herzens. Beide Findlinge sind etwa 30 bis 40 Kubikmeter groß, erreichen also bei weitem keine überragenden Maße. Spaltflächen und Sprenglöcher lassen aber vermuten, dass auch sie durch Menschenhand einiges an Mächtigkeit eingebüßt haben.

Für jene, die nach wirklich dicken pommerschen Brocken Ausschau halten, seien Exkursionen nach Vorpommern empfohlen. In Altentreptow etwa liegt unweit des Klosterbergs der mit 133 Kubikmeter Volumen mächtigste Festlandfindling des Landesteils. Der früher Bismarck-Stein genannte Klotz steckt ähnlich seinem Verwandten in Groß Tychow zu vielleicht zwei Dritteln im Erdreich. Die Stadt erwägt aber, den von Bornholm stammenden Granit zu heben, um ihn als Sehenswürdigkeit besser zur Geltung zu bringen.

Wer den absolut mächtigsten Findling Vorpommerns in Augenschein nehmen möchte, sollte indes an die Südostküste der Insel Rügen reisen. Wie ein U-Boot dümpelt dort in der Ostsee vorm Seebad Göhren ein Buskam genannter rätselhafter Findlingsfels. Von ihm ging die Rede, dass er einen Rauminhalt von über 600 Kubikmeter aufweist. Damit käme er dem Groß Tychower sehr nahe. Da er 300 Meter vom Strand entfernt im Wasser ruht, und er nur seinen von Möwenkot geweißten Rücken zu erkennen gibt, sieht man ihm ein solches Supermaß jedoch nicht an. Die Ermittlung seiner wahren Größe bereitete indes auch Schwierigkeiten. Neue Messungen haben nun ergeben, dass sich der Buskam mit lediglich 206 Kubikmeter Rauminhalt begnügen muss. Der steinernen Riese im hinterpommerschen Groß Tychow bleibt also ohne Konkurrenz.



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