16.06.2024

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Stark in der politischen Botschaft, schwach beim Kernthema Glaube: Anhänger der evangelischen Kirche
Foto: pa/SchackowStark in der politischen Botschaft, schwach beim Kernthema Glaube: Anhänger der evangelischen Kirche

„Entscheidend ist die Gottesliebe“

Über die fortdauernde Krise der beiden großen Amtskirchen, die Frage, wie stark sich die Kirchen dem Zeitgeist anpassen sollten, und die pauschale Ausgrenzung von Mitgliedern einer ganzen Partei

Im Gespräch mit Thomas A. Seidel
09.06.2024

Seit vielen Jahren ist Thomas A. Seidel eine prononcierte Stimme in der evangelischen Publizistik. In seinem neuen, gemeinsam mit Sebastian Kleinschmidt und Friedemann Richert herausgegebenen Sammelband will er nun, so der Untertitel, „dem Zerfall von Kirche und Gesellschaft begegnen“. Ein Gespräch über die Krise einer Institution, die unsere Gesellschaft Jahrhunderte lang getragen hat, in der Gegenwart jedoch zunehmend an Relevanz verliert.

Herr Seidel, Ihr neues Buch trägt den Haupttitel „Bild der Welt und Geist der Zeit“, worum geht es darin konkret?
Es geht darum, dass wir anhand von fünf verschiedenen „Welt-Bildern“ zur Debatte über die Ursachen und Hintergründe der aktuellen Polarisierungsprozesse in unserer Gesellschaft beitragen wollen. Diese Bilder, die zugleich die Abteilungen des Buches bilden, sind das Naturbild, das Menschenbild, das Gesellschaftsbild, das Geschichtsbild und das Gottesbild.

Unsere Gesellschaft erlebt seit Jahren eine beschleunigte Säkularisierung. Das heißt, der bis dato geltende Konsens zu bestimmten Werten, Sitten und Kulturtechniken ist in Auflösung begriffen. Daraus ergibt sich für die Kirchen als wesentliche Hüterinnen der Tradition, aber auch als Begleiterin sozialer Veränderungen die Frage, wie dieses Verhältnis von Bewahrung und Erneuerung künftig bestimmt wird. Natürlich geht es auch um die Hauptaufgabe christlicher Kirche, nämlich die Verkündigung des dreieinigen Gottes und die Botschaft der Erlösung des Menschen in einer unerlösten Welt sowie darum, wie sie dies in den Mittelpunkt ihres Wirkens rücken kann.

Eine weitere Entwicklung, die wir in unserem Buch beleuchten, ist, dass bis dato geltende Standards in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zunehmend außer Kraft gesetzt sind. Wir erleben nicht nur eine Verrohung von Sprache, zum Beispiel in den sozialen Netzwerken, sondern auch eine aggressive, moralisch aufgeladene Unduldsamkeit, eine Nichtbereitschaft, die Argumente der jeweils anderen Seite nur zur Kenntnis zu nehmen oder daraus Schlüsse für ein gemeinsames oder auch getrenntes Handeln zu ziehen.

Was werfen Sie in Bezug auf diese beiden Entwicklungen den Kirchen vor?
In Bezug auf die Säkularisierung setzen sich die Herausgeber und Autoren des Bandes damit auseinander, dass die großen Amtskirchen in ihrem Bemühen, mit der Zeit zu gehen, sich zu wenig der Verkündigung des Glaubens und der Suche nach Antworten auf die existenziellen Fragen des menschlichen Daseins widmen.

Der andere Kritikpunkt, der im Buch nicht fokussiert wird, ist, dass sich die Kirchen im Rahmen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen zuletzt wiederholt unmittelbar in den parteipolitischen Wettstreit begeben haben. So haben führende Vertreter von Kirche und Diakonie an einer sehr harschen gesellschaftlichen Ausgrenzung der Partei „Alternative für Deutschland“ mitgewirkt. Damit haben sie zirka 20 Prozent der Bevölkerung und einen wahrscheinlich ebenso hohen Anteil an Kirchenmitgliedern als „nichtdemokratisch“ und als „im Widerspruch zum christlichen Menschenbild stehend“ klassifiziert.

