04.02.2023

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Stein des Anstoßes: Das – nun umbenannte – Bismarck-Zimmer im Auswärtigen Amt in Berlin. An der Wand das Porträt des Kanzlers von Franz von Lenbach
Foto: paStein des Anstoßes: Das – nun umbenannte – Bismarck-Zimmer im Auswärtigen Amt in Berlin. An der Wand das Porträt des Kanzlers von Franz von Lenbach

Essay

Erinnerung, Orientierung, Maßstab

Auf Beschluss von Ministerin Baerbock wurde das Bismarck-Zimmer im Auswärtigen Amt umbenannt und ein Porträt des Kanzlers abgehängt. Der Reichsgründer passe nicht mehr in die Zeit, heißt es. Dabei könnte das heutige Deutschland einiges von ihm lernen

Herfried Münkler
15.01.2023

Otto v. Bismarck war ein Mensch voller Widersprüche: Er konnte äußerst liebenswürdig sein und Menschen, die er brauchte und die für ihn wichtig waren, für sich einnehmen. Aber er ließ auch Personen, mit denen er über Jahre vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte, von heute auf morgen fallen, wenn sie ihm nicht mehr ins Konzept passten. Man kann ihm schwerlich attestieren, er habe ein Charisma gehabt, mit dem er die Massen für sich eingenommen habe, denn in seiner Zeit als preußischer Ministerpräsident und Kanzler des Deutschen Reichs ist er nie vor den Massen aufgetreten, um sie für seine Politik zu mobilisieren. Und doch haben einige seiner Äußerungen eine Massenwirksamkeit gehabt wie bei sonst keinem deutschen Politiker – etwa die, dass die großen Fragen der Zeit durch „Blut und Eisen“ entschieden würden, und nicht durch Reden und Debatten, oder jene, wonach es im Verhältnis des Reichs zur Kurie in Rom keinen zweiten Canossagang geben werde.

Licht und Schatten eines Großen

Bismarck verstand es, die kollektiven Empfindungen der Deutschen zu bespielen, den Stolz wie das Ressentiment. Einige, die ihn gut kannten, haben vom Dämonischen gesprochen, das ihm eigen sei. Die preußische Königin und nachmalige Kaiserin Augusta, Gemahlin Wilhelm I., dem Bismarck diente, hat ihren Mann immer wieder vor Bismarck gewarnt: Sich ihm anzuvertrauen bedeute, einen Teufelspakt zu schließen. Theodor Fontane, der Romancier der Bismarckära, nannte Bismarck den „Schwefelgelben“, vordergründig bezogen auf die Uniform der Halberstädter Kürassiere, die der Kanzler mitunter trug, aber auch in der hintersinnigen Anspielung auf den Geruch des Satanischen. So verbanden sich Schauder und Bewunderung für den Mann, der die politisch beherrschende Gestalt im Europa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war.

Bismarck war nicht nur ein Politiker, dem alles zu gelingen schien, sondern auch ein begnadeter Autor und Schriftsteller. Er wusste, dass es nicht nur auf das ankam, was man tat, sondern auch darauf, wie es wahrgenommen wurde. Weil er den Historikern misstraute, griff er selbst zur Feder. Von den Politikern der jüngeren Zeit ist ihm darin nur Winston Churchill vergleichbar. Im Übrigen schrieben beide ihre Bücher selbst und bedienten sich keiner Ghostwriter wie die meisten heutigen Politiker. Friedrich Nietzsche, der Bismarcks Meisterwerk, die Gründung des Deutschen Reichs, nach anfänglicher Begeisterung mit Skepsis betrachtete, weil er befürchtete, die deutsche Kultur werde infolge der Beschäftigung mit Politik vernachlässigt, notierte dann aber doch in der „Götzen-Dämmerung“: „‚Gibt es deutsche Philosophen? gibt es deutsche Dichter? gibt es gute deutsche Bücher?' – fragt man mich im Ausland. Ich erröte; aber mit der Tapferkeit, die mir auch in verzweifelten Fällen zu eigen ist, antworte ich: ‚Ja, Bismarck!'“ – Ein ambivalentes Lob, und doch eine Respektbekundung von dem Mann, der sich selbst als Bismarcks größten Antipoden gesehen hat.

