17.04.2024

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Schlag gegen die RAF

Ende einer Fahndung

Mit Daniela Klette wurde nach über 30 Jahren ein Mitglied der Dritten Generation der Rote Armee Fraktion gefasst. Doch wie konnte die Terroristin so lange unerkannt im Untergrund leben?

Wolfgang Kaufmann
14.03.2024

Am Abend des 26. Februar verhafteten Zielfahnder des Landeskriminalamtes Niedersachsen mit Unterstützung der – im Vorfeld allerdings nicht informierten – Berliner Polizei die Terroristin Daniela Klette. Dem seit über dreißig Jahren gesuchten Mitglied der sogenannten Dritten Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) werden außer der Mitgliedschaft in einer linksterroristischen Vereinigung noch zahlreiche weitere Straftaten vorgeworfen. Die 65-Jährige soll unter anderem an drei Sprengstoff- oder Schusswaffenattentaten auf das Technische Zentrum der Deutschen Bank, die US-amerikanische Botschaft in Bonn und die Justizvollzugsanstalt Weiterstadt sowie 13 Raubüberfällen auf Geldtransporter und Supermärkte beteiligt gewesen sein.

Als Mörderin kommt Klette dahingegen nach jetzigem Kenntnisstand nicht in Betracht. Doch das kann sich noch ändern, weil viele der Tötungsdelikte der RAF bis heute unaufgeklärt blieben. Das gilt besonders für die mit auffallender Präzision und Effizienz agierende Dritte RAF-Generation.

Die Festnahme von Klette erfolgte aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung, die zumeist eine Reaktion auf die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ vom 14. Februar waren. Diese führten auf die Spur der „RAF-Rentnerin“, die unter dem Decknamen Claudia Ivone im fünften Stock eines Mietshauses in der Sebastianstraße in Berlin-Kreuzberg lebte – und das auch keineswegs zurückgezogen. So führte sie mehrmals am Tag ihren Hund aus und gab Schülern privaten Nachhilfeunterricht in Mathematik.

Außerdem war Klette auf Facebook aktiv. Dafür ließ sie sich 2011 sogar ganz ungeniert beim „Karneval der Kulturen“ fotografieren. Dazu kamen Reisen im Inland beziehungsweise ins Ausland, wobei die Ex-Terroristin über das Portal „Besser Mitfahren“ nach Mitfahrgelegenheiten suchte. Darüber hinaus gehörte Klette bis zum Beginn der Corona-Pandemie einer Gruppe an, die dem als Tanz getarnten afrobrasilianischen Kampfsport Capoeira frönte. Dies fand der kanadische Journalist Michael Colborne vom Recherchenetzwerk Bellingcat im Dezember 2023 innerhalb von nur 30 Minuten heraus, indem er Fahndungsfotos mittels der Gesichtserkennungssoftware „PimEyes“ mit Aufnahmen aus dem Internet verglich und dabei auf Bilder von Klette stieß, die bei einem Treffen des Kulturvereins Iêalembrasil entstanden waren.

Das alles legt die Frage nahe, wieso die bundesdeutschen Sicherheitsorgane Klette nicht schon viel früher fassen konnten. In erster Linie stand dabei wohl der Datenschutz im Wege, der es den Behörden nicht erlaubt, polizeiliche Daten einfach in ein privates System wie „PimEyes“ einzuspeisen. Darüber hinaus verfügte Klette offenbar über hochprofessionell gefälschte italienische Personaldokumente. Hinzu kommt, dass das gesellschaftliche Interesse an der RAF heute nur noch sehr gering ist. Hierzu sagte der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter Dirk Peglow: „Es gibt mittlerweile eine ganze Menge Menschen, die nichts mehr über die RAF wissen, geschweige denn über einzelne Personen.“

Außerdem deutet laut Peglow und der Gewerkschaft der Polizei einiges darauf hin, dass Klette Hilfe aus der gut vernetzten und global agierenden linksextremen Szene erhielt. So lebte sie in einer Sozialwohnung der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Mitte, die von einem mittlerweile untergetauchten Deutsch-Iraner angemietet wurde. Ebenso muss ihr jemand die scheinbar italienischen Ausweispapiere beschafft haben.

Zwölf weitere gesuchte Terroristen
Die mangelnden Fahndungserfolge im Fall Klette gehen allerdings nicht nur zulasten der Polizeibehörden. Immerhin war auch der Verfassungsschutz mit seinen vergleichsweise großen Ressourcen und Möglichkeiten in die Suche nach den bislang noch auf freiem Fuß befindlichen RAF-Terroristen eingebunden.

Deshalb stellte der Verfasser des Buches „Das RAF-Phantom“, Gerhard Wisnewski, die Frage: „War die Frau wirklich untergetaucht, oder wurde sie etwa die ganze lange Zeit über nicht weiterverfolgt und einfach nicht festgenommen?“ Letzteres, so Wisnewskis Mutmaßung, könnte dem Umstand geschuldet sein, dass sich unter den RAF-Mitgliedern auch V-Leute des Verfassungsschutzes befanden. Zu diesen gehörte beispielsweise Verena
Becker.

Auf jeden Fall sehen manche Angehörige von RAF-Opfern nach Klettes Verhaftung wenig Anlass zur Euphorie. So sagte Michael Buback, der Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback: Wenn ein kanadischer Journalist Klette innerhalb von nur 30 Minuten habe aufspüren können, während die Sicherheitsbehörden hierzulande dafür mehr als 30 Jahre brauchten, „muss man sich ... ernsthafte Sorgen um die Qualität deutscher Ermittlungen machen“.

Und tatsächlich scheint es mit der Letzteren nicht weit her zu sein, denn immerhin leben derzeit noch weitere zwölf ehemalige RAF-Mitglieder unentdeckt im Untergrund.


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