Ja, es gibt in der AfD zahlreiche Äußerungen, die aus christlicher Perspektive fragwürdig und klar abzulehnen sind. Grenzüberschreitungen werden korrekterweise auch strafrechtlich untersucht. Dass allerdings pauschal, gelegentlich mit protestantischem Gewissheitspathos, Funktionäre, Mitglieder oder Anhänger einer ganzen Partei quasi exkommuniziert werden sollen, ohne dass ihnen eine individuelle Verfehlung nachgewiesen wird, verstößt gegen die Grundsätze unserer Kirche, wie dies beispielsweise die Jahreslosung 2022 sehr schön formuliert hat: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Johannes 6, 37).

Lassen Sie uns zunächst bei der allgemeinen Situation bleiben. Warum tut sich die Kirche so schwer damit, ihre frohe Botschaft zu verkünden? Der Islam erlebt seit Jahrzehnten mit einem entschiedenen Auftreten einen enormen Aufschwung. Es ist also nicht so, dass der Glaube an Gott in der modernen Welt ein Auslaufmodell wäre.
Man muss in dieser Frage sehr differenzieren. In den Kirchgemeinden und örtlichen Gemeinschaften, die ich kenne, in denen ich selbst als Pfarrer unterwegs bin, nehme ich durchaus ein ernsthaftes Fragen, einen festen Glauben und eine überzeugte Praxis des Glaubens wahr.

Gelegentlich habe ich jedoch das Gefühl, dass einige der Bischöfe und Bischöfinnen der Versuchung nicht widerstehen können, in ihren Wortmeldungen zum Geist der Zeit ihre Gedanken so zu formulieren, wie es eben jener mediale Zeitgeist goutiert. Mein Doktorvater Kurt Nowak, der Leipziger Kirchenhistoriker, nannte dies die „Homogenitätssehnsucht im Protestantismus“. Ein Phänomen, das regelmäßig zu „Milieuverengung“, zu Kirchenaustritten und zur Schwächung der Kirche geführt hat und führt.

Doch die Botschaft, die uns Jesus Christus aufgetragen hat, ist nun mal mitunter sperrig und quer zum Geist der Zeit stehend. Das sollten wir aushalten – und keinesfalls gering achten. Die Empfehlung des Apostels Paulus lautet: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich.“ (Römer 12, 2).

Allerdings beleuchten auch Sie mit vieren der fünf „Bilder“ Ihres Buches sehr weltliche Themen.
Es ist doch nichts dagegen zu sagen, dass sich die Kirche weltlichen Fragen widmet, schließlich ist sie ein Teil dieser Welt. Was die Beiträge unseres Buches von manch anderer kirchlicher Stellungnahme oder Publikation unterscheidet ist, dass sie einen intensiven Analyseweg beschreiten und nicht vorschnell versuchen, in der Auseinandersetzung mit weltlichen Themen die christliche Botschaft zu nivellieren, sondern dass sie vielmehr danach fragen, welchen Beitrag Theologie und Glaube zu politischer Urteilskraft beitragen und zum Bestehen vor den Herausforderungen unserer Zeit leisten können.

Mit anderen Worten: Die Kirchen sollen sich sehr wohl mit weltlichen Fragen befassen, dabei jedoch berücksichtigen, in wessen Auftrag sie handeln?
So könnte man es sagen. Die Frage ist, was im Vordergrund christlicher und kirchlicher Tätigkeit steht. Es gibt gelegentlich die Abfrage unter Christen, was sie für das Wichtigste an ihrem Glauben halten. Dann wird häufig die Nächstenliebe genannt. Das ist aber ungefähr so, als würde man bei einem Auto den Auspuff oder die Reifen für das Wichtigste halten und nicht den Motor, der das Fahrzeug antreibt.

Die entscheidende Grundlage für die Nächstenliebe und für die christliche Weltverantwortung insgesamt ist die Gottesliebe. Entscheidend ist, dass sich der Mensch als Christenmensch gegründet weiß in der Liebe Gottes, aus der heraus er die Liebe zu sich selbst, zu seinen Nächsten und zur Welt gewinnen kann. Ohne Gottesliebe kann es keine Nächstenliebe, keine christliche Weltverantwortung und letztlich auch keine wirkungsvolle, lebensdienliche Kirche geben.