Der Politiker Bismarck und die Erinnerung an ihn standen immer im Streit, selbst in den Zeiten, als man in Deutschland aus Bismarck einen Mythos gemacht hatte: als Schmied des Reichs, als unbeugsamem Roland, wie ihn das Hamburger Denkmal zeigt, oder auch bloß als Namenspatron vieler Straßen. Auch wenn es das von Bismarck geschaffene Reich heute nicht mehr gibt und der Staat Preußen, den er verkörperte, 1947 durch Beschluss des Alliierten Kontrollrats aufgelöst wurde, ist Bismarck im kollektiven Gedächtnis der Deutschen präsent geblieben. Daran wird auch die Entfernung seines Porträts aus dem nach ihm benannten Zimmer im Auswärtigen Amt mitsamt der Umbenennung dieses Zimmers nichts ändern. Die meisten, denen Bismarck wohlbekannt ist, werden nicht einmal gewusst haben, dass es ein solches Zimmer im Ministerium gab; erst durch die Umbenennung dürften sie es erfahren haben.

Die Auslöschung eines Erinnerungsorts – ein typisch deutscher Sonderweg

Was also soll die damnatio memoriae, in diesem Fall als „Auslöschung eines Erinnerungsorts“ zu übersetzen, durch die amtierende Ministerin bewirken? Die Präsenz Bismarcks im kollektiven Gedächtnis wird sie so nicht zum Verschwinden bringen: nicht in Deutschland, nicht in Europa, nicht in der internationalen Historiographie.

Zu derselben Zeit, da die Regierung ständig vor „deutschen Alleingängen“ bei der Unterstützung der Ukraine warnt und auch sonst „deutsche Sonderwege“ mit Warnschildern versehen sind, inszeniert Annalena Baerbock einen solchen deutschen Sonderweg. Weder in Rom noch in Paris oder in London wäre man auf die Idee gekommen, den Erinnerungsort an einen der großen Politiker des Landes zu demolieren. Und das auch noch in der Institution, die durch ihn geschaffen worden ist, dem deutschen Außenministerium.

Zugegeben: Bismarck war kein Demokrat, auch wenn er das allgemeine (Männer-)Wahlrecht im Norddeutschen Bund und im Deutschen Reich installiert hat; und er war auch kein Anhänger unbedingter Verfassungstreue, wie er im preußischen Verfassungskonflikt an den Tag legte, sondern ein opportunistischer Machtpolitiker, der wie kein anderer die sich bietenden Gelegenheiten zur Erreichung seiner politischen Ziele zu nutzen verstand. Die amtierende Ministerin vertritt mit ihrer Betonung einer wertegebundenen Außenpolitik da zweifellos eine entgegengesetzte Linie. Ob sie damit Erfolg haben wird, muss sich freilich erst noch zeigen, ebenso wie sich noch zeigen muss, ob sie diese Linie überhaupt durchhalten kann. Womöglich wollte sie die Präsenz des großen Machtopportunisten im Ministerium beenden, um nicht an ihm gemessen zu werden. Mit Angst gepaarte Eitelkeit als Motiv für die Entfernung eines Maßstabs?

Der Historiker Lothar Gall hat Bismarck als „weißen Revolutionär“ bezeichnet, als einen, der sich immer wieder revolutionärer Mittel bediente, um die revolutionäre Veränderung zu verhindern und den Gang der Geschichte nicht den Revolutionären zu überlassen. So hat Bismarck mehr Herrscherhäuser in Deutschland entmachtet als bis dahin die Revolutionäre. Er hat die „Revolution von oben“ praktiziert, um den Revolutionären von unten das Wasser abzugraben. Das ist ihm bei der Reichsgründung gelungen; bei der Bekämpfung der Sozialdemokratie hat er damit Schiffbruch erlitten. Das Mittel, dessen er sich bei der Reichsgründung bediente, war das preußische Heer, aber Bismarck war kein Bellizist, der Kriege bis zur völligen Niederwerfung des Gegners führte. Er hat die von ihm gewollten Kriege in einer Art „Blitzfrieden“ beendet, gegenüber Österreich ebenso wie gegenüber Frankreich, was zu erheblichen Konflikten mit den Militärs führte.

Ideologiefreie Realpolitik

Bismarcks Erfolge resultierten daraus, dass er kein Prinzipienreiter war, weder als Bellizist noch als Pazifist. An der Sicherung des Friedens in Europa war ihm aber sehr wohl gelegen, und seit der Reichsgründung war der europäische Frieden die Leitlinie seiner Regierungskunst. Er ahnte, dass ein neuerlicher Krieg Deutschland keine Vorteile verschaffen würde. Demgemäß erklärte er das Reich für saturiert. Das sah die nationalistische Rechte ganz anders; sie wollte „Weltpolitik“ betreiben, woran Bismarck sie hinderte. Mit dem Regierungsantritt Wilhelm II. setzten sich die „Weltpolitiker“ durch; Bismarck wurde gestürzt. Die „Weltpolitik“ des jungen Kaisers führte ins Verderben. Ließe sich hierin von Bismarck lernen? Wäre er in dieser Frage gerade jetzt eine Orientierung?

In einem von ihm redigierten Artikel unter der Überschrift „Für den Frieden“ wandte sich Bismarck im Oktober 1879 an Russland mit der Feststellung, „daß es mit erobernder Politik sich selbst am meisten schadet und daß es den Mächten zu Dank verpflichtet ist, welche es tatsächlich an der Entwicklung solcher Tendenzen verhindern, ohne ihrerseits seinem Besitzstand zu nahe zu treten“. Das war die Einladung an den Zaren, dem deutsch-österreichischen Bündnis beizutreten und es zu einer Entente à trois zu machen – also Sicherheit nicht gegen, sondern mit Russland zu organisieren, wie man heute sagen würde. Gleichzeitig setzte Bismarck auf ein gutes Einvernehmen mit den Westmächten England und Frankreich und wollte das von ihm geschaffene „Dreikaiserbündnis“ nicht als eine Allianz gegen den Westen verstanden wissen. Zugegeben: Im Augenblick ist europäische Sicherheit nur gegen und nicht mit Russland möglich. Aber das muss nicht so bleiben, wenn es in Russland zu einer Nach-Putin-Ära kommt.

Orientierung für die Gegenwart

Als Orientierung, sicherlich nicht als Blaupause, ist Bismarcks Politik nach wie vor bedenkenswert, zumal dann, wenn Deutschland, wie von vielen gefordert, eine europäische Führungsrolle spielen soll und dabei als „Macht in der Mitte“ agieren muss. Es könnte sein, dass dann Lenbachs Bismarckporträt im Auswärtigen Amt wieder aufgehängt wird.

Als „Macht in der Mitte“ nämlich sollte man Prinzipien haben, aber man kann nicht prinzipialistisch agieren, sondern muss auf Herausforderungen und Chancen schnell und mit sicherem Instinkt reagieren. Sonst wird man den Aufgaben nicht gewachsen sein. Da ist und bleibt Bismarck Orientierung und Maßstab. Daran vermag auch die Umbenennung eines Zimmers nichts zu ändern. Sie ist eher peinlich, weil sie ein Ressentiment offenbart, wo Gelassenheit und Nervenstärke am Platz wären.

• Prof. Dr. Herfried Münkler war bis 2018 Inhaber des Lehrstuhls für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Büchern gehören „Die Deutschen und ihre Mythen“ (2008), „Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918“ (2013) und „Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma“ (2017, jeweils Rowohlt).
www.rowohlt.de


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Kommentare

Tina Rampolina am 22.01.23, 12:30 Uhr

Der Hauptgrund für die Entfernung des Bismarck-Portraits und die Umbenennung des Raums im auswärtigen Amt liegt wohl eher nicht an dessen außenpolitischen Grundsätzen - denen wird Frau wohl ohnehin Rechnung tragen müssen, will sie dieses Land nicht einmal mehr in den diesmal mit hoher Wahrscheinlichkeit endgültigen Untergang treiben - sondern vielmehr in seiner für die heutige Zeit und ihre ideologischen Rahmenbedingungen in vielerlei Hinsicht ungünstigen Genetik. Bismarck war weiß, zum Zeitpunkt seiner größten Wirksamkeit schon vergleichsweise alt, und er war entsprechend den Gepflogenheiten seiner Herkunft aus dem Adel, Monarchist. Sein schlimmstes "Verbrechen" aus Sicht der jetzt maßgeblichen Protagonist*Innen war aber wohl schlicht und einfach, daß er ein Mann war!

sitra achra am 15.01.23, 12:34 Uhr

Dieses entartete rotgrün-sozialistische vermine hat kein Gespür für historische Entwicklungen und die Lebensleistungen historischer Persönlichkeiten wie Bismarck. Der Respekt vor der nationalen Geschichte und der Nation, deren Existenz sie frech leugnen, obwohl sie sich nicht aus sich selbst heraus entwickeln konnten, sondern von den Grundlagen, die frühere Generationen gelegt haben, profitieren. Dieses Verhalten zeugt sowohl von abgrundtiefer Dummheit wie auch von eitler Arroganz.
Sie wähnen, sie könnten die gemeinsame Geschichte im Sinne einer ominösen moralischen Orthodoxie dekonstruieren, d.h. entsorgen, damit sie ihre totalitäre Oberherrschaft über die derzeit existierende Gesellschaft perfektionieren. Abweichende Vorstellungen oder Weltbilder selbst historischer Überlieferung werden mit sektenhaftem Eifer verfolgt und der Vernichtung zugeführt. Selbst private Bereiche werden von ihrem sektenhaften Wahn befallen.
Man kann nur hoffen, dass die Mensche in diesem Land nicht nur darüber meckern, sondern zur Tat schreiten und diese üble Mischpoche dahin politisch befördern, wo sie hingehört, nämlich in die chiottes.

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