Der fünfte Abschnitt in Ihrem Buch heißt „Gottesbild“. Es ist das am direktesten auf das Christentum verweisende Kapitel. Provokativ gefragt: Kommt Gott in der Kirche von heute zu wenig vor? Wenn man etwa das „Wort zum Sonntag“ im Ersten hört oder das Magazin „chrismon“ liest, die zu den reichweitenstärksten kirchlichen Orten in der Gesellschaft gehören, trifft man immer wieder auf Beiträge, die vollständig ohne Worte wie Gott, Jesus, Maria et cetera bleiben und stattdessen eher eine allgemeine Lebensberatung mit einem gehobenen ethischen Anspruch anbieten.
Zunächst einmal möchte ich betonen, dass in allen fünf „Bild-Beschreibungen“ des Buches theologische, philosophische und auch politische Fragen im Kontext unseres Lebens heute thematisiert werden. Hinweisen möchte ich hier besonders auf den Text von Wolfgang Thierse. Aber richtig ist, dass im letzten Kapitel besonders hervorgehoben wird, dass die Frage nach dem Gottesglauben für die Selbstverortung des Menschen, für seine Selbstbefragung und sein Selbstvertrauen von elementarer Bedeutung ist. Wir tun dies ganz am Ende des Bandes mit einem spannenden Beitrag aus ostkirchlich-orthodoxer Feder.

Was die Frage nach Gott betrifft, habe ich eben schon gesagt, dass diese in vielen Kirchgemeinden, die ich erlebe, durchaus noch immer sehr gegenwärtig ist. Ich wünschte mir jedoch, dass die Einladungen zur Christusnachfolge auch von leitenden Geistlichen mutiger und fröhlicher ausfallen. Das könnte dann dazu führen, dass sie ihre Pontifex-Rolle – sprich: ihre Rolle als Brückenbauer – wirklich ausfüllen, um zwischen verfeindeten gesellschaftlichen Milieus, Gruppen und Parteien wieder stärker zu vermitteln als das aktuell der Fall ist. Das wäre dann auch ein guter Betrag zur Stärkung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Ihr Mitherausgeber Sebastian Kleinschmidt zitiert in diesem Sinne in seiner Einleitung Pablo Neruda mit den Worten: „Ich für meinen Teil bin in alle Häuser gegangen, in denen mir die Tür geöffnet wurde. Ich wollte mit jedem sprechen. Ich hatte keine Angst vor Ansteckung durch Andersdenkende, durch Feinde. So werde ich es auch in Zukunft halten.“ Geht die evangelische Kirche heute zu wenig in fremde Häuser? Haben ihre Repräsentanten Angst vor der Ansteckung durch Andersdenkende?
Auch hier sollte man sich vor einer verallgemeinernden Antwort hüten. In Bezug auf die Tagespolitik hatte ich eben schon angemerkt, dass ich es nicht gut finde, wenn sich Kirchenvertreter an der allgemeinen Ausgrenzungsdynamik beteiligen. Ich sehe es als eine vorrangige Aufgabe von Kirche und Diakonie an, das Gespräch und auch den Meinungsstreit mit Andersdenkenden und Andersglaubenden zu suchen und zum Beispiel danach zu fragen, was denn ihre Kritik ist, was ihre Sorgen und Ängste sind, was ihre Hoffnungen und Erwartungen.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wo in der Gesellschaft sollte sich die Kirche Ihrer Meinung nach positionieren? Sollte sie sich näher am Geist der Zeit orientieren oder eher die Distanz dazu wahren, um so den Kern des Glaubens schützen zu können?
Ich finde, dass ein Leben mit einem wachen Blick auf den Geist der Zeit und die Bewahrung des Glaubens kein Widerspruch sein müssen. Ich bin überzeugt, dass die Kirchen, mit Martin Luther gesprochen, in und aus der „Freiheit eines Christenmenschen“ heraus leben und wirken können.

Dazu gehört meines Erachtens eine ganz persönliche, individuelle Gebets- und Meditationspraxis. Damit will ich nicht der frommen Innerlichkeit das Wort reden, sondern ich möchte es als eine Einladung verstanden wissen, beispielsweise die Morgenstunden eines Tages für sich als eine Gelegenheit der Einkehr, des Aufsuchens dessen, was trägt und Orientierung gibt, zu nutzen. In dieser spirituellen Praxis liegt meiner Erfahrung nach eine große Kraft, um in unserer Welt zu leben, zu bestehen und um vor dort aus einen kleinen, nachhaltigen Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung zu leisten.

Dieser Doppeltakt aus innerer Einkehr und Weltzugewandtheit gehört zusammen. Eine Kultur aus ganz persönlichem Glauben und ganz entschiedener Weltverantwortung trägt meiner Ansicht nach nicht nur den Einzelnen, sondern hält auch die Kirche lebendig und sorgt dafür, dass sie gesellschaftlich relevant und somit auch attraktiv bleibt.

Das Gespräch führte René Nehring.

 Dr. Thomas A. Seidel ist Pfarrer und Leiter der Diakonenausbildung im Bereich der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Er war Beauftragter der Thüringer Landesregierung zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 und ist Mitbegründer der Internationalen Martin Luther Stiftung sowie Mitherausgeber der in der Evangelischen Verlagsanstalt erscheinenden Buchreihe „GEORGIANA“ der Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden. Das Buch »Bild der Welt und Geist der Zeit. Dem Zerfall von Kirche und Gesellschaft begegnen« ist in der Evangelischen Verlagsanstalt erschienen. www.eva-leipzig.de 

 

An folgenden Orten wird das Buch dieser Tage vorgestellt: 

• 13.6.2024, 19 Uhr, Torkaten, Kessin bei Rostock: kirche-mv.de 

• 19.6.2024, 19:30 Uhr, buchhandlung peterknecht, mit Sebastian Kleinschmidt: peterknecht.de

• 25.6.2024, 19 Uhr, Schloss Ettersburg, mit Christine Lieberknecht und Wolfgang Thierse: schlossettersburg.de 


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Kommentare

Jante Waterende am 10.06.24, 16:49 Uhr

Die "Nächstenliebe" habe ich lange überhaupt nicht verstanden? Wie kann man alle lieben?
Mit der "Nächstenliebe" wird seit den Grenzöffnungen herumgeschmiert wie mit Marmelade. Das ist die kirchlich-institutionalisierte Art Willkommenskultur derer, die es seit je her mit den Mächtigen gehalten haben. Ein Pastor kriegt sein Geld übrigens vom Staat, das sind trotz leerer Kirchen hübsche 5000 Euro im Monat. Da sagt man doch "Danke"?

Mich hat die "Nächstenliebe" immer abgeschreckt wie das gekochte Ei das Eiswasser.

Bis ich den Römerbrief gelesen habe: "Denn was da gesagt ist: "Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; dich soll nichts gelüsten", und so ein anderes Gebot mehr ist, das wird in diesen Worten zusammengefaßt: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."
(Röm 13, 9) Nächstenliebe ist, sich an die 10 Gebote zu halten. Das wird nicht dazu gesagt, die Kirche ist eine Heuchelveranstaltung vor dem Herrn. Und wenn sie sich in weltliche Dinge einmischt, was oft genug die Predigten vergiftet, dann könnte man auch mal die Grundrechte studieren? Zum Beispiel, oder das Völkerrecht, das vom Selbstbestimmungsrecht spricht?

"Wer nicht für uns ist, ist gegen uns"? Die Pharisäer und Schriftgelehrten sind wieder da. "Jesus aber sprach: Ihr sollt's ihm nicht verbieten. Denn es ist niemand, der eine Tat tue in meinem Namen, und möge bald übel von mir reden. "Wer nicht wider uns ist, der ist für uns"." (Mk 9, 38-40)

Der gute Christ braucht die Kirche nicht. Wenn man einen Weg lange genug geht, geht man ihn schließlich alleine. Marie von Ebner-Eschenbach

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